Tausend und ein Gedanke

Wenn dir morgens zum Frühstück ein Post über das neue Video deiner Freunde in den Briefkasten flattert und das dann auch noch ‚Unmindful‘ heißt …

Kennst du das? Du denkst seit Wochen mehr oder minder intensiv über Themen nach, die irgendwie verbunden sind, du weißt nur noch nicht wie. Und dann kommt jemand daher und sagt oder macht etwas, das — obwohl ihr euch nie abgesprochen habt, euch vielleicht nicht einmal kennt — darauf hindeutet, dass er oder sie gerade ganz ähnliche Gedanken wälzt. Man nennt das Koinzidenz und es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue.

Nun ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass Karima meinen Blogpost mitbekommen hat, in dem ich vom neuen Namen dieses Blogs — mindfull — sprach (auch über die Schreibweise). Und ganz vielleicht hat sich das Wort irgendwo bei ihr eingenistet und neue Ideen ausgebrütet. Ganz sicher jedoch hat Karima (mit Dale Innis’ Hilfe) in ihrer virtuellen Welt und in ihrer Lyrik etwas ganz eigenes geschaffen, allein aus ihrem Innersten heraus.

Als wäre das nicht genug, schreibt sie:

„it was an experiment, to prove or disprove something I had come to believe: “You don’t need an idea to create…ideas come…all you need to do is start.”

Exakt der Gedanke, den ich in meinem jüngsten Blogeintrag folgte: ‚Go with the flow‘. Ohne Absprache haben wir gleichzeitig das Bedürfnis gespürt, diesen Gedanken auszudrücken.

Weil es Zeit ist, darüber zu sprechen.

„Manche Themen liegen einfach in der Luft“, heißt es. Je existenzieller, desto wahrscheinlicher denken so viele Menschen darüber nach, dass einem der Gedanke in Gesprächen immer wieder begegnet. Je häufiger man dann darüber stolpert umso intensiver denkt man darüber nach. Bis eine kritische Masse an Gedanken entsteht und du entweder zustimmst oder einen inneren Widerstand spürst. Und dann reicht es nicht mehr, darüber nachzudenken, dann muss der Gedanke ausgesprochen werden, denn der Idee folgen Entscheidungen und vielleicht Veränderungen.

Was aber könnte essenzieller sein, als die Frage nach der eigenen Identität? Nach dem eigenen Platz im Weltgefüge? Es erscheint dir vielleicht wie ein Luxusproblem — wenn ich jeden Tag den ganzen Tag auf der Suche nach Nahrung, Schutz und sauberem Wasser bin, fallen mir abends die Augen zu, bevor ich auch nur ansatzweise ein Lösung dafür finde. Aber ist das nicht schon Teil der Frage? Darf ich es mir erlauben, „sinnlos“ kreativ zu sein? Oder ist es meine Pflicht, alles daran zu setzen damit „erfolgreich“ zu sein? Was ist Erfolg?

Schreiben oder Nichtschreiben, ist die Frage.

Wichtige Erkenntnisse brauchen Zeit. Du probierst alles aus, manches fühlt sich gut an, manches falsch und manches kommt dir so lächerlich vor, dass du gleich abwinkst. Aber welchen Weg willst du wirklich gehen? Abgesehen von dem Gedanken, dass Kreativität einfach entsteht, wenn man sie denn zulässt, treibt mich die Frage um, soll ich sie denn zulassen? Lohnt sich die monatelange, manchmal jahrelange Arbeit an einem Roman, wenn sie sich finanziell einfach nicht auszahlt? Sollte ich besser lukrativere Genres beackern? Kann ich das? Will ich das?

So aus lauter Verunsicherung kommt Frau Autorin schon mal auf den Gedanken, spaßeshalber zu googlen: ‚Soll ich weiterschreiben?‘ Natürlich antwortet das Orakel in Rätseln („10 tödliche Fehler, die Autoren machen“, „7 unschlagbare Tipps, wie du deine Reichweite erhöhst“, „Werde auch du ein Bestseller mit meinem Ratgeber/Seminar!“), und eine der zur Zeit hippsten Handlungsanweisungen lautet: „Bestimme verdammt nochmal deine Zielgruppe, sonst wird das nie was!!!“

Na, endlich! weiß ich, was ich tun muss … Oder?

Die These lautet, willst du erfolgreich sein als Autorin, musst du deine Leser kennen und gezielt für sie schreiben. Dazu gibt es auch gleich Beispiele: „Meine ideale Leserin ist 26, Anwaltsgehilfin, noch auf der Suche nach dem Richtigen, lebt in der Kleinstadt und hat eine Reitbeteiligung, die ihre Freizeit ausfüllt, neben gelegentlichen Shoppingausflügen und Tanzabenden mit den Freundinnen im Club. Bamm! Jetzt weiß ich, was ich als nächstes schreiben muss!“

Ist doch eine ganz simple Frage: Wer ist mein idealer Leser?“

Wo das Problem ist? Ich für meinen Teil weiß nicht, wer mein idealer Leser ist — abgesehen von mir selbst. Und jedes einzelne Mal, wenn ich mich hinsetze und es herausfinden will („Das kann doch wohl nicht so schwer sein!“), scheitere ich schon bei der Altersgruppe. Meine ideale Leserin mag, was ich schreibe — also bin ich das. Alles andere ist eine Riesenmenge Glück und Zufall. Oder eben Koinzidenz. Denn wann immer ich ein Buch lese und denke: Das! Genau das!, trifft deren idealer Leser mit meiner Person zusammen. Muss das im Umkehrschluss nicht heißen, irgendwo da draußen wartet jemand auf genau meine Bücher?

Wer bin ich?

Sinnkrise. Für Autoren wahrlich nichts Neues. Für Nicht-Autoren vermutlich ebenso wenig, nur schreiben sie nicht drüber. Nicht nur, wenn sich die politische Großwetterlage turbulent gestaltet, wird die Frage für empfindende Wesen immer drängender: Wofür stehe ich? Woran ermesse ich meinen Wert? An Job und Kohle, Haus und Familie — so war das lange Zeit. Aber was, wenn das alles verloren geht? Was, wenn man alles verlassen muss und nichts mehr hat als das nackte Leben? Da muss es noch mehr geben.

In Zeiten der Krise neigen fühlende Wesen wahlweise zu zwei extremen, einander genau entgegengesetzten Reaktionen: Die einen werden laut, die anderen leise. Verschiedentlich lese ich bei Kollegen aller Kunstrichtungen von dem Bedürfnis, Stellung zu beziehen, etwas zu tun — und der Furcht, den eigenen Gefühlen und Gedanken nicht angemessen Ausdruck verleihen zu können. Dann wird es plötzlich merkwürdig still im Blätterwald. Was bleibt, ist Rauschen. Und Buchwerbung und Marketingstrategien. Aber da MUSS es noch mehr geben. Und ich finde es. Irgendwann.

Fürs Erste reicht mir diese Gewissheit. Auf irgendeine Weise sind alle diese Gedanken ineinander verschachtelt und miteinander verbunden, und im Zentrum dieser Gedanken steht meine Persönlichkeit. Das bin ich, das sind meine Geschichten. Ich muss nicht wissen, wer mein idealer Leser ist. Was zählt, ist die Geschichte, und die kann so nur ich erzählen. Wenn ich es nicht tue, verleugne ich mich selbst, das kann nicht richtig sein. Wenn ich aber so schreibe wie es mir entspricht, erfülle ich meinen inneren Auftrag und das muss richtig sein, mit oder ohne kommerziellen Erfolg.

Was also tun? Ich lasse die Zweifel, die Furcht fahren und sage:

Ich bin Schriftstellerin.

Ganz ehrlich? Es ist ungeheuer erleichternd, diese Entscheidung getroffen zu haben. Die Dinge weiterhin auf meine Weise tun und schreiben, was ich möchte, wie ich es möchte — das kann ich am besten. Nachdenken und schreiben und eine Menge Spaß dabei haben. Und manchmal jage ich Raumschiffe in die Luft 😉

Apropos Koinzidenz: Noch während ich an diesem Post zimmere, läuft mir der von Sookie Hell über den Weg: Wie du erfolgreich auf Tipps für erfolgreiches Bloggen scheißt – und trotzdem Spaß hast!, in dem es genau um diese allgegenwärtige Frage geht: Was ist dein Alleinstellungsmerkmal? Sprich: Warum sollte irgendwer ausgerechnet deine Beiträge lesen wollen?

Ja, warum? Hilf doch einer alten Frau mal über die Straße — warum liest du meinen Blog/meine Bücher? Schreib’s in die Kommentare!


Zum Abschluss: Falls du es noch nicht getan hast, sieh dir unbedingt die neueste Coproduktion von Randt&Hoisan an:

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Poem written and performed by Karima Hoisan, world ‚Unmindful‘ created on Kitely — Virtual worlds on demand by Karima Hoisan and Dale Innis, machinima by Natascha Randt (best viewed in HD and full screen)

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