Vom Wesen der Meinungsfreiheit

Darf ich als unbekannte Autorin zu Fragen Stellung beziehen, die mich persönlich wahrscheinlich nie betreffen werden?
Mit anderen Worten, darf ich einen offenen Brief unterzeichnen, der dazu auffordert, die Statuten zur Vergabe des Deutschen Jugendliteraturpreises zu ändern – obwohl ich aus unterschiedlichen Gründen mit ziemlicher Sicherheit nie in den Genuss dieses Preises kommen werde?

Wenn nun Menschen aus dem Wirkungskreis der Preisvergabe mit Vorwürfen reagieren, die mich mit den übrigen Unterzeichnern in eine Ecke neidvoller Deutschtümelei schieben, sollte ich mich angegriffen fühlen? Sollte ich mich schämen, sollte ich mir wünschen, nie aus der Anonymität getreten zu sein, damit man mich nicht mit einer angeblich „populistischen Sache“ in Verbindung bringt? Um es mir nicht mit der Jury zu verscherzen oder, schlimmer noch, dem Feuilleton?

Tatsache ist, dass man weder hier noch dort meinen Namen kennt. Also könnte ich mich klammheimlich verdrücken und abwarten, bis die Angelegenheit in Vergessenheit geraten ist. Ich habe nichts zu gewinnen. Und es ist ja nichts verloren; wen interessiert schon, ob Autorin Sch. eine deutschtümelnde Neiderin ist, die literarisch sowieso unter ‚Ferner liefen:‘ einzuordnen ist. Den Blog liest eh keiner. Meine Tweets offenbar auch nicht. (Oder, @FAZ_Feuilleton?)

Und warum soll ich mich mit Antje Wagner solidarisch zeigen, nur weil sie der Initiative in diesem offenen Brief ihren Namen geliehen hat und nun ins Kreuzfeuer der Polemik gerät? Die per Mail, Feuilleton-Beiträgen und Kommentaren von DJLP-Verantwortlichen unsachlich und unwürdig persönlich angegangen wird?

Vielleicht, weil ich mir gut überlegt habe, ob, warum und wie ich das Anliegen der Initiative unterstütze? Weil ich überzeugt bin, meine Unterschrift für einen unterstützenswerten Antrag geleistet zu haben? Weil ich mich nicht von feindseligen Unterstellungen stoppen lasse, die erstaunlich früh mit Totschlagargumenten jede inhaltliche Diskussion zu verhindern suchen?

Meinungsfreiheit ist eben nicht nur, eine Meinung haben zu dürfen, sondern auch, sie äußern zu dürfen, selbst wenn es unbequem wird. Worum es der Initiative von Autoren und Illustratoren geht, kann man hier im Wortlaut nachlesen. Das kann ich besser nicht formulieren und werde es nicht wiederholen, um mich gegen unsinnige Vorwürfe zu verteidigen.

Ich weiß, wer ich bin, wofür ich stehe und was ich mit meiner Beteiligung an dieser Initiative erreichen möchte. Mit Deutschtum, Ausländerfeindlichkeit und Neid hat das jedenfalls nichts zu tun.

Ich stehe zu meiner Unterschrift.

 

NACHTRAG 13.05.2013:

Die Nachträge sprengen bereits den Kommentarraum, daher habe ich mich entschlossen, sie aus meiner Antwort an Alice herauszuschneiden und stattdessen hier oben einzufügen.

Hier also einige Kommentare von geschätzten Kolleginnen:

Die Schweizer Autorin Alice Gabathuler schreibt in ihrem Blogbeitrag: „Literaturpreise – von geistigen Schützengräben und wie es auch anders ginge“. http://wwwkreuzundquer.blogspot.de/2013/05/literaturpreise-von-geistigen.html

Auch Angelika Lauriel hat sich geäußert: „Erschreckend vielmehr finde ich, dass bereits die allererste Antwort auf den Brief mit der Nazikeule zuschlug und dass sich daran bisher kaum etwas geändert hat. [..] ich habe mich tatsächlich von dem eiskalten Wind einschüchtern lassen, der allen Unterstützern dieser Initiative ins Gesicht bläst. Damit soll Schluss sein.“ http://www.angelikalauriel.de/Mein-Notizblog-.htm

Heike Schulz schreibt in ihrem Statement zu ihrer Unterschrift: „Die Art und Weise, wie unermüdlich mit vollem Bewusstsein Inhalte des Offenen Briefs verdreht werden, grenzt bereits an Boshaftigkeit. Offenbar hätte man gerne, die Initiative würde eine Berücksichtigung alleine deutschsprachiger Titel fordern, aber dem ist NICHT so, selbst wenn noch so oft das Gegenteil behauptet wird! Wir fordern lediglich eine Gleichstellung. Warum tun sich die Gegner der Initiative so schwer, das zur Kenntnis zu nehmen? Weil es sie um ihr stärkstes Gegenargument bringen würde? Stattdessen geht man hin und greift einzelne Personen, die in der Sache federführend sind, unsachlich an und zieht sie ins Lächerliche. Darüber hinaus spricht man uns Autoren die Fähigkeit ab, die Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Kinder in unseren Texten wiedergeben zu können. Zur Krönung des Ganzen unterstellt man uns Futterneid und unterschwellig sogar faschistische Tendenzen. Dies ist unseriös und absolut inakzeptabel.“ http://heike-schulz.com/

Auch Annette Weber nimmt in ihrem Blog Stellung. „Der Brief war sehr ausführlich, sachlich, klar und differenziert. Was nun aber zurück gemeldet wird, lässt einen am Verstand der Menschheit zweifeln.“ http://annette-weber.blogspot.de/2013/05/deutscher-jugendbuchpreis-die-zweite.html

Monika Larsen schreibt auf ihrer Homepage: „Auch ich habe den Offenen Brief der Initiative neben vielen geschätzten Autorenkolleginnen und -kollegen unterzeichnet, weil ich der Meinung bin, dass es nach fast 60 Jahren ein durchaus berechtigtes Ansinnen ist, die Vergaberichtlinien für den Deutschen Jugendliteraturpreis auf den Prüfstand zu stellen. [..] Der Offene Brief ist eine sachliche Anfrage verbunden mit einem konstruktiven Vorschlag für eine Veränderung. Das halte ich für absolut legitim und bin schockiert, dass in einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht, die Initiative von uns AutorInnen und IllustratorInnen in den Gegenstimmen auf Basis von verfälschten Wiedergaben der Intention des Offenen Briefes auf arge Weise angegriffen wird, sei es durch die Unterstellung von neidischen Beweggründen und Deutschtümmelei oder dem unterschwelligen Nazivorwurf.“ http://www.monikalarsen.de/61401.html

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