Schreibtipps für Bauchschreiber – Sechster Streich

Heute bin ich in genau der richtigen Stimmung für diesen Beitrag. Wer die Streiche mitverfolgt hat, oder wenigstens den Fünften Streich gelesen hat, erinnert sich vielleicht, wie ich ankündigte, beim nächsten Mal vom Zweifeln zu sprechen. Nun …

Welcome to the Dark Zone.

Zweifel kennt jeder. Besonders tückisch: Selbstzweifel. Du bist nicht gut genug. Niemand nimmt deine Arbeit wahr. Du hast versagt. Du hast dein Leben vergeudet.

Wahrscheinlich erwartet ihr nun, dass ich — nach einer kleinen, aber wirkungsvollen Pause — in Gelächter ausbreche und sage: Quatsch, alles halb so wild, so sind wir halt wir Autoren, ohne Drama keine Action! Und ihr habt ja auch recht — niemand will die Verzweiflungs-Tiraden eines anderen lesen. Das zieht uns runter oder es ist schlicht langweilig.

Nur, so einfach ist das nicht. Zweifel sind normal, und Selbstzweifel müssen die meisten Menschen irgendwann durchleiden. Dann berappelt man sich, steht auf, fegt den Dreck von den Knien und nimmt die Arbeit wieder auf. Bei Kreativen liegt der Fall noch etwas anders. Ich will mich hier nicht auf allzu dünnes Eis begeben, aber unsere wechselnden Gemütszustände haben schon manches Mal den Anklang einer bipolaren Störung. Das bleibt wohl nicht aus, wenn man während des Schreibens all die verschiedenen Persönlichkeiten der Figuren annimmt, ihre Höhenflüge und Niederlagen durchlebt und stets den schlimmst-möglichen Ausgang einer Situation wählt — der Geschichte wegen.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille.  Die andere ist, dass wir uns vergleichen mit unseren Vorbildern. Die so schreiben können, dass wir ein Buch nicht aus der Hand legen wollen. Dass wir beim Lesen hemmungslos weinen oder uns beim Lachen den Bauch halten müssen. Dass wir bei pikanten Stellen vor Aufregung rote Ohren bekommen. Und ein Teil von uns weiß, das werden wir nie erreichen.

Oder wir blättern durch Romane deren Sprache, Stil, Inhalt uns körperliche Schmerzen bereiten. Und wir ahnen, das verkauft sich blendend. Aber wir könnten das nicht.

Jemand schrieb neulich, Autoren seien zu 50% Narzissten, zu 50% von Selbstzweifeln gemartert. Während wir die erste Idee verwirklichen, trägt uns eine Welle der Euphorie voran. Die Ideen purzeln schneller auf uns ein als wir sie aufschreiben können. Wir lachen und tanzen auf unserer imaginären Wiese und fangen so viele Ideen wie möglich mit einem riesigen Schmetterlingsnetz ein, pinnen sie aufs Papier und betrachten sie entzückt. Dann passiert das, was immer mit aufgepinnten Schmetterlingen passiert: Sie flattern nicht mehr. Das Licht fällt nicht mehr von allen Seiten auf ihre schillernden Flügel und sie werden stumpf.

Sie verlieren ihren Sinn. Vielleicht versuchen wir, sie mit etwas Glitzerspray zu verbessern, aber das macht es nur schlimmer. Wir haben’s vermasselt.

Stop!

Nicht machen.

Nicht verbessern. Wir schreiben noch, schon vergessen? Wir fangen ein und pinnen auf.


Repeat after me: „Wir schreiben jetzt und heben das Überarbeiten für später auf.“ Hundert mal ins Heft.


Und was schreiben wir? Wenn wir das bisherige plötzlich für Mist halten, vermerken wir das in einer Notiz und machen es ab jetzt besser. Führen einen neuen Twist ein, eine neue Figur, decken eine neue Geheim-Identität auf. Wir gehen vorwärts, nie zurück. Das heben wir uns für die Überarbeitung auf. Später.

Niemand hat gesagt, dieser Roman muss ein Knaller werden. Niemand behauptet, gute Autoren schreiben immer gut. Im Gegenteil. Wer viel schreibt, schreibt viel Mist. Und manchmal eben auch nicht. Manchmal ist etwas dabei, das lässt unser Herz schneller schlagen, und dann spüren wir wieder diesen Zauber. Schreib! Viel! Immer! Dann kommt auch dieses gute Gefühl immer wieder. Baue Vertrauen auf. Vertrauen darauf, dass die dunkelsten Stunden, die schlimmsten Momente, in denen du sicher bist, nie, nie, nie! etwas Lesenswertes zustande zu kriegen, vorüber gehen.

Einen Roman schreibt man nicht im Sprint, sondern in Etappen. Es gibt Steigungen und Downhill-Strecken und welche, auf denen du es einfach laufen lassen kannst, laufen, laufen, laufen. Die Strecke verändert sich ständig und erfordert  vor allem eins: Kondition. Du erwirbst sie, indem du immer weiter schreibst. Du hast das Zeug dazu. Vertraue darauf, wenn nach dem ersten Drittel, der Hälfte, Dreiviertel des Romans alles sinnlos scheint. Da stecken noch Reserven in dir. Lass dich davon durch die schwersten Abschnitte ziehen und setze dich für die glorreichen Phasen an die Pole-Position. Der ganze Schmerz ist vergessen, sobald du unter deinen Roman E-N-D-E schreibst!

Ende gut, alles gut.

Oder? Leider nicht.  Als Autoren lieben wir es, auch über unsere Geschichten hinaus zu zweifeln. Wird sie auch anderen gefallen? Taugt sie überhaupt was? Hätte ich vielleicht hier doch nicht … oder dort besser anders …?

Besonders krass wird es, wenn wir schon veröffentlicht haben. Kurz bevor wir unsere Geschichte in die Öffentlichkeit entlassen. Vielleicht habe ich etwas ganz Wichtiges vergessen? Fehler übersehen? Die Datei verwechselt? Man überprüft es zum x-ten Mal und sendet dann ab. Dann beginnt die kurze, heftige und wundervolle Phase der ersten Veröffentlichungs-Euphorie! Ich hab’s getan! Bald können alle meine Geschichte lesen! Ich kann es kaum erwarten, zu hören, wie sie ihnen gefällt! … Wie sie ihnen gefällt … Wie sie … warum höre ich nichts? Warum sagt keiner was? Hat sie überhaupt wer gelesen? Haben sie sie gelesen und finden sie furchtbar? Oder noch schlimmer: Haben sie angefangen zu lesen, abgebrochen und meine Geschichte vergessen?

Und wenn dann die Erkenntnis durchdringt, dass die Geschichte nicht der Mittelpunkt des Universums ist, das alles, alles für die Katz war — dann stehst du da und kannst doch einfach nicht anders.

Dann rappelst du dich auf, streichst den Dreck von den Knien und schreibst weiter.

6 Comments

  1. Pingback: Meister Lampe auf dem Highway to the Danger Zone | aetherisavidi

  2. Liebe Sabine,

    hier trifft Wort für Wort, Satz für Satz ins Schwarze bei mir. Bitte öfter so was Erhellendes und Selbst-Humoriges! Und dann guckt Autor noch ständig nach, ob sein Buch überhaupt gelesen wird …;-)

    Herzlichst
    Christa

    1. Sabine

      Liebe Christa,

      ja das ist so eine Sache mit der Selbstironie – da steckt viel Galgenhumor drin :))
      Aber das darf ja auch sein und muss es wahrscheinlich sogar. Eine Prise Salz gehört in jede Süßspeise und ein Löffelchen Zucker in jede pikante. Die Mischung machts 🙂

      Herzliche Grüße
      Sabine

  3. Was fuer ein grandioser Text, Sabine.
    Ich finde den nicht humorig, ich finde ihn sardonisch – grinsen, wenn’s wehtut – und ich bin wohl keineswegs der einzige (noch dazu das Gegenteil eines Bauchschreibers), der Zeile um Zeile wie ein Wackeldackel genickt und gedacht hat: Woher kennt sie eigentlich mich?

    Ich habe meinen einundzwanzigsten Roman geschrieben, den allerersten, der mich beim Schreiben gluecklich gemacht hat und den ich selbst GELESEN habe (bisher war mir voellig unklar, warum ich das haette tun sollen – wieso Zeit auf mein ungekonntes Zeugl vergeuden, wenn die Welt voller Buecher von Menschen ist, die SCHREIBEN KOENNEN?), der erste, den ich GELUNGEN fand.
    Ich dachte: An dem zweifle ich nicht, der braucht nicht toll zu sein, fuer mich ist er gut genug und mir ist er die ganzen Jahrzehnte Herumstochern und Scheitern wert.
    Und seit er „da“ ist, da draussen bei den Lesern, wo er nicht hingehoert, seit die Reaktionen kommen und offenbar ein anderes Buch beschreiben als das, was ich hatte schreiben wollen (und glaubte, geschrieben zu haben) – ist alles wieder wie immer.
    Zweifel einmarschiert, Zauber verpufft.

    Eine kluge Kollegin hat mir mal gesagt, sie hasst den Moment, in dem sie feststellt, dass das achte Weltwunder vom Vorabend am Morgen nur noch aus Woertern besteht.
    Und meistens auch noch aus den falschen.

    In der Tat.

    Danke, Sabine.

    Sardonisch grinsend und mit etlichen Wuenschen gruesst Charlie

    1. Ach liebe Charlie,

      du ahnst gar nicht, wie wohl mir schon die Zustimmung zu diesem Beitrag tut. So wirr es klingt, beim Zweifeln nicht mit mir allein zu sein, ist schon ganz viel wert.

      Wenn andere dein Buch mit ihren eigenen Augen lesen, wird dadurch aus dem Buch im Grunde ein ganz neues Ding. Es wird tatsächlich ein anderes Buch als das, welches du geschrieben hast. Für dich bleibt es immer dein Schatz.

      Getröstet und mit herzlichen Grüßen an dich
      Sabine

      1. Nein, damit bist Du ganz und gar nicht alleine …
        Manchmal habe ich das Gefuehl, je lieber ich die Buecher eines Kollegen lese, je begabter und kraftvoller und interessanter ich sein Schreiben finde, desto mehr zerrauft er sich in Zweifeln.

        Zweifel sind quaelend, gehen bis in die Blockade, trennen Autoren und Texte.
        Aber letztendlich bieten sie mir auch immer eine Handlungsperspektive: Solange ich mich weigere, irgendwem anders als MIR die Schuld daran zu geben, dass meine Buecher nicht so beim Leser ankommen, wie sie gedacht waren, behalte ich auch die Souveraenitaet, bin allein ich es, der daran – vielleicht, irgendwann – etwas aendern kann.
        So habe ich es bisher gehalten: sich die lauen Lesermeinungen reinwuergen lassen, zweifeln, verzweifeln, Wunde lecken und versuchen, ein besseres Buch zu schreiben.

        Bei Buch Einundzwanzig gelingt mir das aber nicht. Trotz aller Zweifel, trotz der graesslichen, total desinteressierten Leserunde, die ich damit hatte (ich hatte auch eine schoene, aber frueher habe ich immer nur die schlechte beachtet und den Rest nicht mehr gehoert) – ich kann meinem Buch und mir nicht die Schuld geben, denn ich finde mein Buch nach wie vor schoen.

        Das ist ein sehr lustiges, weil voellig ungewohntes Gefuehl fuer mich.
        Auf einmal denke ich: Ich will’s gar nicht besser machen. Ich will dieses Buch so, wie es ist.

        Ob das jetzt gut oder schlecht ist, weiss ich noch nicht. Es ist auf jeden Fall mal was anderes. Und danach kommen ja wieder ganz normale „Zweiflerbuecher“ …

        Hab einen schoenen Tag mit Momenten in denen du etwas, das du geschrieben hast, gern magst!

        Alles Liebe von Charlie

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