Schreibtipps für Bauchschreiber – Zweiter Streich

Die erste Szene steht also, und das ist in der Regel auch schnell geschafft. Mit viel Elan und Euphorie haben wir uns in unser neues Romanprojekt gestürzt und nach wenigen Seiten gibt es schon ein Setting, ein paar Figuren, mindestens ein Problem und erste ungelöste Rätsel. Schön!

Und was jetzt?

Jetzt müssen wir uns doch ein paar Gedanken machen, um was es in der Geschichte gehen soll. Angenommen, du schreibst einen Krimi. Dann hast du wahrscheinlich von Anfang an eine bestimmte Tat im Sinn gehabt. Dann muss, bevor du weiterschreiben kannst, wenigstens ein grober Tathergang feststehen, denn den musst du ja beim Schreiben rückwärts aufrollen. Selbst wenn du noch nicht weißt, wer der Täter ist und/oder warum er es getan hat, muss wenigstens die Tat an sich so durchführbar sein und die Umstände der Entdeckung sowie die nachfolgenden Ermittlungen glaubhaft und nachvollziehbar.


An dieser Stelle bietet sich auch an, sich schon mal Notizen zu machen, welche Recherchen noch nötig werden über Örtlichkeiten, historische Fakten, rechtliche, gesellschaftliche oder sonstige Details. Die eigentliche Recherche kann man aber getrost auf später verschieben, wenn die Erstfassung des Romans „im Kasten“ ist.


Dass es möglich ist, ohne jede Vorplanung einen Krimi zu schreiben, der nicht vollkommen unlogisch oder unrealistisch ist, habe ich beim letzten NaNoWriMo erfolgreich getestet. Das Schlüsselwort ist auch hier wieder: Folgerichtigkeit. Dabei muss nicht jedes Detail von Anfang an sitzen. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass der Einstieg korrigiert werden muss, weil du beim Schreiben einen anderen Weg eingeschlagen hast als du ursprünglich dachtest. Macht nichts. Wir vermerken auch das in einer Notiz und passen den Anfang beim ersten Überarbeitungs-Durchgang (Später! Viel später!) entsprechend an.

Kriminalistische Ermittlungen eignen sich hervorragend als Metapher für den Schreibvorgang. Der Ermittler, der zu einem Tatort kommt, hat zunächst genau so wenig in der Hand wie der Autor. Es gibt vielleicht eine Leiche, einen Tatort und ein paar Indizien. Vielleicht gibt es auch einen Verdächtigen, falls ja, dann am besten gleich mehrere. Das ermöglicht dem ermittelnden Autor, während des Schreibens falsche und richtige Spuren zu legen. Und falls die sich folgerichtig (!) entwickelnde Handlung ergibt, dass die Tat doch ganz anders verlaufen sein muss als ursprünglich gedacht, und dass der Täter ein vollkommen anderes Motiv hatte, dann kommt das nicht nur für den Autor überraschend, sondern eben auch für den Leser. Perfekt.


Bei meinem NaNo-Krimi wusste ich bis fast zum Schluss nicht, wer der Täter war, und erst ganz am Ende fand ich heraus, warum er es wirklich getan hat. Die Autorin als Detektiv – ja, das hat was …


Natürlich gilt Entsprechendes auch in anderen Genres. Auch ein Liebesroman oder ein SF-Roman brauchen einen Handlungskern, der zwar noch vage sein darf, aber ausbaufähig sein muss. Den müssen wir jetzt festlegen, weil er Ausgangspunkt für alle weiteren Entscheidungen wird.

Eine Begegnung, ein ungewöhnlicher Gegenstand taucht auf, ein besonderes Ereignis tritt ein. Es muss etwas sein, das der Hauptfigur aufgezwungen wird, dem sie sich nicht entziehen kann. Etwas, das ihr Leben von Grund auf verschlechtert. In diesem Stadium der Erzählung haben wir es da noch recht einfach. Was auch immer unsere Figur aus der Spur bringt, erst einmal muss sie nur re-agieren — möglicherweise auch durch Verweigerung.

Was auch immer sie tut, die Umstände führen dazu, dass sich das Problem verschlimmert und die Figur gezwungen ist, sich anders zu verhalten, als sie es sonst getan hätte. Andernfalls wäre an dieser Stelle der Roman zu Ende, bevor er begonnen hat. Ihre Reaktion setzt also die eigentliche Handlung erst in Gang. Man nennt dieses Spannungsverhältnis zwischen Ereignis und Reaktion das ‚auslösende Moment‘.


Dieses Moment (engl. inciting incident) ist vom sogenannten Ersten Plotpoint zu unterscheiden, bei dem die Handlung eine erste überraschende Wendung nimmt. Für die Filmdramaturgie forderte Syd Field in seiner 3-Akt-Struktur, der inciting incident müsse bei einem abendfüllenden Film (120 min) nach der Hälfte des ersten Aktes, also etwa nach einer Viertelstunde erreicht sein. Übertragen auf einen Roman bedeutet das, nach etwa einem Achtel der anvisierten Seitenzahl. Da Buch und Film aber nur bedingt vergleichbar sind, wird verschiedentlich (zB in James Scott Bell, Plot & Structure) geraten, diesen Moment so früh wie möglich herbeizuführen, um Längen zu vermeiden, die den Leser dazu verleiten könnten, das Buch wegzulegen und nie wieder in die Hand zu nehmen.


Verursacht wird dieses Moment also von außerhalb des Einflussbereichs unserer Hauptfigur. Was bedeutet, wir müssen wahrscheinlich einen neuen Gegner einführen: einen aus unserem zuvor erdachten Fundus an Gegenspielern oder eine ganz neue Figur. Und das wiederum heißt, diese neue Figur braucht ihrerseits einen Lebenslauf, Familie, Nachbarn, Gegner … und so fort. Das muss übrigens nicht zwangsläufig ein Feind sein, schon gar nicht der ‚Endgegner‘. Hauptsache, der Gegenspieler kommt der Hauptfigur in die Quere und zwingt sie zum Handeln.

An dieser Stelle kann ich einen Schnitt in der Erzählung machen und in einem neuen Kapitel aus der Sicht des Gegners schreiben. Mindestens muss ich mir aber überlegen, was dieser Gegenspieler macht, was für Folgen das für ihn und andere hat und letztlich für meine Hauptfigur. Ich eröffne also mindestens in Gedanken einen zweiten Handlungsstrang, der direkt oder indirekt den ersten beeinflusst. Im Laufe der weiteren Handlung ergibt sich daraus ein Wechselspiel, bis beide Stränge am Ende verknüpft werden.

Quintessenz ist also: Der Gegenspieler provoziert eine Reaktion unserer Hauptfigur, sie reagiert folgerichtig und zwingt den Gegenspieler seinerseits zu einer aus seiner Sicht logischen Konsequenz. Auf diese Weise ergeben sich beim Schreiben zwangsläufig eine oder zwei Szenen, in der wir diese Handlungen und ihre Folgen zeigen.

Das könnte jetzt immer so weitergehen, aber — so merkwürdig das im ersten Moment klingt — ein stetiges Aktion-Reaktion-Aktion-Reaktion wäre langweilig. Da fehlt ein wesentliches Element: die Reflexion des Geschehens. All diese Ereignisse müssen etwas bewirken, bei den Figuren und beim Leser, sonst ist das alles für die Katz.

Damit komme ich zu einem grundsätzlichen Merkmal des ‚Bauchschreibens‘: dem Einfluss von Gedanken und Gefühlen der Figuren auf ihre — folgerichtigen — Reaktionen. Ohne Reflexion wirken Handlungen aufgezwungen, im schlimmsten Fall unglaubhaft. Damit wäre der Roman sofort gescheitert.

Wie ich dieses lebenswichtige Element im Roman einfließen lassen kann, folgt demnächst im dritten Artikel:

Schreibtipps für Bauchschreiber – Dritter Streich.

2 Comments

  1. Hallo Sabine,
    ich finde deine Schreibtipps sehr schön und wenn ich schreiben würde, würde ich auch aus dem Bauch heraus schreiben. 🙂
    Wenn ich jetzt aber schreiben wollen würde, warum muss sich denn das Leben der Hauptfigur unbedingt von Grund auf verschlechtern?
    Wäre nicht eine Veränderung des Lebens ausreichend? Es könnte doch auch durchaus auch eine eher positive Sache sein ?
    Eine weitere Sache ist, das die Figuren immer “ folgerichtig“ reagieren sollen. So wie ich mir das grad denke: Der Eine sagt A, woraufhin die Andere B sagt.
    Was zwar folgerichtig ist, aber so in echt würde ich vielleicht nicht B sagen, sondern die Beine in die Hand nehmen und wegrennen, oder um Hilfe rufen, oder mit einem herumliegenden Knüppel um mich schlagen.

    Ich freue mich schon auf den dritten Streich! 🙂

    lg
    Nat

    1. Hallo Natascha,

      schön, dass du mit meiner Artikel-Serie etwas anfangen kannst 🙂

      warum muss sich denn das Leben der Hauptfigur unbedingt von Grund auf verschlechtern?
      Wäre nicht eine Veränderung des Lebens ausreichend? Es könnte doch auch durchaus auch eine eher positive Sache sein ?

      Darüber habe ich sogar ziemlich lange nachgedacht. Aber ich glaube tatsächlich, dass es an diesem Punkt des Romans eine Verschlechterung sein muss, sonst müsste die Hauptfigur nicht handeln. Bei einer Verbesserung wäre die natürliche Reaktion ‚zurücklehnen und genießen‘. Aber damit stockt die Handlung, bevor sie richtig in Gang kommt.

      Vielleicht sprechen wir auch von zwei unterschiedlichen Punkten in der Handlung. Bei einer Komödie oder einer Romanze kann natürlich erst einmal eine Veränderung eintreten, die sogar schön ist: Die Figur verliebt sich oder gewinnt im Lotto. Aber das ist dann noch nicht der ‚inciting moment‘, an dem die Handlung Fahrt aufnimmt. Der ist erst erreicht, wenn sich der Figur Hindernisse in den Weg stellen. Manchmal ist zwischen erster Veränderung und inciting moment kaum zu unterscheiden, bei Krimis oder Thrillern kann das wahrscheinlich sogar zusammenfallen.

      Jeder Roman lebt vom Konflikt, auch Komödien oder Liebesromane. Diese Konflikte müssen nicht „schlimm“ sein, aber sie verändern die Lage auf drastische und unerwünschte Weise. Sonst wäre der weitere Verlauf langweilig und es gäbe keine Geschichte.

      Eine weitere Sache ist, das die Figuren immer ” folgerichtig” reagieren sollen. So wie ich mir das grad denke: Der Eine sagt A, woraufhin die Andere B sagt.
      Was zwar folgerichtig ist, aber so in echt würde ich vielleicht nicht B sagen, sondern die Beine in die Hand nehmen und wegrennen, oder um Hilfe rufen, oder mit einem herumliegenden Knüppel um mich schlagen.

      Mit „folgerichtig“ meine ich nicht „vernünftig“ oder „geplant“, sondern dem Charakter, der Psyche, dem Wissen, etc. der Figur entsprechend. Ein Feigling rennt weg, ein Kämpferin kämpft, ein Grübler wird vielleicht erst mal den Kopf einziehen und hoffen, dass es von alleine wieder gut wird. Auf jeden Fall hat das eine Auswirkung auf die Figur und mindestens indirekt auf den Gegenspieler.

      Danke für deine tollen Fragen, Natascha! Damit kann ich noch ein bisschen deutlicher machen, was ich meine 🙂

      Herzliche Grüße
      Sabine

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