Schreibtipps für Bauchschreiber – Erster Streich

Eine Figur, ein Thema, ein Genre, eine Super-Idee. Irgendetwas davon ist plötzlich da und schreit nach einer Geschichte. Aber wie packe ich es an?

Am besten in medias res: Mit beiden Beinen mitten rein ins Geschehen.

Angenommen, eine bestimmte Figur spricht dich, aus welchen Gründen auch immer, besonders an. Dann beginne die erste Szene mit dieser Figur. Unabhängig vom Genre und auch davon, ob sie Protagonist oder Antagonist wird.


Wichtig: In diesem Beitrag geht es ums Schreiben des ersten Roh-Manuskripts, nicht ums Überarbeiten! Welche Szene nachher die Handlung tatsächlich eröffnet, interessiert uns an dieser Stelle noch überhaupt nicht. Bei meinen bisher veröffentlichten Romanen entschied sich jeweils erst in den letzten Lektorats-Runden, welches Kapitel die Nummer 1 erhielt.


Auch wenn es statt einer besonderen Figur ein bestimmtes Thema oder ein Setting ist, die dich vor allem reizen, schlage ich vor, mit einer Hauptfigur zu beginnen. Ein Szenario wirkt statisch, solange niemand es reflektiert. Das gilt insbesondere für beschreibende Anfänge. Wenn niemand da ist, für den das alles irgendeine Bedeutung hat, sind solche Anfänge viel zu trocken, im Sinne von: ‚Laaangweilig!‘

Und wir suchen in diesem Stadium ja vor allem eines: Inspiration.

Wir haben also eine Figur, die wir interessant finden. Aber warum eigentlich? Weil wir spüren, dass sie Potential hat. Eine Handlung in Gang zu setzen, sich zu entwickeln und sogar uns, die wir sie erfunden haben, immer wieder zu überraschen. Bevor das jetzt zu esoterisch klingt: Wahrscheinlich haben wir unbewusst schon ein paar Ideen entwickelt, die wir „nur“ noch in Worte fassen müssen.

Ich fange normalerweise damit an, mir zu der Figur eine Familiengeschichte auszudenken. Außerdem bekommt sie Nachbarn oder Arbeitskollegen, Freunde und Gegner. Ja, tatsächlich, das ist fast schon so etwas wie Plotten und Planen. Ganz ohne geht es auch beim Bauchschreiben nicht. Allerdings habe ich aufgegeben, mir allzu viele Notizen zu machen. Mir geht es vor allem darum, ein Gefühl für die Figur zu bekommen. Wie sie sich selbst sieht und wie andere auf sie reagieren.

Die Nebenfiguren erhalten, je nach Bedeutung, ebenfalls einen mehr oder weniger ausgefeilten Lebenslauf, und wie im richtigen Leben ergeben sich daraus schon ganz zwanglos Konflikte. Die lassen sich im Lauf der Handlung prima ins Geschehen einbinden.

Im Augenblick sind wir aber immer noch beim Einstieg in den Roman. Welcher Zeitpunkt im Leben der Hauptfigur ist als Ausgangssituation günstig? Wie lässt sich das Wissen über die Figur nutzen? Folgendes hat sich bewährt:

Zeige die Figur für ein, zwei Absätze in ihrer angestammten Umgebung, bei einer typischen Handlung — und dann wirf eine Bombe rein. Im übertragenen Sinn oder tatsächlich, das hängt von deinem Genre ab 😉

Konflikte, Konflikte, Konflikte!

Ohne Konflikt keine Geschichte. Innere Konflikte, äußere Konflikte, kleinere und größere und solche, die alles, was für die Figur Bedeutung hat, in Frage stellen. Konflikte kann man gar nicht genug haben. Was will die Figur in diesem Moment und was steht dagegen? Wenn das Ziel — zu Beginn der Handlung reicht uns schon ein kurzfristiges — wichtig genug ist, wird die Figur alles tun, was nötig ist, um es zu erreichen. Und irgendwer oder irgendetwas wird dagegenhalten. Es muss gar kein Gegner im eigentlichen Sinn sein, es reicht, wenn dem Willen der Hauptfigur etwas entgegensteht, wenn beides sich wechselseitig ausschließt. Nur einer kann gewinnen.

Sobald diese Ausgangspositionen feststehen, muss ich als AutorIn nur abwechselnd in alle Figuren schlüpfen und sie ausgehend vom aktuellen Handlungsstand und ihrem persönlichen Wissenstand folgerichtig reagieren lassen.


Schauspieler lernen beim sogenannten Method Acting, sich in die Situation ihrer Rolle hineinzuversetzen und dabei Gefühle abzurufen, die sie kennen und – natürlich zugespitzt – auf die Rolle übertragen können. Das funktioniert beim Schreiben ganz ähnlich, nur dass ein Autor in alle Rollen schlüpfen kann und muss.


In dem Augenblick, in dem eine Figur etwas unbedingt will, das eine andere Figur (oder das Schicksal) auf gar keinen Fall zulassen kann, entsteht durch die Folgerichtigkeit der Reaktionen eine Dynamik, die dir beim Schreiben die Frage ‚Und was jetzt?‘ komplett aus der Hand nimmt, wenigstens eine Szene lang. Und da kommen wir zum wesentlichen Punkt: Keine Angst vor der Ungewissheit, was in der nächsten Szene passieren soll. Denn dieser Konflikte-„Trick“ funktioniert jedes Mal, durch den ganzen Roman bis zum Ende.

Die erste Szene steht also, der Anfang ist gemacht, gratuliere! Wie es weitergeht, wie man es schafft, am Ball zu bleiben, auch ohne detaillierte Vorplanung den Faden nicht zu verlieren und einen Spannungsbogen zu spannen, der bis zum Ende des Romans hält, gibt es in den kommenden Beiträgen zu lesen. Nach und nach, in kurzen Abständen.

Stay tuned!

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