Schreibtipps für Bauchschreiber – Vierter Streich

Nu! Was soll ich sagen. Der Dritte Streich in dieser Reihe endete mit dieser vollmundigen Ankündigung:

„[..] Warum aber genau diese gefühlsmäßige, undurchdachte Reaktion dazu führt, dass der Schlamassel nur undurchsichtiger wird und die Lösung in weite Ferne rückt, darauf gehe ich im kommenden Artikel ein: [..]“

Doch je länger ich mir über diesen Satz und den zu schreibenden Vierten Streich Gedanken machte, um so mehr sträubte sich in mir dagegen, tatsächlich so fortzufahren. Leitfäden, wie man einen spannenden Plot aufbaut, gibt es zuhauf! In diese Kerbe brauche ich nun wirklich nicht auch noch zu einzuhauen. Also, was will ich mit diesen Artikeln erreichen? Was will ich wirklich sagen?

Ich will Bauchschreibern, die mit ihrer „Unfähigkeit“ hadern, im Voraus zu plotten und sich dann auch daran zu halten, Mut machen: Man kann ohne Vorplanung einen Roman schreiben, der Hand und Fuß hat. Und es ist kein Zufall, wenn es gelingt, sondern eine reproduzierbare Vorgehensweise!

Der heutige Beitrag handelt also nicht von Spannungsbögen oder Dramaturgie, sondern von einer der Haupt-Zutaten beim Bauchschreiben: Selbstvertrauen.


Ein Exkurs, ein Exkurs! Das nur zum Beweis, dass ich tatsächlich beim Schreiben kaum vorausplane und trotzdem nicht planlos bin … :))


Eine Frage ist Planern wie Bauchschreibern gemein: Was folgt als nächstes? Der Planer stellt sie sich im Voraus, der Bauchschreiber steht ihr täglich aufs Neue gegenüber, spätestens, wenn eine Szene abgeschlossen ist. Wie geht es jetzt weiter?

Nach allem, was wir bisher erarbeitet haben, geht unser Roman dem Ende des ersten Aktes entgegen (zur Drei-Akt-Struktur nach Syd Field siehe zB hier bei Wikipedia).  Die Hauptfigur, die mit aller Macht zum früheren status quo zurück will, löst durch ihre mehr oder minder planlosen ( 😉 ) Reaktionen auf den inciting incident Ereignisse aus, die sie weder überblickt noch kontrollieren kann. Die Probleme werden größer. Die Figur ist gezwungen, aufzugeben oder sich zu wehren. Diese Entscheidung muss sie fällen. Von da ab gibt es kein Zurück mehr: Wendepunkt zum zweiten Akt.

Schön und gut! Aber WAS GENAU passiert denn nun als nächstes?!

Da heißt es, brainstormen. Während des NaNoWriMo stehe ich beinahe jeden Tag vor dem Dilemma, dass die Handlung eine bestimmte Richtung eingeschlagen hat, aber ich nicht weiß, was die Figuren damit machen. Da droht dann schon mal das berüchtigte ‚große leere Blatt‘. Ich will auch nicht verhehlen, dass mich das jedes einzelne Mal nervös macht. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen wie mit Lampenfieber: Es gehört dazu, und es hilft, meine grauen Zellen auf Tour zu bringen. Hauptsache, ich fange an, Wörter aufzuschreiben.


Bei einem meiner NaNoWriMo-Projekte saß ich abends vor der Tastatur, schaute zur Uhr, die mir sagte, noch drei Stunden Zeit bis Mitternacht, und wusste partout nicht weiter. Also tippte ich: „Ich habe wirklich keine Ahnung“ … und sah meine Figur vor mir, die diesen Satz sagt. Die wusste nämlich auch nicht weiter. Niemand im Raum wusste es. Sie mussten einen Plan schmieden! Und daraus entwickelte sich ein Gespräch, eine Szene, eine Handlung. Der Satz steht noch heute so im Manuskript. Bin gespannt, ob er demnächst das Lektorat übersteht 😉


Für planende Autoren hört sich die Vorgehensweise eines “Bauchschreibers” vermutlich chaotisch und fehleranfällig an. Sie stellen sich vor, unsereins setzt sich hin, fängt planlos an zu tippen und reiht ungehemmt Worte aneinander. Am Ende stehen da zigtausend Wörter, die vielleicht zufällig einen Kern von zehn, zwanzig verwertbaren Seiten enthalten — der Rest wird gelöscht und das Spiel beginnt von Neuem.

Was für eine grausige Vorstellung :D

So läuft das aber auch nicht. Als Bauchschreiber kann man beim Schreiben vor allem eines lernen: der eigenen Intuition zu trauen. Locker zu lassen und darauf zu vertrauen, dass man unterschwellig komplexe Sachverhalte verknüpfen kann, die man bewusst nicht als zusammengehörig erkennt, weil zu viele Zwischenschritte nötig sind, um sie auf einmal zu erfassen. Unbewusst können wir das viel besser leisten, aber dazu gehört die Bereitwilligkeit, die bewusste Kontrolle über die eigene Schöpfung wenigstens vorübergehend aus der Hand zu geben.

Von Planern höre ich in diesem Zusammenhang Aussagen wie:

  • ‚Ich bleibe stets Herr der Lage. Der Plot verläuft, wie ich es will, und die Figuren handeln, wie ich es ihnen (vor-)schreibe.‘
  • ‚Ich muss erst alles genau geplant haben, bei Lücken gerate ich in Panik.‘
  • ‚Wenn ich nicht genau weiß, wie die Handlung verläuft, verirre ich mich und die Geschichte wird nie zu Ende geführt.‘

Beim Bauchschreiber liegt der Reiz dagegen oft genau darin, von der eigenen Geschichte überrascht zu werden. Da hört man schon mal Sätze wie:

  • Wenn ich schon vorher weiß, wie alles läuft und ausgeht, warum soll ich es dann noch aufschreiben? Das ist doch langweilig.

In Diskussionsrunden wird dann häufig eingeschränkt, dass es vermutlich in Wahrheit keine so krassen Gegensätze zwischen beiden Gruppen gibt, dass auch Planer mit der Kreativität spielen — sie tun es halt vorweg. Auch Bauchschreiber planen in gewissem Rahmen, wie ich es ja auch in dieser Artikelserie beschreibe.

Trotzdem lehne ich mich mal ein Stück aus dem Fenster  und behaupte, dass genau hier die Grenze zwischen Planern und Bauchschreibern verläuft: In der Bereitschaft, die bewusste Kontrolle aufzugeben und im Vertrauen darauf, dass die eigene Intuition in einer annehmbaren Zeit zu einem in sich logischen, runden, befriedigenden Ergebnis führt.


Ich sehe es schon vor mir: Beim einen oder anderen fallen jetzt die Rollos runter. ‚Immer diese Esoteriker.‘


Davon bin ich weit entfernt. Mit Transzendenz hat das nichts zu tun, und ich glaube auch nicht, dass mir eine höhere Macht meine Geschichten diktiert. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich auch bei komplexen Handlungen, sogar mit mehreren Handlungssträngen, alle bereits angelegten Fäden im Nachhinein auf logische Weise miteinander verknüpfen lassen — sofern sie jeweils aus den Charakteren und Emotionen der Figuren sowie den Konsequenzen ihrer Reaktionen nachvollziehbar entwickelt wurden. Möglicherweise müssen Details angepasst werden, nicht aber das grobe Gerüst.

Nicht nur ist es möglich, sondern genau diese Elemente, die beim scheinbar ziellosen, brainstormartigen Drauflosschreiben in die Geschichte einfließen, führen am Ende das logische Ende herbei. Besonders auffällig ist dieser Effekt beim NaNoWriMo. Wenn ich in 30 Tagen 50.000 Wörter schreiben muss, kann ich nicht wählerisch sein mit meinen Ideen. Ich schreibe einfach alles auf. Ich suche gezielt nach verbindenden Elementen, sonst habe ich keine Geschichte, keinen Roman. Und am Ende führt eine dieser Ideen zur Auflösung des Hauptkonflikts. Ohne Ausnahme. Natürlich tritt hier mit der Zeit ein sich-selbst-erfüllender Effekt ein: Diese Methode habe ich mehrfach erprobt, auf diesen Effekt kann ich vertrauen, also kann ich auch weiterhin gelassen damit arbeiten.

Wobei ‚Arbeit‘ ein Stichwort ist. Nicht zuletzt Verlage fordern — besonders bei Serien-Romanen — die Einhaltung eines im Voraus abgestimmten Konzepts. Bauchschreibern hält man in dieser Hinsicht manchmal vor, nicht ergebnisorientiert genug zu schreiben. Zugestanden, für Bauchschreiber steht der Spaß am Fabulieren oft an vorderer Stelle. Das heißt jedoch nicht, dass wir deshalb unsere Romane weniger ernst nähmen. Nicht zuletzt Stephen King zeigt — wie schon gesagt — , dass es durchaus möglich ist, als Bauchschreiber produktiv und kommerziell erfolgreich zu sein.

Aber was, wenn ich noch Zweifel habe? Wenn mir diese Sicherheit einfach noch fehlt? Was dann?

Dann hilft es, mich darauf zurückzubesinnen, was ich eigentlich mit der Geschichte erzählen will. Warum mich die ursprüngliche Idee so begeistert hat. Vielleicht wird es Zeit für eine Romanze? Oder ein paar Aliens? Vielleicht brauchen Autor und Figur mal ’ne Pause und machen sich einen faulen Tag am Strand? Die Figur als Verlängerung des Autors weiß vielleicht eher, was sie braucht, wenn wir solchen Impulsen einfach mal nachgeben und gucken, was sich daraus entwickelt. Ein bisschen Spontanität schadet nie 😉

Was ich als nächstes in dieser Reihe schreiben will, weiß ich dagegen inzwischen ziemlich genau, es drängt sich hiernach geradezu auf. Daher geht es bei den

Schreibtipps für Bauchschreiber — Fünfter Streich

demnächst weiter mit der Frage: Wieviel Autor steckt in der Figur?

3 Comments

  1. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.
    Wenn alles so schön vorgeplant ist, dann fehlt es dem, um mal ein Bild zu gebrauchen, Skelett zumeist am Fleisch der Inspiration, denn nun können die Figuren nicht mehr aus ihrer Haut heraus, sozusagen.

    Das Problem ist, ich als Leserin (und nicht nur ich, viele andere auch) erkenne schon nach kurzer Zeit, dass irgendwas fehlt. So etwas wie Seele oder Herzblut und letztlich ist es mir dann egal, was der Heldin, dem Helden widerfährt. Will sagen, die Geschichte nimmt mich nicht mehr mit.
    Vor allem bei den neueren, ich nenne sie mal Sagen, wo von vornherein feststeht, dass es Teil 1-x geben wird, beschleicht mich häufig das Gefühl, dass da mit Sterotypen und Versatzstücken um sich geworfen wird, dass es nur so kracht. Wenn ein Abenteuer überstanden ist, folgt sogleich das Nächste. Die meisten Charaktere in diesen Geschichten sind dermaßen flach, es kann gar keine Selbstreflexion stattfinden, weil da gar nichts ist, was reflektiert werden könnte. Die einzigen Lehren die aus dem Geschehenen gezogen werden, sind dann vielleicht solche wie „Wir brauchen mehr Feuerkraft“.
    Natürlich sind nicht alle so, aber viele. Was bei Heftromanen ja noch angehen mag, bedingt durch die Umstände des Konzepts „Groschenroman“, ist bei einem „richtigen“ Roman eher enttäuschend.

    lg
    Nat

    1. Ich glaube, viele Planer tun sich schon mit dem Gedanken schwer, eine Figur könne überhaupt irgendwas reflektieren. ‚Sie ist doch nicht real!‘ Wenn Autoren anfangen, von ihren Figuren wie von lebenden Personen zu sprechen, gruselt es sie. Es erscheint ihnen irgendwie … schräg. Zum anderen würde bei dieser Sichtweise konsequenterweise jede Reflexion der Figur direkt auf den Autor zurückfallen. Denn die Figur ist ja erfunden, nicht real, eine Marionette, die tut, was man ihr sagt. Es gehört vielleicht eine besonders große Überwindung dazu, in dieser Situation trotzdem was zu riskieren. Es gibt gute Autoren, die genau das tun – planen UND über sich hinauswachsen. Aber das ist schwerer, als viele sich eingestehen würden.

      Herzliche Grüße
      Sabine

  2. Pingback: Wer schreibt der bleibt | aetherisavidi

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