Schreibtipps für Bauchschreiber – Siebter Streich

Schon beim Erscheinen des ersten Streichs wurde ich gefragt, ob es denn wie bei Wilhelm Buschs ‚Max und Moritz‘ sieben Streiche werden sollten. Klar, dachte ich seinerzeit, deshalb hab ich mich ja für diese Überschriften entschieden. Nur, wie es manchmal so geht, mir kam etwas dazwischen und dann noch was …

Ab und zu erinnerte ich mich daran: Mensch, du musst doch noch den siebten Streich verfassen! Sonst passt die Überschrift gar nicht. Und du willst ein Profi sein? Dann kratzte ich mich am Kopf und fragte zurück: Und was, wenn es dann irgendwann noch mehr zu sagen gibt? Also noch einen achten oder womöglich neunten Streich?

Egal, sag ich dir heute. Jetzt gibt es erst mal den siebten Streich und danach sehen wir weiter:

Go with the flow

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(c) privat

Sagt sich so leicht. Aber manchmal fließt einfach nix. Im sechsten Streich ging es ums Zweifeln —  an der Geschichte, am eigenen Können, an der Welt. Dann wird aus dem Zweifeln ein Verzweifeln und allzu oft führt das zum Scriptus Interruptus. Nichts geht mehr. Manchmal für lange, laaaaange Zeit. Schreibblockade. Darüber habe ich hier und hier schon mal gebloggt. Eine meiner Schlussfolgerungen lautete: In Momenten des Zweifels, der Blockade, kommt es gar nicht darauf an, was man schreibt, sondern dass man überhaupt schreibt. Buchstäblich irgendetwas — und wenn es nur ‚Da-da-da‘ ist. Hauptsache, du wertest nicht, sondern gibst deinem Unterbewusstsein einen Freibrief für alle Ideen, die hervorsprudeln mögen. Das ist wie beim Einsingen vor der Chorprobe. Wir lockern Körper-, Gesichts- und Mundmuskulatur und … lassen den Tönen ihren Lauf.

Probier’s aus:

Da-da-da … Dadaismus … da kommt ein Schiff … wer steht da an der Reling? … Kate steht an der Reling, sie starrt auf die Umrisse der Küste, sie nähern sich New York City. Kate kommt aus Irland, sie ist die Tochter einer Bäckerin, unehelich, die Mutter war zuletzt bettlägerig, Kate hat sie gepflegt und alle Ersparnisse aufgebraucht. Im Dorf wurde sie immer schräg angesehen, weil sie „keinen Vater“ hat, sie hat keinen Schulabschluss, kein Geld, sie will weg, sie geht in die Stadt, nach Dublin, sucht sich einen Job an der Kasse eines kleinen Lichtspieltheaters, begegnet Sean und Siobhan, die mit selbstgebauten Kulissen Filme drehen. Die beiden brauchen Unterstützung bei der Requisite, sie lernen Kate an …

Das habe ich eben spontan assoziiert. Ich könnte auch einen Dialog schreiben, mal sehen:

„Ganz schön nebelig heute Morgen, man sieht kaum die Hand vor Augen.“ Eric trat neben sie an die Reling. Kate zog ihren Mantel enger um sich. Warum fühlte sie sich immer so unwohl, wenn er in ihre Nähe kam?

„Da vorn ist die Küste. Der Kapitän sagt, jetzt dauert es nur noch einen, höchstens zwei Tage, je nach Strömung und Windgeschwindigkeit. Die Windrichtung kann sich hier auf offenem Meer rasch ändern, die Gezeiten …“

„Eine so hübsche, junge Frau sollte sich über solches Zeug nicht den Kopf zerbrechen. Hast du schon über meinen Vorschlag nachgedacht? Wir könnten bei der Ausstattung unseres Casinos tatkräftige Hilfe gebrauchen. Ich habe ja gesehen, wie geschickt du mit Nadel und Faden umgehen kannst.“

Und mit dem Hammer. Aber das war wahrscheinlich wieder nichts für junge, hübsche Frauen. Kate wandte den Blick zurück zur Küstenlinie, die weit draußen aus dem Meer aufgetaucht war wie ein Stück Treibholz. Wer trieb hier wen und wo trieb es sie hin? …

Natürlich habe ich nichts davon recherchiert und einige Versatzstücke aus bekannten Filmen, Romanen und Sachbüchern habe ich auch verwurstet. Trotzdem ließe sich daraus wahrscheinlich eine spannende Geschichte zimmern. Und angefangen hat es mit dem völlig sinn- und planlosen ‚Da-da-da‘.

Der Trick ist: Es nützt wenig bis überhaupt nichts, sich dieses ‚Da-da-da‘ nur zu denken und darauf zu warten, dass der Assoziationsstrom einsetzt. Natürlich, das ist schon besser als gar nichts. Aber es ist die Kombination aus denken und aufschreiben, die einen Mechanismus in Gang setzt. Den Mechanismus, der deine Fantasie dazu bringt, immer weiter mit den Gedanken zu spielen, Bilder vor deinem geistigen Auge entstehen zu lassen, Erinnerungen vielleicht an Gerüche, an Themen, die dich faszinieren, an Rätsel, die du schon immer ergründen wolltest. Ob, wann und wie du das jemals zwischen zwei Buchdeckel einarbeitest, ist in diesem Moment zweitrangig, wichtig ist nur, dass die Quelle wieder fließt. Und wo all das herkam, da gibt es noch so viel mehr. Ideen finden sich buchstäblich überall, in unbegrenzter Zahl und Vielfalt. Wir vergessen das, wenn wir uns beschränken auf „gute“ oder gar „verkäufliche“ Einfälle. Da stecken wir plötzlich unter Zugzwang, ein begrenztes Stück Acker auszubeuten, das längst schon ausgelaugt ist. Warum nicht eine Weile ziellos herumspazieren, bis wir eine neue Wiese entdecken oder einen Wald oder einen Dschungel oder eine Wüste oder einen fernen Doppelstern? Du siehst … Fantasie ist, was man daraus macht.

„Das ist ja alles schön und gut — aber jetzt habe ich schon einen Italo-Western angefangen, ich kann jetzt nicht mit Aliens weitermachen oder mit verrückten Wissenschaftlern, nur weil mir sonst nichts einfällt …“

Kannst du nicht? Das sahen Scott Mitchell Rosenberg (Cowboys & Aliens) und Bob Gale (Zurück in die Zukunft III) offenbar ganz anders. Vielleicht ist das dann nicht die Geschichte, die dir anfangs vorschwebte, aber ich persönlich würde eine Handlung, die durch vollkommen unvorhergesehene Wendungen eine ganz neue Richtung einschlägt, jederzeit altbekanntem Einheitsbrei vorziehen.

„Aber dann wird doch alles vollkommen unlogisch, ich kann doch meinen Lesern keinen Liebesroman versprechen und dann schwermütige Klavierspielerinnen im Dschungel auf sie loslassen.“

Doch kannst du. Vergiss nicht, wir sind noch beim Schreiben — du und nur du allein entscheidest, was aus diesem Manuskript wird. Der Trick ist, zuzulassen, dass sich die Geschichte durch dich und mit dir weiterentwickelt, verändert und vielleicht größer wird als alles, das du bewusst hättest planen können. Dein Bewusstsein weiß nur das, was es schon kennt. Unbewusst aber kannst du auf Einfälle zurückgreifen, die erst noch erfunden werden müssen. In diesem Sinne ist der Autor immer auch Entdecker und Abenteurer, ob er nun Genre-Schmöker schreibt oder literarische Sinfonien.

‚Logisch‘ in diesem Sinne bedeutet eben nicht, vorhersehbar und erprobt. ‚Logisch‘ setzt sich die Handlung fort, wenn sie nachvollziehbar ist. Wenn sie als konsequente Folge aller vorausgehenden Ereignisse, Reaktionen und Reflexionen eintritt. Und hier setzen wir einen zweiten „Trick“ ein: Niemand sagt, dass wir alle diese Kausalitäten jetzt schon im Detail erfassen müssen!

Vertrau auf die innere Logik des bisher Geschriebenen

Wenn die Handlung eine für dich unerwartete Wendung nimmt, kannst du jederzeit notwendige Details und Szenen nachträglich einfügen oder — das ist meine Erfahrung — aus dem bereits angelegten Stoff herausarbeiten. Ich bin trotz allem immer wieder selbst überrascht, wie viele Fäden ich unbewusst anlege, die ich in solchen Fällen nur aufgreifen und verknüpfen muss. Eine Nebenfigur, eine scheinbar unbedeutende Handlung, ein Accessoire bekommt urplötzlich Sinn und Bedeutung und wird zum alles entscheidenden Verbindungsstück. Das klingt wie ein romantischer Autorenmythos, aber ich habe es inzwischen so häufig erlebt, dass ich an keinen Zufall mehr glaube. Mit Magie hat das nichts zu tun, sondern mit unbewusstem Verarbeiten. Ein bisschen erinnert es mich an die Eingabe von Daten und Algorithmen in einen Computer, und während die Maschine rechnet, holt man sich einen Kaffee oder geht zu einem Meeting. Man ist hellwach und arbeitet an irgendetwas anderem, und im Hintergrund rattert der Prozessor.

Wahrscheinlich haben es Bauchschreiber mit dieser Methode leichter als Kopfschreiber. Irgendwer hat uns Bauchschreiber mal mit Bildhauern verglichen, die können aus einem Brocken Marmor eine Gruppe spielender Delfine oder ein Kriegerdenkmal herausklopfen. Der Stein ist da, es liegt am Bildhauer, die Skulptur darin zu finden und freizusetzen. Im Unterschied dazu bauen Kopfschreiber anhand von Plänen und Modellen ihre Gerüste auf, setzen Stein auf Stein und geben dem Gebäude genau die Form, die sie geplant haben. Sobald der Plan steht, ist dabei nur noch wenig Raum für Spontanität und die ist, wie mir scheint, auch nicht gewollt. Unterschätzt wird dabei oft, wie schwer es ist, ein durch und durch geplantes Projekt so zu präsentieren, dass es spielerisch leicht wirkt. Ein Antoni Gaudi konnte Gebäude bauen, bei denen man den Eindruck hat, die Elfen hätten in einer beschwipsten Nacht herumgezaubert. Typisch war aber für ihn, dass er während der Arbeiten an einem Bauwerk noch an seinen Plänen arbeitete: er veränderte sie und entwickelte sie immer wieder neu. Er ließ also Raum für Gedankenblitze und folgte den Eingebungen, die sich bei dem einstellten, was er sah.

Nichts anderes machen wir Bauchschreiber mit unseren Texten: Wir schreiben und folgen den Impulsen, schärfen dabei unseren Blick fürs Besondere und verbessern dabei wie nebenbei unser Handwerk. Am Ende halten wir ein Manuskript in Händen, das größer ist als die Summe seiner Teile, weil auch wir uns damit weiterentwickelt haben.

Wie sieht’s aus, hast du Lust, selbst einmal mit Da-da-da zu experimentieren? Schreib was, ganz spontan, setze es in die Kommentare. Ich bin irre gespannt, was dabei herauskommt!

 

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