Wo sind die Abenteurer?

 

Wondering

 

Für jeden Geschmack gibt es eine Nische, heißt es.

Gibt kein Thema, zu dem nicht irgendwer was geschrieben hätte und das nicht irgendwen interessieren würde. Freunde des Liebesromans? Ja, klar! Fans von Thrillern? Zuhauf! Science Fiction, Steampunk, Krimis? Ja, ja und ja! Was ist mit sogenannter Gegenwartsliteratur? Aber sicher doch, man muss nur wissen, wo suchen. Und was ist mit Abenteuerromanen? Jeder liebt doch eine gute Abenteuergeschichte, oder? Toll! Eine Gruppe für mich, mit gleichgesinnten Autoren und Lesern!

Huhu, wo seid ihr?

Mach ich mich doch auf die Suche, nichts leichter als das, im Zeichen des Internetzes: „Www-Autoren-von-Abenteuerromanen-punkt-de …“

Ah, da sind sie … murmel-murmel … Jack London, klar, weiß ich, weiter … Bla-bla, Schatzinsel, bla-bla, Graf von Monte Christo … Kenne ich doch schon alles! Die waren schon Klassiker vor fünfzig Jahren! Also, wo sind die Autoren von heute? Weiter … Rollenspiel-Romane … Henning Mankell, hm … Huch, wie kommt denn der Nackedei-Roman da rein? … Übersetzungen, Übersetzungen … schon wieder Nackedeis … Gibt’s denn keine Abenteuerromane von hier und von heute? Kann doch nicht sein, bin ich etwa meine eigene Nische? Bin ich etwa allein…lein…nnn… GIBT’S HIER EIN ECHO?!

Ups, aus Versehen die Hochstelltaste erwischt. Ist ja sonst nicht so meine Art, aber manchmal könnt‘ ich ja schon … Grmblfzx!

Ich möchte mich doch auch austauschen können, nicht nur über SF-Romane und Gegenwartsliteratur, die ich beide sehr schätze, sondern manchmal auch über einen echten Kracher, der hier und jetzt einfach mal auf die Pauke haut … einfach so halt! Aber nix. Keiner sagt was. Ist meine Nische leer?

Ja, ja, ich weiß. Der Dichter im undichten Kämmerlein, mit Schal und Mütze und Schirm im Bett — weil’s ihn friert, ne? — und ganz allein. Leiden mit, durch und für die Kunst. Und der wahre Dichter ist sich ja sowieso selbst genug … Ja, Pustekuchen! Überall finden sich Fangruppen für die Freunde von Liebesromanen und Thrillern. Die lassen ihre Dichter Autoren hochleben und feuern sie an.

Wo also sind die Leser, die mit ähnlicher Begeisterung über Abenteuerromane sprechen? Romane, in denen Action nicht nur Mittel zum Zweck für brodelnde Leidenschaft zwischen Heldin und Love-Interest bleibt, in denen aber die geballte Adrenalinladung auch nicht nur darüber hinwegtäuscht, dass da gar keine Gefühle sind?

„Eeeek! Gefühle, im Abenteuer & Action-Roman? Bist du irre?“

Klar bin ich das. Äh, nein, natürlich nicht! Aber sag, warum sollten sich Gefühle und Action denn ausschließen? Erst durch das, was die Action in uns auslöst, wird die Sache doch spannend! Vor allem Männer hören das angeblich nicht gern, weil Gefühle immer noch als etwas gelten, das uns schwach erscheinen lässt. Man(n) wird weniger respektiert, auf Emotionen achten nur Idioten — das Wort „gefühlsduselig“ sagt doch schon alles. Hallo! Nachdenken! Wenn das alles immer so total emotionslos abliefe, bräuchte man ja morgens gar nicht mehr aufstehen. Arbeiten, essen, schlafen würden dann vollkommen reichen. Wofür? Ach, egal, noch durchschnittlich fünfundsiebzig Jahre, dann hat man es hinter sich … Quatsch. Ohne Gefühle geht gar nichts.

Es ist doch ein völlig überholtes Klischee: ‚Frauen wollen Gefühlskram, Männer was für den Kopf‘ (andere Körperfunktionen lassen wir mal außen vor). Wenn Feuilleton und Rezensenten daran immer noch festhängen, dann zeigt das doch nur, wie schwerfällig der Literaturbetrieb sich an Veränderungen gewöhnt. Aber das wäre einen eigenen Rant wert. Zum Thema ‚Stellung der Frauen im Literaturbetrieb‘ hat übrigens Nina George jüngst mal wieder einen Artikel veröffentlicht. Gerne hätte ich ihn ja verlinkt, aber heutzutage muss man ja höllisch aufpassen, dass einem die verlinkte Seite die erhöhte Aufmerksamkeit nicht mit einer Abmahnung dankt. Aber das ist dann auch eine andere … *bricht ab, fragt den Assistenten: Darf ich das so noch zitieren?*, *erinnert sich, dass sie gar keinen Assistenten hat*, *zuckt die Schultern*. Sucht ihn euch halt selbst im Netz raus, den Artikel.

„Äh, moment mal, was hat denn das Feuilleton damit zu tun? Die kritisieren doch wohl nur hohe Literatur mit Tiefgang. Sagtest du nicht, du suchst Gleichgesinnte für Abenteuerromane? So mit viel Action und Kawumm?“

Ja … und? Dürfen die nicht auch Tiefgang haben? Was heißt dennn überhaupt Tiefgang? Das bedeutet doch, der Roman wirft philosophische Fragen auf, politische, ethische. Tun Abenteuerromane das nicht auch — denn welches Abenteuer könnte größer sein als der Kampf gegen Gegner, die die eigenen grundlegenden Werte mit Füßen treten? ‚Der Graf von Monte Christo‘, ‚Die Schatzinsel‘, ‚Die Abenteuer des Huckleberry Finn‘ — haben die nicht jede Menge Krawumm UND Tiefgang? Wer sagt denn, Tiefgang sei nur was für auserlesene wenige? Wie wir mit uns und unserer Umwelt umgehen, wie wir damit umgehen sollten, geht doch alle an. Interessiert auch alle! Nicht nur die im Elfenbeinturm. Herrje, wenn Chuck Wendig mit dieser Kombination aus Action, Abenteuer und Gesellschaftskritik große Lesergruppen begeistern kann, warum soll das dann nicht auch hier gehen, im Land der Dichter und Denker?

Mehr als einmal begegnet mir hierzu die Antwort, „die Leser“ wollten sich bei einem Buch halt lieber entspannen. Einfach mal zurücklehnen und in eine Fantasie entschweben. Oder sich eben mal so richtig gruseln, der Möglichkeiten zur Entspannung sind ja viele. Hauptsache, nicht zu viel denken müssen. Nix Kompliziertes, nix, bei dem man bis zum Schluss so gar nicht weiß, wie das alles zusammenhängt. Fast hätte ich es geglaubt. Beinahe hätte ich meinen Agentenroman Trau mir nicht! zurückgezogen, nachdem mir eine wutentbrannte Rückmeldung dazu um die Ohren geflogen war: Nur Rätsel über Rätsel, nichts ergäbe einen Sinn, alles total verworren und die Autorin — also ich — wollte das Geheimnis wohl mit ins Grab nehmen. Bumm.

Ich war vollkommen vor den Kopf gestoßen. Ich liebe diese Geschichte. Sie hat diese Mischung aus Spannung, Abenteuer, Romantik und tiefere Bedeutung, die ich selbst gerne lese. Ich wollte — nein, will! — dieses Abenteuer mit den LeserInnen teilen, sie sollen davon so viel wie möglich mitnehmen können. Und was wäre ein Agentenroman ohne Finten und Haken? Monatelang hatte ich an den Hintergründen gefeilt, falsche Fährten gelegt, Hinweise verschleiert, Köder ausgeworfen, um nur ja nichts zu verderben, in dem ich zu früh zu viel verrate. Einen Riesenspaß hatte ich dabei, mit den Lesern Katz und Maus zu spielen … Stattdessen fühlte sich zumindest eine Leserin anscheinend schlicht verarscht.

Hat sie recht? Ist der Roman wirklich zu kompliziert? Erfolgt die Auflösung zu spät? Mache ich es den Lesern zu schwer, noch „mitzukommen“?

Oberstes Gebot nicht nur beim Filmemachen:

„Du sollst nicht langweilen.“ — Billy Wilder

Habe ich in dieser elementaren Weise versagt, habe ich meine Leserin im Stich gelassen, indem ich sie mit einer undurchdringbaren Geschichte langweilte? Hätte ich mich auf meine Leserin besser einlassen sollen? Hätte ich verständlicher schreiben müssen?

In Wahrheit überlege ich bei jedem Wort, ob es passt, ob es verständlich ist, ob es aussagt, was es aussagen soll. Gibt es ein Wort, das bekannter ist und beinahe genau so gut ausdrückt, was ich sagen will? Manchmal ist das so, und bei Jugendbüchern bin ich bereit, ein fast so gutes Wort dem weniger bekannten vorzuziehen, der besseren Lesbarkeit zuliebe. Nie kam ich jedoch auf die Idee, meine Romane für erwachsene Leser künstlich zu vereinfachen. Im Gegenteil. Lebt nicht ein Roman von bewusstem, kunstfertigem und bisweilen spielerischem Umgang mit Sprache? Ist das nicht der Grund, warum wir die Endfassung lesen, statt des Skripts? Und lebt nicht inhaltlich gerade der Spionageroman von Spannung, von undurchsichtigen Geschäften und Intrigen? Von unerwarteten Allianzen und überraschenden Wendungen — bis zum Schluss?

Ist es denn wirklich wahr, dass „die Leser“ nicht denken-müssen wollen? Welche Leser? Und will ich Bücher schreiben, bei denen man nicht denken muss?

Was klingt, wie eine rhetorische Frage, hab ich tatsächlich lange Zeit in Erwägung gezogen. Aber es geht nicht. Ich bin ein nachdenklicher Mensch. Man könnte auch sagen, ich grüble viel. Ich kann nicht nicht-denken. Wahrscheinlich merke ich es nicht einmal, an welcher Stelle genau meine Romane nachdenklich werden. Aber das ist keine Sackgasse, es ist nur eine Hürde. Ich bin überzeugt, man kann nachdenklich UND mit Action und Krawumm schreiben — wenn man es richtig anpackt. Und das ist mein Ziel.

Wo also ist meine Nische? Bei den Lesern, für die Mitdenken-können der Sinn beim Lesen ist. Die sich langweilen, wenn sie noch vor dem Kommissar den Mörder festnageln. Die auf der Suche sind nach Geschichten, bei denen noch im letzten Kapitel eine Überraschung auf sie wartet. Die mich bei der Jagd nach dem Schatz schlagen wollen, aber im Stillen hoffen, dass ich sie überliste — des Abenteuers wegen. Wo bist du? Dich suche ich! Lass mich nicht als Robintochter auf der Insel allein.

Nachtrag:

Kurz vor Redaktionsschluss gestern (sprich, als ich mich gerade anschickte, alles runterzufahren und mich zu einer Folge ‚NCIS‘ aufs Sofa zu verkrümeln) stolperte ich bei Facebook über einen Beitrag, der mich erst zu der Bloggerin/Autorin Anja Stephan und von ihr zu der Autorin Zarah Philips (nicht die aus dem englischen Königshaus, ne 😉 ) führte und KAWUMM! Es gibt sie, die Gleichgesinnten, alles ist gut, nun kann das Jahr 2017 ja richtig losgehen.

Cover: Trau mir nicht!
Abenteuer und Spionage in Südfrankreich. Komm mir auf die Schliche, wenn du kannst!

2 Comments

  1. Nat

    Wus? Nackedei Abenteuerromane? Klingt ja..spannend…nicht.
    Daher kommt bestimmt der Begriff Sexabenteuer. Oder umgekehrt.

    Jedenfalls, statt Rant hätte ich Schimpfkanonade geschrieben:)

    Ich glaube ja, es gibt für alles eine Zeit. Und vielleicht ist die Zeit für Abenteuerromane noch nicht wieder reif. Also für richtige Abenteuer, sozusagen.
    Wobei richtig jetzt nicht „real“ ist, sondern mehr so zwischen Indiana Jones und der Odyssee. Fremde, erstaunliche Orte, merkwürdige Sitten und Gebräuche und ein Artefakt. Ein MacGuffin. Eine Formel die es zu entschlüsseln gilt. Die Bundeslade, was weiss ich…Böse Bösewichte und eine coole Heldin (zur Not geht auch ein Held), die intelligent ist, die weiß was sie will und vor allem weiß, was sie nicht will. Vielleicht eine Mischung aus Agatha Christie, Mary Evans und Hildy Johnson. Geistreich und witzig und schlagkräftig.

    Jedenfalls nicht so dooooof cool, wie heute Heldinnen oft dargestellt werden, meistens von männlichen Schreiberlingen.

    Jedesmal wenn ich einen Artikel bei dir im? auf? deinem Blog lese, fällt mir ein, wieviel ich schon gelesen habe. Alles verdrängt:)

    Udn wenn mir das wieder einfällt, fällt mir auch wieder ein, was mich beim lesen am meisten fasziniert. Es sind gar nicht die Protagonisten an sich. Es sind die Orte.
    Ob nun der Mississippi, ein ferner Planet oder Samarkand, das alte Rom oder Byzanz. Wie haben die Leute da gelebt? Was haben sie gegessen, wie Mehl gemahlen, welche Sitten und Gebräuche hatten die? Solche Dinge eben.

    Ein Roman ist dazu da, meinem Eskapismus zu dienen. Mich an seltsame Orte zu entführen, wo seltsame Menschen seltsame Dinge tun.
    Und er muss ein Ende haben! Damit ich darüber nachdenken, mir selbst ausmalen, wie es weitergeht, oder warum das Ende so ist wie es ist.
    Ich hasse nämlich Fortsetzungen:)

    Viel prägnanter hat es Francis Bacon ausgedrückt:
    „Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen.“

    Ich wünsche dir ein erfolgreiches und wunderbares 2017!

    Nat

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