Was bleibt

Dieser Tage wird mir die Endlichkeit allen Lebens so richtig deutlich vor Augen geführt. Wir reden hier nicht vom berühmten Wink mit dem Zaunpfahl. Das hier ist eine verdammte Reklamewand und sie bläut mir ihre Botschaft unmissverständlich ein. Irgendwann ist Schluss, und wenn du nichts hinterlässt, dann ist es, als wärst du nie gewesen.

Das ist vielleicht nicht mal das Schlimmste. Wirklich schlimm ist es, wenn du auch vorher nicht da warst. Was bringt es denn, den ganzen Tag herumzuhetzen, verlässlich zu sein, verantwortungsbewusst und hilfreich – wenn du vor lauter Pflichtbewusstsein nie dieses Buch zu Ende schreibst, nie dieses Bild vollendest, nie diese Reise antrittst, von der du schon als Kind geträumt hast?

Hab ich gerade »den Moralischen«? Wer weiß. Pflichtbewusstsein ist wichtig und notwendig, wenn wir am Ende keine verbrannte Erde hinterlassen wollen. Und selbst wenn wir immer alles geben, werden wir nicht alle Pläne verwirklichen, nicht alle Ziele erreichen und nicht alle Wünsche erfüllen. Manche begonnenen Memoiren werden als Loseblattsammlung zurückbleiben. Und niemand wird sie vollenden können, so wie es uns vorschwebte.

Niemand wird ein Manuskript beenden können, ganz so, wie ich es mir vorstellte. Jeder Mensch denkt und fühlt einzigartig. Jedem sind andere Aspekte einer Geschichte wichtig. Niemand kann wissen, welche Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht hinter meiner Stirn darauf warten, in Worte gefasst zu werden. Wenn ich sie nicht schreibe, bleiben sie für alle Zeit ungeschrieben.

Also schreibe ich. Jetzt. Jeden Tag. Wann immer sich die Gelegenheit bietet und solange die Gedanken fließen. Und am Ende wird vielleicht jemand meine Worte in den Händen halten und wissen, dass es mich gegeben hat.

4 Comments

  1. Endlichkeit wächst es dann, wenn man seine Träume vergisst.
    Dann hat die Unendlichkeit plötzlich einen Horizont.
    Je mehr seiner Träume man dem Orkus opfert, desto schneller rückt dieser Horizont näher und zieht eine Linie des Pflichtbewußtsein, die, je näher der Horizont kommt, zum Berg wird, zum Himmel und schließlich zur alles einhüllenden Leere, die dich unter sich begräbt.
    Vielleicht ist das einzige Heilmittel von seinen Alltagspflichten aufgefressen zu werden, die Waage zu halten zwischen dem, was man sich wünscht und was ist. Das heißt aber auch den Träumen Raum zu geben, mit ihnen aufzusteigen in den Himmel, damit man über dem Horizont schwebt, ihn dadurch beherrscht und ihn so an den Anfang der Unendlichkeit zurückschiebt.

    1. Liebe Lidschlag,

      das sind schöne Bilder. Das hieße, gar nicht vor Überlastung orientierungslos, fast so ein bisschen körperlos zu sein, sondern weil man noch Träume hat. Ja, wirklich, das gefällt mir.

      Liebe Grüße
      Sabine

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