Vom Frauenbild in der Genre-Literatur

Es ist schon wieder passiert. Seit Tagen trage ich mich mit dieser Idee zu einem Blogpost. Zu viele Deadlines hielten mich bisher ab, heute finde ich endlich Zeit dazu — und werde schon wieder von der Wirklichkeit überholt. Schon beim Frühstück begrüßt mich die Nachricht von einer Massenvergewaltigung in Brasilien. Guten Appetit.

Nein, über Vergewaltigungen im sogenannten „richtigen Leben“ wollte ich gar nicht schreiben, jedenfalls nicht ausschließlich, sondern ganz allgemein vom Frauenbild in der Literatur, genauer gesagt, der Genre-Literatur. Das eine bedingt wohl aber das andere, und so stehen wir hier.

Was läuft da schief in den Köpfen? Wie kommt man zu der Vorstellung, ein knapper Minirock, ein tiefer Ausschnitt bedeuten die nonverbiale Aufforderung: Setz mich mit K.O.-Tropfen außer Gefecht, tu mir Gewalt an, missbrauche meinen Körper zur Befriedigung deiner Triebe?

Schon mal darüber nachgedacht, dass es wahrscheinlich einfach nur heißt: Schau mich an, ich bin schön, ich habe Spaß am Leben, ich fühle mich wohl und:

Falls ich dich mag, könnten wir uns näher kommen. Falls ich nicht mag — geht jeder seiner Wege!

Nur weil ich schön bin, hast du kein Recht darauf, mich zu benutzen. Das weißt du auch. Deshalb brauchst du ja die K.O.-Tropfen, um dich darüber hinwegzusetzen. Also komm mir nicht mit Ausreden. Du bist ein feiger Verbrecher und du weißt es. Dass deine Freunde auch feige Verbrecher sind, macht es nicht besser, sondern noch peinlicher.

So. Soweit das Grundsätzliche, jetzt zum eigentlichen Thema:

Frauen in der (Genre-)Literatur.

Es gibt sie. Ja, tatsächlich. Es gibt sie als Protagonistin, als Nebenfigur und als Antagonistin. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum von ihren männlichen Kollegen: Sie sind erfunden, erdacht, mehr zwei- als dreidimensional, archetypisch oder der eigenen Traumfrau bzw. der fiesen Nachbarin nachempfunden. Geht ihren männlichen Kollegen nicht anders.

Warum also überhaupt darüber reden? Weil es — so will es die Konvention — einen Unterschied gibt, je nachdem, für welchen Markt die Figuren erdacht werden.

Der Genre-Markt ist mehr oder minder streng aufgeteilt in Bücher von Frauen einerseits und Bücher von Männern andererseits. In einer ausschließlich von Verlagen erschaffenen und nach ihrem Bild geformten Literaturwelt schreiben Frauen Chick-Lit und Romantasy, Männer schreiben Serienkiller-Thriller und Science Fiction. So steht’s auf dem Cover. Braucht ja niemand zu wissen, dass sich hinter einem ‚John Mansman‘ in Wirklichkeit ‚Johanna Nette‘ verbirgt. Oder hinter  ‚Candace Hottiehot‘ in Wahrheit ‚Karl-Heinz Günther‘ (der gleich noch zum Bäcker muss, und Milch ist auch alle).

Seit Autoren auch in Massen selbst Bücher herausbringen, gilt das so nicht mehr uneingeschränkt. Viele halten sich nach wie vor daran, Altbewährtes wirft man nicht ohne Not über Bord. Aber gerade neue Autoren, die sich mit solchen Konventionen nie eingehend beschäftigt haben (bzw. nicht mussten), die kommen dann schon mal auf die aberwitzige Idee, eine ‚Gerlinde Müller-Spreeblick‘ könnte sehr wohl einen blutdürstigen Jack-the-Ripper-Thriller schreiben. Und ‚Jason Hammerschlag‘ mag vielleicht viel lieber Lyrik und ist stolz, seinen Geburtsnamen auf dem Cover zu lesen. Guckt mal — das habe ich verfasst!

Also ist doch — oder kommt doch wenigstens — alles in Ordnung?

Nö. Denn was lange währt haftet noch länger an. In Krimis, Thrillern, Science Fiction und Fantasy wimmelt es von He-Men und Barbarellas, von geraubten Prinzessinnen und bösen, lüsternen, wenn auch zugegebenermaßen heutzutage sehr erotischen Hexen. Wenn dann jemand auf die Idee kommt, Protagonisten könnten doch auch beilschwingende Amazonen sein oder androgyne Vampir-Hexer, dann müssen sie wenigstens lesbisch sein oder asexuell oder aber im Grunde ihres Herzens keusch und sich am Ende doch in die starken Arme eines männlichen Love-Interests werfen.

Glaubst du nicht?

Lies mal zum Beispiel hier, was ein Chuck Wendig dazu zu sagen hat, ein Mann (ups!), mit toughen, weiblichen Protagonisten, die nicht lesbisch sind und sich in der Welt gegen alle Widerstände zu behaupten versuchen. Schreiben tut er das, und er verteidigt das auch — aber gegen welchen Gegenwind!

Es geht ums Nachdenken. Ums Umdenken. Darum, alte Denkmuster, die uns von Verlagen seit Jahrhunderten vorgegeben wurden, weil sie sich am besten vermarkten lassen, abzulegen. Schriftsteller schreiben, weil sie etwas zu sagen haben. Klar, jeder muss auch die Brötchen verdienen, aber das könnte man wesentlich einfacher hinter der Theke im Schnellimbiss oder als Löwenbändiger im Zoo. Nein, Autoren schreiben, weil die Gedanken raus müssen. Weil sie kein Selbstzweck sind, sondern Mittel der Kommunikation. Was kommunizieren wir? Wie wir die Welt gerne hätten. Und deshalb ist es fatal, wenn wir, auch wenn wir ganz anderer Meinung sind, brave weibliche Sidekicks für männliche Superhelden schreiben, statt die Frauen selbst die Dinge erledigen zu lassen. Und wenn wir doch der Meinung sind, dass der Platz der Frau an der Seite des Helden ist (oder schräg hinter ihm, damit sie nicht die volle Wucht abkriegt) – dann ist das entlarvend.

Das Thema ist vielschichtig. Vermeintlich in Granit gemeißelte Geschlechterrollen fußen tief in uns, aller Frauenbewegung zum Trotz. Das kann und will ich nicht in einem einzigen Blogpost aufarbeiten. Ich kann aber immer dann, wenn jemand behauptet, Frauen wollen das so in ihrem tiefsten Inneren — deshalb lesen sie es doch zu Tausenden! — dagegenhalten: Ich will das nicht und ich weiß, damit bin ich nicht allein. Und für diese Menschen (und da sind dann vielleicht auch Männer dabei oder andere) — für die schreibe ich. Mit Frauenfiguren, die selbst denken und handeln, mit Männerfiguren, die selbst-denkende und -handelnde Frauen als selbstverständlich empfinden. Natürlich gibt es auch viele andere Figuren, mit ganz unterschiedlichen Denkmustern. Aber meine titelgebenden Heldinnen und Helden brauchen kein Konventionen-Korsett, um sich aufrecht zu halten.

Wenn also auf einem Buch Sabine Schäfers steht, dann findet sich darin eine Riege starker Charaktere, männlich, weiblich oder etwas anderes, die auch mal schwach werden oder Hilfe suchen. Die aber immer den eigenen Kopf benutzen und am Ende gemeinsam etwas verändert haben.

Nachwort:

Dass trotzdem ‚Yasemin Bilgiç‘ lieber als ‚Candace Hottiehot‘ Erotikromane verfasst, steht auf einem ganz anderen Blatt und führt wieder direkt zur Ausgangsaussage zurück: Nein, nur weil ich Erotik schreibe, bin ich kein rechteloses  Objekt. Ich bin ein Mensch und nach Artikel 1 des Grundgesetzes ist meine Würde unantastbar. Deal with it.


Und noch ein Nachwort: Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass ich die Teilen-Buttons aus dem Blog entfernt habe. Dazu habe ich hier eine kurze Notiz gepostet. Falls du diesen Blog-Eintrag teilen möchtest, freue ich mich sehr! Es geht auch ganz einfach: Beitrags-Adresse aus der Adress-Leiste deines Browsers per copy&paste kopieren und einfach an passender Stelle einfügen. Danke 🙂

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