Je suis Charlie_007

Wut ist kein guter Ratgeber

Aber Wut und Trotz, die sind eben da. Wut auf diejenigen, die Menschen gegeneinander ausspielen. Trotz, mir nicht aus Angst um Leib und Leben meine Freiheit selbst zu beschneiden. Ich hatte nicht damit gerechnet, dieses Beitragsbild ‚Je suis Charlie‘ noch einmal zu brauchen, aber da steh ich nun und fühle mich genau so schlecht wie damals im Januar.

Es wird viel gesagt in diesen Stunden. Ich lese von Trauer und Fassungslosigkeit und von Ohnmacht. Auch ich bin traurig und fassungslos und noch ein bisschen taub. Denke an die Toten und Verletzten, ihre Angehörigen, die Anwohner, deren Lebensumfeld sich nicht mehr sicher anfühlt.

Ich lese auch von Häme derer, „die es schon immer gewusst“ haben wollen. Was hat der denn gewusst? Dass es schon verlässlich jemanden geben wird, der seine Menschenverachtung teilt und auf die Spitze treibt? Der Kandidat hat 100 Punkte.

Mancher und manchem reicht es allmählich mit Wut und Trauer. Reden reicht nicht, handeln muss man!

Aber wie?, fragen andere. Wie können wir handeln und dabei unsere Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, von Einigkeit und Recht und Freiheit aufrecht erhalten? Wie können wir auf demokratische, nachhaltige Weise handeln? Wie können wir Artikel 1 des Grundgesetzes Geltung verschaffen, der da heißt:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
[..]

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da steht nichts von nur deutschen Menschen oder nur christlich getauften Menschen oder nur Menschen, die Schweinefleisch essen. Und da steht auch nichts von Gerechtigkeit an deutschen Stammtischen und in deutschen Vorgärten. Sondern von Gerechtigkeit in der Welt. Guck ruhig nochmal genau hin.

Juristisch betrachtet bindet Artikel 1 des Grundgesetzes in erster Linie staatliches Handeln oder Nichthandeln. Aber wer ist der Staat in einer demokratischen Republik? Das Volk.
Artikel 20 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes lässt daran nicht den Hauch eines Zweifels:

(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.

Deshalb ist es das Recht und die Pflicht jeder und jedes einzelnen von uns, die Würde der Menschen um uns herum zu schützen und zu verteidigen.

Sich eindeutig zu positionieren ist darum nicht nur Reden. Es bedeutet, denen, die sich alleingelassen fühlen, zu zeigen: Das bist du nicht. Ich höre, sehe und sage: Das erlaube ich nicht! In einer Demokratie ist das unser bevorzugtes Mittel. Wir machen unseren Volksvertretern klar: Wir fordern eine andere Politik! Eine Politik, die allen Menschen dient.

Keine Rüstungsexporte, kein Lohndumping in einer globalisierten Wirtschaft, keine Unterstützung undemokratischer Regimes, keine Mauscheleien unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Während alle Welt über Flüchtlingsströme und Terror spricht, werden hinter unserem Rücken TTIP und Vorratsdatenspeicherung vorangetrieben, was zu weiterer Ent-Demokratisierung führt. Undemokratische Bestrebungen einerseits und Ungerechtigkeit in der Welt andererseits kann man nicht von einander trennen. Solange wir noch in einer Demokratie leben, kann, soll und muss jeder Einzelne etwas tun: Eben nicht die Klappe halten, sondern sagen: Nicht mit mir!

Deine und meine Stimme legen fest, wer auf welche Weise regiert. Nutzen wir diese Macht!

5 Gedanken zu „Wut ist kein guter Ratgeber

  1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Satz, der so viel beinhaltet und doch so einfach ist. Ich wünschte jeder könnte dies verinnerlichen. Vielleicht helfen ja Deine Erläuterungen dem einen oder anderen das zu verstehen.
    Und genau: Dieses Grundgesetz gilt für Deutschland, Artikel 1 sagt es ganz einfach… und auch mir steigt schon wieder der Grrrrrrrrrrr hoch, wenn ich dazu z. B. an das Lohndumping denke. Mindestlöhne werden von unseren Politikern in manchen Bereichen festgelegt, andere finden wiederum Wege diese zu umgehen, Mieten steigen (trotz angeblicher Mietpreisbremse)… wo ist der Schutz und wo sind die Täter? Würdevoll abtreten, das können se mit dicken Diäten auf Lebenszeit, usw….. grmpf!

    1. Danke, Claire.

      Es wird viel geredet jetzt, überall, und Ich hoffe wirklich, dass allein schon dadurch sich etwas verändert. Das Internet mit seiner Informationsflut überfordert uns manchmal, aber es führt auch dazu, dass wir sehen, andere treiben die gleichen Gedanken, Hoffnungen und Befürchtungen um. Nicht mehr nur die, die laut und hässlich schreien, werden gehört, sondern auch die anderen, die eher dazu neigen, erst mal zuzuhören und sich eine Meinung zu bilden und dann sagen, Moment, so will ich das aber nicht. Und: Guck mal, damit bin ich gar nicht allein.

      Ein Teufelskreis kann durchbrochen werden, wenn etwas Neues geschieht, eine Abweichung im bekannten Verhalten. Vielleicht liegt die Abweichung schon darin, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, sich mitteilen, die das vorher nicht getan haben, weil sie dachten, ihre Gedanken interessieren niemanden. Aber so ist das nicht, es interessiert viele von uns. Und das ist etwas, das ich in diesen Tagen lerne.

      Liebe Grüße an dich
      Sabine

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