Schreibtipps für Bauchschreiber

Tja. Noch beim letzten virtuellen Schreibtreffen, im Gespräch über Schreibtechniken im Allgemeinen und NaNoWriMo-Schreibtipps im Besonderen, hatte ich großmundig behauptet, ich könnte keine generellen Tipps formulieren, weil ich eben sehr intuitiv arbeite und mich während des Schreibens vom Bauchgefühl leiten lasse. Trotzdem ließ mich dieses Gespräch nicht los, leiser Zweifel regte sich, ob ich es mir nicht zu leicht mache.

Das Netz ist voll von Schreib-Tipps, in der Regel von und für Autoren, die ihre Romane gründlich vorbereiten. Strukturiert, mit Kapitel- und Szenentabellen, Zeittafeln, Personen-Datenbanken, Figuren-Interviews, Beat-Sheet. Viele bekannte Autoren schwören darauf, nichts dem Zufall zu überlassen, den Plot stets fest im Griff zu behalten. Und der Erfolg gibt ihnen recht.

Nur, als sogenannte Bauchschreiberin kann ich damit einfach nichts anfangen, und zum Glück gibt es ja auch sehr prominente, erfolgreiche Gegenbeispiele wie etwa Stephen King, der in seinem Buch Das Leben und das Schreiben sagt:

“Plot is, I think, the good writer’s last resort, and the dullard’s first choice.”

Übersetzt heißt das etwa:
‚Plot ist, denke ich, für den guten Autor letzte Zuflucht und erste Wahl des Dummkopfes.‘
Starker Tobak, aber Stephen King kann sich das leisten.

So weit will ich nicht gehen. Ich bin überzeugt, jeder Autor muss seinen eigenen Weg finden, und kein Weg ist besser oder schlechter als der eines anderen. Bis man den eigenen jedoch gefunden hat, vergeht mitunter viel Zeit. Zeit, die aber nicht vertan ist, sondern vielleicht sogar notwendig, um als AutorIn zu reifen.

Auf der Suche nach besserem Handwerk habe ich unter anderem an einem einjährigen Online-Seminar von Textkraft.de teilgenommen, meine Hausaufgaben gemacht und dabei viel gelernt, nicht zuletzt über mich selbst als Autorin und als Mensch. Ich möchte dieses Jahr nicht missen. Schreibratgeber gibt es in allen Schattierungen, ich habe viele davon gelesen und auch einen, der mir besonders gut gefiel, hier rezensiert. Die meisten bieten tolle Tipps, Hilfen für den Notfall und ein Lichtlein im Dunkeln, wenn man sich verirrt hat. Das hat mir so manches Mal den Hals gerettet.

Für mich erfüllen diese Ratschläge jedoch ihren Zweck erst beim Überarbeiten.
Beim ersten Schreiben nutzen sie mir nichts.

Ich hab’s versucht. Bei vier Romanen habe ich vor dem ersten Satz erst einen Pitch verfasst. Dann – nach Randy Ingarmansons ‚Schneeflockenmethode‘ und 3-Akt-Struktur (bzw. 5-Akt-Struktur) – einen groben Plot geschmiedet und immer weiter verfeinert. Komplett mit Charakterblättern für die Haupt-Figuren und wichtigsten Nebenfiguren. Ich habe geplottet und eingedampft bis hin zu einem ausgefeilten Exposé. Es war alles da, ein komplettes Gerüst mit Farbtabellen, Tapeten- und Teppichmustern. Ich musste es nur noch zusammenfügen und ausbauen.

Nur: Beim Schreiben habe ich nichts — in Worten: n i c h t s — davon je verwendet.

Meine Plots entwickeln sich regelmäßig vom ersten Absatz an vollkommen anders als geplant, und mit dem Ergebnis bin ich jedes Mal sehr glücklich. Bei den Romanen Nummer fünf und sechs habe ich daher auf das ganze Prozedere von vorneherein verzichtet. Allerdings hat sich herausgestellt, dass sich die obengenannten Methoden dann im Nachhinein hervorragend eignen, dem fertigen Rohmanuskript die nötige dramaturgische Raffinesse beizubringen, und daher kann ich auch jedem Bauchschreiber nur empfehlen, sich gründlich mit all diesen Techniken zu befassen!

Aber – zu dem Punkt, an dem es eine Erstfassung zu überarbeiten gibt, muss man erst mal kommen. Wie, um Himmels willen, schreibe ich also einen spannenden, überzeugenden Roman, ohne vorher zu planen und ohne mich sinnlos zu verrennen?

Dafür gibt es kein Patentrezept, aber ich kann euch von meiner Arbeitsweise berichten. Sie funktioniert für mich und vielleicht ja auch für andere. Daher — auf Los geht`s los — kommt hier der erste meiner

Schreibtipps für Bauchschreiber — Erster Streich

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