Stille

In meinem Kopf ist es still. Es ist so still, dass es mich irritiert, aber es fühlt sich gut an. Es ist nicht die Art von Stille, vor der Künstler sich fürchten. Keine Leere, nicht die Abwesenheit von Ideen. Es ist — Ruhe.

Die Art von Ruhe, die es mir ermöglicht, meinen Gedanken zuzuhören. Das ist gut.

Immer wieder in den letzten Tagen frage ich mich, warum sich meine Arbeit als Autorin so anders anfühlt, als noch vor einem Jahr. Seit Wochen blogge ich kaum, mache keine Bilder, habe mich in mich zurückgezogen. Dabei wird viel diskutiert in den Autorengruppen, Gemeinschaftsprojekte begonnen, Conventions und Messen organisiert, vorbereitet und durchgeführt — alles ohne mich.

Dann ertönt da eine innere Stimme, die sagt: Warum meldest du dich nicht zu Wort? Warum machst du nicht mit? Warum kümmerst du dich nicht darum, dass auch dein Name dabei ist, deine Bücher, deine Stimme?

Es kostet zu viel Kraft. Kraft, die mir dann fehlt für meine Projekte. Social Media ist das, was wir tun, während wir schreiben sollten, hat mal jemand gesagt.

Aber Conventions, Messen, … da musst du doch hin! Wie soll denn sonst jemand wissen, dass es dich und deine Bücher überhaupt gibt?

Die Sache ist die: Ich passe da nicht rein, meine Bücher passen da nicht rein. Ich bin kein Steampunk, kein Geek, kein Trekkie, ich stehe nicht auf High Fantasy oder Reenactment, im echten Leben mache ich auch kein Cosplay. Ich bin nur ein Autoren-Nerd. Ich schreibe Romane. Am Computer, in ein Notizbuch, auf Kaugummipapier, wenn es sein muss. Ich erfinde Geschichten, aber ich spiele sie nicht nach, an Merchandise-Produkten habe ich kein Interesse.

Es ist nicht neu für mich, Außenseiterin zu sein. Das war ich immer schon. Nicht so weit außen, dass es mich in Schwierigkeiten gebracht hätte, aber spürbar. Befreundet mit den It-People, nah genug, um akzeptiert zu sein, aber immer ein bisschen freundlich belächelt. Ich kann mich gut anpassen. Mein inneres Chamäleon ist stark.

Aber ich will das nicht immer und manchmal will ich gar nicht. Und dann bin ich stur. Dann sagt man mir: Aber so kann das nicht klappen, wenn du dies und das nicht so und so machst, schaffst du nicht jenes oder selbes. Und ich mache es trotzdem so, wie ich es für richtig halte — für mich.

Mein Weg ist dadurch oft gewundener, beschwerlicher, aber er führt mich an ein Ziel, das zu mir passt. Nicht der Gipfel, den andere erstürmen, worum ich die manchmal beneide, die ihn erreicht haben. Aber ein Hochplateau, das andere vielleicht nicht einmal bemerken. Und hier fühle ich mich wohl, auch wenn es still ist hier. Stille ist gut. Hier kann ich denken und meine Ideen zu Geschichten formen.

Mein Plateau ist keine private Insel. Ich freue mich über Besuch, ich freue mich über jeden, der die Stille mit mir teilen mag. Ob als Leser oder als Kollege. Ja, und manchmal mache ich auch gerne einen Besuch auf der Party-Insel nebenan. Dann stehe ich dabei und freue mich an der Euphorie der anderen, an ihrer Energie, ihrer Tatkraft, ihren Erfolgen.

Dann drängt es mich manchmal, mitzutun, gleichzuziehen, loszusprinten, … aber das bin dann nicht mehr ich. Mein inneres Chamäleon verausgabt sich und muss nach Hause, Kraft tanken. Einsehen, dass mein Weg ein anderer ist.

Und das ist gut.

9 Comments

  1. Alice Gabathuler

    Ich liebe dich für diesen Post.
    Darum geht es. Sich zu sein. Bei sich zu sein. Zu fühlen und zu wissen, was man will und was einem gut tut. Geh deinen Weg. Unbeirrbar. Es ist der richtige, denn es ist deiner.
    Alice

    1. Anscheinend bin ich damit gar nicht allein, und das finde ich wieder schön. Ist auch nicht schlimm, wenn ich ab und zu vom Weg abkomme. Innehalten, wenn sich etwas nicht mehr richtig anfühlt, und Umschwenken auf den passenden Weg ist immer möglich.
      Danke dir!

  2. Liebe Sabine, das ist ein wunderbarer Blogbeitrag, den ich sehr gern gelesen habe. Ruhe und Stille – alle Welt sehnt sich danach, aber kaum jemand kann sie wirklich aushalten. Das muss man aber, wenn man den eigenen Weg erkennen will. Herzliche Grüße, Ellen

    1. Liebe Ellen, jetzt muss ich ja gestehen, dass ich Stille ganz gut aushalten kann, schon immer. Manchmal bin ich gerne mitten im Trubel, bis ich dann wieder so viel aufgenommen habe, dass ich Zeit brauche, das zu verarbeiten und kreativ umzusetzen. Und ein bisschen dankbar zu sein 🙂
      Herzliche Grüße, Sabine

  3. Celine Zauber

    Ich erwähne in solchen Momenten gern “ Man muss sich die Zeit nehmen, damit die Seele den Körper einholen kann.“ Ich bin Früher mindestens einmal in der Woche an die Elbe gefahren und habe etwa eine Stunden auf das fließende Wasser geschaut. Es tat gut, so gut… Das Wasser nahm alle negativen Gedanken und Gefühle mit, geblieben ist nur unendliche Ruhe und Zufriedenheit, das Gefühl wieder in sich zu ruhen. Umso mehr freue ich mich auf die Ostsee im April, ich werde wie neu geboren zurückkommen….und eine Außenseiterin bleiben. *lacht*

    Danke für deine Stille Joey

    1. Ich könnte auch stundenlang aufs Meer schauen, Celine. Überhaupt sehe ich gerne zu und lasse meine Gedanken treiben, das geht auch in einer geschäftigen Fußgängerzone, wenn die vorübergehenden Menschen und die Geräusche sich zu einem Fluss vermischen. Das wird mir gerade erst bewusst 😀
      Liebe Grüße!

  4. Chiara von Sonnenkern

    Liebe Sabine,
    Dein Beitrag hat mich sehr berührt und ich habe mehr als einmal genickt.

    Ich habe ein kleines, schon sehr zerlesenes Heftchen von Ulrich Schaffer „…..weil Du einmalig bist. Hier ein kurzes Zitat daraus:

    Den Weg den Du vor Dir hast kennt keiner. Nie ist ihn einer so gegangen wie Du ihn gehen wirst. Es ist Dein Weg ….
    Wenn Du bei dir bist und dich wohl fühlst, verträgst Du die Eigenart anderer……..

    Herzliche Grüsse Chiara

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