Schreibtipps für Bauchschreiber – Fünfter Streich

Ein Roman braucht Figuren. Nichts leichter als das, oder? Immerhin sind wir dabei, hunderte von Seiten Handlung zu erfinden, da ist es doch ein Aufwasch, auch gleich die Figuren hineinzusetzen. Wo ist das Problem?

Vielleicht gibt es gar keins. Vielleicht gehörst du zu den Autoren, denen sowieso zuerst die Figuren zulaufen und die dann die Handlung drumherum bauen. Und vielleicht klappt das auch auf Anhieb. Falls nicht, fragst du dich vielleicht, was du verbessern kannst.  Die beste Geschichte taugt nichts, wenn die Figuren platt, durchsichtig oder allzu perfekt daherkommen.


Solche über-lebensgroße Figuren nennt man auch Mary Sue oder Gary Stu. Die können alles, wissen alles und sind der Traum aller Schwiegermütter. Wie Captain Kirk und Spock in einem. Laaangweilig! So was will keiner lesen. Deshalb gibt es eben die beiden Figuren, jeweils mit Fehlern.


Also woher einzigartige Figuren nehmen — und nicht stehlen? Stehlen ist in diesem Zusammenhang durchaus ein Stichwort. Viele Autoren haben sich zu Anfang Geschichten ausgedacht, die an Gelesenes, an Filme oder bekannte Erzählungen anknüpften. Vielleicht wünscht man sich ein anderes Ende oder es dauert einfach zu lange, bis die nächste Episode der Lieblingsserie erscheint. Also überlegt man sich eine eigene Handlung für die Lieblingshelden. Ist das dann geklaut?

Erst mal nicht. Es gibt riesige Fangemeinden beliebter Serien, in denen Autoren sich und andere köstlich mit Fan-Fiction unterhalten. Dagegen ist aus meiner Sicht nichts zu sagen, solange sie als solche erkennbar ist. (Vorsicht aber bei geschützten Marken, eine Rechteverletzung kann richtig teuer werden!) Als Autor muss man sich allerdings irgendwann fragen, warum man sich nicht zutraut, eigene Figuren zu entwickeln.

Vielleicht, weil ich gar nicht weiß, wie man das macht? Wie schaffe ich unverwechselbare, dreidimensionale, lebendige Figuren — Charaktere eben?

Für Planer gibt es ganze Wagenladungen an Tipps, Tricks und Kniffen, vielleicht noch mehr als zum Thema Spannung und Aufbau. Beliebte Hilfsmittel zur Erschaffung einer Figur sind

  • Charakterbögen bzw. (tabellarische) Lebensläufe
  • Figureninterviews
  • Probeszenen

Autoren unternehmen größte Anstrengungen, ihre Protagonisten plastisch, eben „real“ zu gestalten, komplett mit eigens erdachten Macken oder ‚Ticks‘. Mancher schwört darauf, bis ins Detail zu erkunden, welche Vorlieben und Abneigungen die Hauptfigur hat. Ich erinnere mich da an einen zwei-seitigen Fragebogen während eines Seminars, in dem Punkte wie Lieblings-Eis-Sorte, welche Farbe haben die Sofakissen, was liegt auf dem Nachttisch und ähnliche beantwortet werden sollten. Seinerzeit habe ich das gewissenhaft abgearbeitet, aber noch während ich mir die Antworten ausdachte, wusste ich schon, dass sie mich weder meiner Figur näher brachten, noch die Handlung meiner Geschichte in irgendeiner Form beeinflussen würden.

Das hat natürlich auch mit Lesevorlieben zu tun. Mir persönlich ist es beim Lesen egal, welche Schuhe der Protagonist trägt oder ob sein Pulli aus Kaschmir oder aus Katzenhaaren gestrickt ist. Interessant ist höchstens, wenn er in zerschlissenen Jute-Säcken daherkommt, denn dann vermute ich stark einen Bezug zur Handlung.

Das Augenfälligste bei diesen Prozeduren ist jedenfalls der erhebliche Aufwand, der in die Erschaffung der Figuren fließt, bevor noch eine einzige Zeile Handlung geschrieben ist. Planer  begründen das in aller Regel damit, dass sie erst wissen müssen, mit wem sie es zu tun haben, bevor sie einen Plot entwickeln können. Das ist gut! Besser jedenfalls — zumindest in meinen Augen — als eine Handlung zu schreiben und erst nachträglich Figuren hineinzupressen, deren „Charakter“ man je nach den Erfordernissen der Szene anpasst.

Als Bauchschreiber geht es mir mit meinen Figuren jedoch ähnlich wie mit meiner Handlung: Ich habe eine Idee, ein Bild vor Augen, aber den Durchbruch zu den wichtigsten Charakterzügen erziele ich beim Schreiben der ersten Szene, wenn ich noch voller erster Begeisterung bin und die Sätze aus mir heraus explodieren. Da habe ich sofort eine Stimme im Ohr, mit der die Figur auf ihre ganz eigene Art ihre Geschichte erzählt.


Witzigerweise funktioniert genau so die – von Planern durchaus gern genutzte – Methode des „Warmschreibens“ vor dem eigentlichen Roman: Man denkt sich eine Szene aus, vielleicht aus der Vergangenheit der Figur, und lässt die Figur einfach mal machen, um zu sehen, wie sie reagiert …


Aber woher hat die Figur diese Stimme? Sie ist meine Erfindung, wie kann sie da überhaupt irgendetwas eigenes haben? Muss nicht alles an der Figur zwangsläufig aus mir kommen?

Anders gefragt:  Wie viel Autor steckt in der Figur?

Diese Frage erscheint mir besonders heikel. Sie wird mit schöner Regelmäßigkeit bei Lesungen gestellt: Wie autobiographisch ist der Text? Besonders häufig wird die Frage natürlich Erotik-Autoren gestellt. Haben Sie das alles selbst ausprobiert? Die regelmäßige Gegenfrage lautet: Würden Sie das auch einen Krimi-Autor fragen? Wir kennen die Antwort.

Trotzdem. Es leuchtet ein, dass eine Figur nur lebensnah wirken kann, wenn wir sie mit Gedankengängen und Emotionen ausstatten, von denen wir wissen, dass sie nachvollziehbar sind. Weil wir sie kennen. Gerade Schreib-Lehrer pochen gern und immer wieder darauf, als Autor müsse man mutig sein, eigene Grenzen überschreiten und — ja — sich nackt und verletzlich zeigen, um lebensnahe Figuren zu schaffen, die beim Leser echte Emotionen wecken. Die haben gut reden.

Aber wollen wir denn überhaupt in unseren Figuren durchscheinen? Wollen  wir wirklich vor versammeltem Publikum unsere innersten Einsichten und Gefühle offenlegen? Nicht zuletzt die gläserne Gesellschaft, in der wir uns bewegen, mit den daraus resultierenden Auswüchsen und Bedrohungen rufen Unwohlsein hervor, sich als Autor allzu sehr zu entblößen.

Damit stehen wir, schon beim Schreiben, vor einem schier unlösbaren Dilemma. Gerade heute las ich in einem Autoren-Blog die These, wir Autoren seien zu 50% narzisstisch veranlagt und zu 50% von Selbstzweifeln zerfressen. Nu.

In Wirklichkeit ist die Forderung nach Selbstentblößung eine der meist-missverstandenen Schreibanleitungen überhaupt. Wir sind Autoren. Wir erfinden Zeug. Wir schreiben keine Betroffenheits-Prosa. Niemand will den Seelen-Strip eines anderen lesen. Das ist öde. Im schlimmsten Falle peinlich. Und niemand mag sich gerne fremd-schämen.


Gerade bei der Hochliteratur beklagen Literaturkritiker immer wieder, Schriftsteller kreisten zu sehr um den eigenen Nabel. Also.


Die Kunst ist, etwas von uns einfließen zu lassen. Erinnerungen an starke Gefühle wie Begeisterung, Liebe, Angst, Zorn, Neid, Hass wiederaufleben zu lassen. Mit uns selbst ehrlich zu sein und zu ergründen, was genau uns in dieser Lage so sehr berührt, uns erschüttert hat. Und diese Essenz an die Figur zu übergeben.

Jeder kennt solche Gefühle, vielleicht nur im Kleinen. Aber sie lassen sich übertragen auf große, umwälzende, lebensverändernde Ereignisse, die wir nur erfunden haben. Da können wir dann auch all unsere Empathie einfließen lassen, denn manchmal sind es ja gerade die Erfahrungen und Empfindungen, die wir nicht selbst haben, von denen wir aber ahnen, wie ein anderer sie erlebt, die unsere Geschichte mit Leben erfüllen.

Und wenn wir doch einmal die Gefühle eines selbst erlebten, wirklich einschneidenden Ereignisses einbauen, dann behalten wir für uns, was von alledem wahr ist und was nicht. Wir lassen einen letzten Zweifel bestehen. So verbindet sich der Mythos Autor mit dem Mythos der Figur.

Vertiefung:

Zu diesem Beitrag wurde ich gefragt, ob nicht Lebenserfahrung und Lokalkolorit eine große Rolle bei der Figurenerstellung spielen. Wenn ich als Autor weiß, wovon ich spreche, weil ich dort war, weil es wirklich so hätte ablaufen können. So wie Stephen King das macht, beispielsweise. Man nimmt ihm das einfach ab, was er erzählt, meint ihn sogar zu erkennen, weil er die Erlebnisse seiner Figuren so lebensecht schildert wie eigene Erinnerungen.

Ja, sicher! Genau!

Das heißt aber nicht, dass ich nur noch das schreiben darf, was ich selbst erlebt habe. ‚Write what you know.‘ — Noch so ein furchtbar missverstandener Rat. Wenn man drüber nachdenkt, hat man viel mehr erlebt, auch als junger Mensch, als einem vielleicht klar ist. Ich muss nicht alles erlebt haben, das ich schildere, aber ich kann mich in das meiste einfühlen, weil ich so etwas ähnliches erlebt habe. Im kleineren Maßstab hoffentlich. Als Kind hab ich nie aus erster Hand erlebt, wie ein Mensch gestorben ist, aber ich habe meine kleine Katze sterben sehen. Wenn ich mich daran erinnere und ganz genau überlege, was das in mir ausgelöst hat, dann kann ich das transportieren auf eine Figur, die einen Freund verliert. Das ist das, was mit ‚mutig sein‘ und ‚eigene Grenzen überschreiten‘ eigentlich gemeint ist: es auszuhalten, dass ich Gefühle analysiere, die mir weh tun. Tief in die Wunde zu bohren und genau auszuloten, welchen Schaden sie angerichtet hat, welche langfristigen Folgen das hat und wie es mich verändert hat. Und die Quintessenz daraus übertrage ich dann auf meine Figur.

In diesem Zusammenhang könnte man übrigens meinen, unter ‚Figur‘ sei nur die Hauptfigur zu verstehen. Vielleicht noch der oder die Gegenspieler. Gehen wir einen Schritt weiter: Steckt ein bisschen Autor in allen Figuren? Sollte das so sein?

Da scheiden sich die Geister. Die Planer sind sich offenbar nicht einig (als ob es hier so etwas wie eine homogene Gruppe überhaupt gäbe), wieviel Aufmerksamkeit man Nebenfiguren schenken sollte. Als Bauchschreiber neige ich dazu, im Fluss der Erzählung auch Nebenfiguren ein bisschen von mir mitzugeben, weil es sich einfach organisch so entwickelt. Persönlich liebe ich Geschichten, deren Nebenfiguren das Potenzial zu einer eigenen Story hätten. Es macht die Roman-Welt für mich wirklicher, runder.

Wir haben also „lebendige“ Figuren, eine Handlung, die sich logisch weiterentwickelt, eine runde Welt. Dann schreibt sich der Roman also jetzt quasi von allein, oder? Ein Viertel der Handlung ist schon geschafft, wir sind im zweiten Akt, ab jetzt ist es nur noch eine Frage von Schreibdisziplin und Zeit, ja? Super, dann bin ich ja bald fertig!

Ja. Nein. Leider gibt’s da ein Problem: den Autor. Denn der fängt plötzlich an zu zweifeln. Immer wenn’s am Schönsten ist. Da schleicht sich ein mieser, kritischer innerer Wicht von hinten an und haut uns mit dem Manuskript über die Ohren. „Das nennst du einen Roman? Das willst du deinen Lesern zumuten? Das ist Schund! Billiger, langweiliger, kranker Schund. Du bist unfähig, einfältig und größenwahnsinnig dazu. Überlass das Schreiben gefälligst denen, die Ahnung davon haben. Geh und such dir ein Hobby!“

Das passiert nicht nur Bauchschreibern, sondern auch Planern. Und ich kenne keinen Autor, der nicht darunter leidet. Wie geht man damit um? Damit befasst sich der nächste Streich.

2 Comments

  1. Danke für die Vertiefung Sabine:) Genau das ist es.
    Es geht ja nicht darum, alles auf den Tisch zu legen und sich zu offenbaren, obwohl, manchmal vielleicht schon, sondern, wie soll ich sagen? Authentisch zu sein. Glaubwürdig ist das richtige Wort denke ich.
    I

    Ich würde nie auf die Idee kommen, zu denken, dass eine Autorin oder ein Autor schon mal eine Straftat begangen, um einen Krimi , oder das Kamasutra „durchgeackert“ haben sollte, um einen erotischen Roman, schreiben zu können.

    Witzig, dass es Leute gibt, die so etwas fragen:)

    Schade, dass ich mein Kommentarpulver gestern schon verschossen habe, aber toll das es mit eingeflossen ist:)

    lg
    Nat

    1. Danke Natascha, dass du mich drauf geschubst hast, wo mein Beitrag noch ein bisschen klarer werden musste 🙂
      Authentisch, ja das ist ein guter Punkt. Ich nenne das bei mir „wahrhaftig sein“. Meistens meine ich damit, das zu schreiben, was ich denke, nicht, was ich glaube, dass andere es von mir lesen wollen (was dann womöglich nicht mal so ist …) aber manchmal geht es auch darum, mich erst einmal zu überwinden, ein heikles Thema überhaupt aufzugreifen.

      Liebe Grüße
      Sabine

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