Spurwechsel

Was du nicht ändern kannst, solltest du wenigstens genießen.

Diese Woche nervt. Natürlich kann eine kalendarische Einheit nichts für all die Hindernisse, die mich vom Überarbeiten abhalten. Aber es ist schon reichlich auffällig, wie ausgerechnet in dieser Woche ständig neue zeitraubende Aktivitäten meiner Mithilfe bedürfen. Und natürlich liegen diese Termine immer irgendwo mittig in dem Zeitfenster, dass ich mir normalerweise zum Schreiben offenhalte. Da bleibt weder vorher noch nachher ausreichend Ruhe, um ernsthaft weiterzukommen.

Sei’s drum. Heute wurde ich als Chauffeurin gebraucht, also schwinge ich mich mal wieder hinters Steuer. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist nur, dass ich nicht wie sonst im Vorstadtverkehr herumkreise, sondern im Berufs-Pendel-Verkehr auf der Autobahn. Wow, das hatte ich total vergessen!

Fast nostalgische Gefühle kamen da in mir auf. Erinnerungen an die Zeiten, zu denen ich noch Tag für Tag auf der Autobahn unterwegs war, mit all den anderen Arbeitnehmern, wie eine gigantische Ameisenkolonne. An das Gefühl von Freiheit bei 130 km/h und Musik auf Lautstärke 11, an den täglichen Stau beim Ein- und Ausfädeln.

Tatsache ist, ich mag Stau. Da kann ich wunderbar abschalten und meinen Gedanken nachhängen. Mir überlegen, wie ich das riesige Plotloch stopfe oder ob eine Szene repariert oder gestrichen werden sollte. Manchmal singe ich auch nur laut und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.

Im Stau stehe ich normalerweise nicht, höchstens am Bahnübergang, wenn die D-Bahn uns mal wieder vor verschlossener Schranke verhungern lässt. Ich bin eine Kleinstadtpflanze geworden. Und bei allen Abstrichen, die man da so machen muss, hat es auch viel Gutes. Entschleunigung, um es plakativ auszudrücken. Ideen kommen mir vor der Bahnschranke genauso gut wie im Autobahn-Stau. Und vielleicht begegne ich sogar einer Nachbarin, mit der ich plaudern kann.

Seit Karneval ist der Verkauf von Himmelsmacht eingebrochen. Wie abgeschnitten. Das kann mir Sorgen bereiten. Es kann mich dazu bringen, an meinem Buch, an mir selbst zu zweifeln. Oder es kann mich daran erinnern, dass ich immer noch Schriftstellerin bin, auch wenn ich den Erfolg nicht unter Kontrolle habe.

Der amerikanische Erfolgsautor Hugh Howey hat in einem Blogbeitrag auf einen Artikel von Alix Spiegel aufmerksam gemacht, der genau darauf hinausläuft: Erfolg ist purer Zufall. Nun kann ich den Zufall definitionsgemäß nicht beeinflussen. Das lässt mir zwei Möglichkeiten: Entweder ich ärgere mich über mein Pech oder ich nutze die entstehende Situation, suche die Chance darin und genieße sie.

Also ist mein erster Roman kein Über-Nacht-Erfolg, kein Bestseller. Zur Zeit nicht mal Midlist. Macht das mein Buch schlechter als vorher, als es noch gelesen wurde? Blöde Frage, nicht? Macht mich das zu einem hoffnungslosen Fall als Autorin? Das ist ja noch blöder.

Schriftsteller wird man nicht durch Verkäufe. Schriftsteller ist man, weil man schreibt. Sogar, wenn man zwischendurch dringend einen Vorlesewettberb begleiten muss. Oder die Familie zur Arbeit fahren. Schriftsteller kann man immer und überall sein, sogar im Stau, sogar vor der Schranke. Vielleicht ganz besonders dort.

Schriftstellerin bin ich, weil ich schreibe und das nicht anders haben möchte.

Was geht euch so durch den Kopf, wenn die Dinge ins Stocken geraten?
Wie geht ihr damit um?

 

4 Comments

  1. Ich durchlebe die Gefühle im Moment im Schnelldurchlauf. So schnell, dass ich beinahe nicht mitkomme. Achterbahnfahren halt. Von ganz tief bis extrem hoch, nur um gleich wieder in die Tiefe zu sausen. Was da hilft, ist dein letzter Satz. Wir sind Schriftstellerinnen, weil wir schreiben und das nicht anders haben möchten.

    Was ich gelernt habe: Das Achterbahnfahren scheint eine Eigenart dieses Berufes zu sein. Ich nenne es auch Wellenreiten. Manchmal packt dich eine Welle völlig unterwartet, trägt dich hoch hinaus und lässt dich fliegen – um dich am nächsten Moment an den Strand zu spucken, an dem du liegenbleibst und dich fragst, was passiert ist. Die Abstände zwischen den Wellen können Monate betragen oder – wie bei mir grad aktuell – Stunden, höchstens Tage.

    Was uns bleibt, ist dein letzter Satz. Und was ich dazugelernt habe dieses Jahr: Nicht nur eine Portion Gelassenheit, sondern auch eine Portion Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass wir immer noch schreiben können. Singend im Stau sitzen können, während wir in Gedanken die Plotlöcher füllen oder ganze Filmszenen mit unseren Figuren im Kopf haben.

    Den Umgang mit so etwas muss man lernen. Ich versuche es seit Jahren. Mit Abstürzen zwischendurch, in denen ich Stellenanzeigen lese oder grausam mit dem Schicksal hadere – aber auch mit diesen herrlichen Ritten ganz oben auf der Welle, wo die Zeit stillsteht und das Glück das Herz so gross macht, dass es in der Brust beinahe keinen Platz hat.

    1. Liebe Alice,

      gerade jetzt, durch deine Antwort, überschwemmt mich ein großes Gefühl von Dankbarkeit. Dafür, dass ich – allein durch meine Worte – eine Verbindung knüpfen kann zu anderen Menschen und für die Geborgenheit, die mir das schenkt. Wenn du dein Wellenreiten so betrachten kannst, dann hast du schon gewonnen, denke ich.

      Aber das mit den Stellenanzeigen kommt mir bekannt vor 😉

      Liebe Grüße
      Sabine

  2. Mich beeindruckt das beides, was ihr geschrieben habt. Und es macht mich – freundlich! -ein bisschen neidisch.
    Ich fuerchte, ich kann das nicht so. Mich als Schriftsteller betrachten, wenn ich gegen Stopp-Schilder renne und in jedwede Grube mit toedlicher Sicherheit hineinstolpere. In meinem Buch noch das, was mich waehrend seiner Entstehung berauscht hat, erkennen, wenn es flopt, duempelt, scheitert, ugewollt und benaseruempft liegen bleibt. Gebuehrlich dafuer dankbar sein, dass ich das darf – Geschichten aufsammeln, Geschichten lange anschauen, Geschichten weitererzaehlen.

    Ich finde aber deshalb nur umso mehr, dass ihr recht habt. Und nehme mir vor, mir ein Stueck davon abzuschneiden.

    Froehlichen Sonntag – und eine Zeit der hohen Wellenkaemme,
    Charlie

    1. Liebe Charlie,

      ganz aktuell ist wohl im englisch-sprachigen Raum eine Diskussion (mal wieder) entbrannt (siehe hier und hier), was einen „writer“ vom „author“ unterscheidet. In etwa wohl die Debatte, ab wann man sich Schriftsteller nennen darf. Als ich meinen Blogbeitrag schrieb – und noch danach – habe ich lange überlegt, ob ich mich als Schriftstellerin bezeichnen soll. Letztlich habe ich es getan, weil es sich richtig anfühlt. Nicht durch das Veröffentlichen, sondern weil das Schreiben mich Tag und Nacht beschäftigt und sogar in meinen Träumen.

      Ein Kollege berichtete von einem Verstorbenen, der einen Berg unveröffentlichter Manuskripte hinterließ. Soll man den nicht Schriftsteller nennen? Er war es offensichtlich! Diese Erzählung hat meine letzten Zweifel zerstreut. Diese Debatte, wer Schriftsteller zu nennen ist und wer nicht, erscheint mir vor allem als unsinniger Versuch, eigene Pfründe abzustecken. Unsinnig, weil ich dazu keine Veranlassung sehe. Es gibt keine Pfründe. Leser lassen sich nicht unter den vorhandenen Autoren aufteilen. Wenn mehr Schriftsteller dazukommen, schmälert das nicht die Leserschaft der anderen.

      Auch das Argument, man könne an irgendeiner Verkaufszahl die Qualität der Bücher ablesen, ist Unfug. Jeder, der sich je damit beschäftigt hat, weiß, dass manches hervorragende Buch liegenbleibt und dass sich manches gut verkauft, dass einen am eigenen Verstand zweifeln lässt. Wieso sollte dann die Verkaufszahl irgendetwas über den „Status“ als Schriftsteller aussagen können?

      Es geht nicht um Status. Es geht um Selbstwahrnehmung. Wir schreiben und wollen es nicht anders. Niemand hat das Recht, das in Frage zu stellen.

      Herzliche Grüße
      Sabine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.