Schreibtipps für Bauchschreiber – Dritter Streich

„Geh mir bloß wech mit Gefühle!“

Es geht das Gerücht, die Spezies ‚Leser‘ sei streng geteilt in die Gruppen ‚Frauen‘ auf der einen und ‚Männer‘ auf der anderen Seite. Es wird behauptet, beide Gruppen zögen grundsätzlich unterschiedliche Romane vor: die Frauen vor allem gefühlsbetonte, die Männer vor allem actionreiche. Gefühle hätten in ‚Männer-Lektüre‘ nichts verloren.

Ich behaupte, das ist ein Trugschluss.


Warum sind Hollywood-Blockbuster mit schöner Regelmäßigkeit auch international der Renner? Weil sie das Herz schneller schlagen lassen. Warum sind Romane von Grisham oder Clancy solche Mega-Seller? Weil sie den Leser da packen, wo ‚er‘ es ’spürt‘. Und das, obwohl er womöglich nicht mal merkt, wenn genau das geschieht.


Ein weitverbreiteter Irrtum ist nämlich, Gefühle hätten ausschließlich mit Herz-Schmerz und rosa Kitsch zu tun. Dabei sind Emotionen ein grundlegendes Merkmal von Bewusstsein. Wer sich je auch nur ansatzweise mit dem Thema Künstliche Intelligenz beschäftigt hat, ahnt das. Gefühle sind letztlich der wahre Antrieb für unsere Handlungen.

Das beginnt schon bei der Frage, warum schreibe ich? Sie stellt sich erstaunlich vielen Autoren früher oder später, meistens dann, wenn es schwierig wird, durchzuhalten. Die Antwort muss jeder für sich selbst suchen. Hat man sie gefunden, heißt das noch lange nicht, dass es bei dieser Erkenntnis bleibt. Der Drang zu Schreiben ist — wie beinahe alles im Leben — ein sich verändernder Antrieb, abhängig von unserem jeweiligen geistigen, sozialen und gefühlsmäßigen Zustand.

Mancher schreibt sich seine Sorgen von der Seele, andere müssen ihre Gedanken aus dem Kopf bekommen, um Platz für neue Ideen zu schaffen oder sich über etwas klarer zu werden. Ein Dritter tut es vor allem für  die anderen. Um sie aufzurütteln oder zu erheitern. Oder man schreibt, weil man sich anders nur schwer äußern kann. Wahrscheinlich gibt es mehr Gründe fürs Schreiben als es Autoren gibt.

Schreiben ist jedenfalls für viele von uns kein Selbstzweck. Wir wollen etwas bewirken. Dazu müssen wir die Fühler aus unserem Schneckenhaus herausstrecken und Kontakt aufnehmen mit der Umwelt.


Nicht von ungefähr ist der Tastsinn über die Haut unser größtes Sinnesorgan. Schon sprachlich zeigt sich in Begriffen wie ‚begreifen‘, ‚erfassen‘, aber auch ‚anrühren‘ wie wichtig dieses Fühlen, Berühren für uns als Organismus ist. Durch Ertasten geraten Informationen zu unserem Gehirn. Sie ermöglichen das Ingangsetzen eines Denkprozesses, der in einer Entscheidung gipfelt – sei es, aktiv zu werden, sich zurückzuziehen oder auch einfach tot zu stellen.


Ganz konkret, bezogen auf den Roman, an dem wir gerade arbeiten, wecken die Erfahrungen, die unsere Figuren machen, in ihnen Gefühle, die sie zu Reaktionen führen. Ihre Handlungen werden durch den vorausgehenden Gefühls-Prozess erst nachvollziehbar, glaubhaft, egal wie unsinnig oder ‚falsch‘ sie nach außen wirken.

Niemand von uns ist allein (wenn man sich auch manchmal so fühlt), deshalb haben die Reaktionen, zu denen uns unsere Gefühle verleiten, eine Auswirkung auf unsere Umwelt. Direkt oder indirekt, sofort oder verzögert. Das ist im ‚wirklichen Leben‘ so und kann daher in der fiktionalen Welt eines Romans nicht anders sein.  Im wahren Leben kennen wir meist die Gefühle unserer Gegenüber nicht. Wir können sie vielleicht erahnen, aber wir können uns auch fürchterlich irren. Genau damit lässt es sich als Autor aber hervorragend spielen!

Wenn wir dem Leser Einblick in die Gefühlswelt der Figuren bieten, machen wir ihre Handlungen nachvollziehbar, die Leser können Vertrauen in die Erzählung fassen und sind bereit, sich auf diese erdachte Welt einzulassen. Andererseits bauen wir Spannung auf, wenn dem Leser klar ist, dass die Figur selbst sich in den Motiven der anderen Figuren täuscht und deshalb wahrscheinlich gerade auf eine Katastrophe zusteuert.


Umgekehrt wird dann eine Figur, deren Gefühle wir dem Leser gezielt vorenthalten, genau dadurch zu einem Rätsel, das er ergründen will! Aber Vorsicht: Der Effekt nutzt sich ab, besonders, wenn auch die anderen Figuren nur von außen betrachtet werden. Das ist dann nicht geheimnisvoll, sondern langweilig.


Gefühle stehen oft genug im direkten Gegensatz zur Logik. Sie lassen uns im Eifer des Gefechts übereilte Schlüsse ziehen, gefährliche Spontan-Handlungen unternehmen oder sie halten uns davon ab, ‚das Richtige‘ zu tun. Auf der Meta-Ebene bringen Gefühle Figuren aber auch dazu, anders zu handeln, als es ‚logisch‘ im Sinne von ‚vorhersehbar‘ wäre — und das bedeutet nichts anderes, als dass die Handlung eine für alle Beteiligten überraschende Wendung nimmt. Nicht zuletzt womöglich für den Autor 😉

Noch komplizierter wird die Lage, wenn sich die Figuren nicht einmal sicher sind, was genau sie eigentlich wollen. Widerstreitende Gefühle erhöhen das Konfliktpotenzial um ein Vielfaches

  • – weil die Figuren sich selbst im Weg stehen,
  • – weil sie Missverständnisse provozieren
  • – und  so Lösungen behindern.

Konflikte sind für den Roman gut, wie wir wissen! Sie treiben die Handlung voran. Andererseits — und das ist der Clou — ermöglichen widerstreitende Gefühle auch unerwartete Auflösungen.

Der New Yorker Literaturagent Donald Maass fordert in seinem Buch Writing 21st Century Fiction dazu auf, den Leser zu überraschen, der Handlung eine neue Wendung zu geben durch auch für die Figur selbst unerwartete Gefühle. Weil Menschen eben komplizierte Wesen sind, mit komplexen Hintergründen und — genau — widerstreitenden Gefühlen.

In einer Situation, in der man eigentlich erwarten sollte, die Figur handelt vielleicht zornig und unnachgiebig, könnte eine beiläufige Äußerung, ein Geruch, eine Melodie sie ablenken. Zum Beispiel könnten Erinnerungen geweckt werden, die mit einem Mal ganz andere Gefühle hervorrufen. Vielleicht Mitleid, vielleicht Überdruss, vielleicht geistige Lähmung oder irgend etwas anderes, das zu einer unerwarteten Handlung führt. Und das verändert dann womöglich ebenso das Erleben des Gegenspielers. Auch seine Wahrnehmung verändert sich vielleicht und damit seine Reaktion. Und schon haben wir ein Klischee aufgebrochen, jedenfalls aber der Geschichte eine weitere Dimension hinzugefügt, die sie ‚realer‘ macht.

Gefühle können aber noch mehr: Sie zwingen unsere Hauptfigur, sich selbst, ihre Wahrnehmung der (Roman-)Wirklichkeit, ihre Allianzen zu überdenken. In Frage zu stellen. Anzuzweifeln. Sie führen dazu, dass die Figur sich verändert. Je nach Charakter wächst sie oder sie leitet ihren eigenen Untergang ein. Beides ist möglich, beides ist — aus Sicht des Autors — gerechtfertigt. Und auch die Leser werden akzeptieren, welche Richtung der Roman einschlägt, wenn es sich nach alldem konsequent ergibt. Sogar eine Tragödie, sogar ein dystopisches Ende, wenn dieser Ausgang sich eben richtig anfühlt.

Als Autoren beschneiden wir uns eines der mächtigsten Werkzeuge überhaupt, wenn wir Gefühle in unseren Romanen außer Acht lassen.

Wenn du also nach den ersten einleitenden Szenen, der ersten Konfrontation mit dem inciting incident, der ersten Reaktion der Hauptfigur und der ersten Retourkutsche durch den Gegenspieler nicht weißt, wie es nun weitergehen könnte, spätestens dann ist es Zeit, die Hauptfigur in sich gehen zu lassen. Ist das alles so richtig, was sie da macht? Wie konnte sie in diese Lage kommen? Vertraut sie vielleicht den falschen Leuten? Was ist zu tun? Dummerweise fehlen der Figur Informationen. Was auch immer sie entscheidet, wie auch immer sie reagiert, es macht alles nur schlimmer. Weil sie unter Druck steht. Weil sie vor allem eines will: Nicht das hier! Also versucht sie, dieser Situation so schnell wie möglich zu entkommen. Damit alles wieder so wird, wie es sein soll.

Warum aber genau diese gefühlsmäßige, undurchdachte Reaktion dazu führt, dass der Schlamassel nur undurchsichtiger wird und die Lösung in weite Ferne rückt, darauf gehe ich im kommenden Artikel ein:

Schreibtipps für Bauchschreiber — Vierter Streich

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