Realistisch betrachtet

… sind die Ergebnisse der letzten Wahlen nicht überraschend. Ich wage mich sogar vor und stelle eine — im ersten Augenblick vielleicht provokante — These auf: Die Ergebnisse zeigen, dass wir als Gesellschaft zwar Fehler gemacht, bzw. zugelassen haben. Fehler die dringend korrigiert werden müssen. Andererseits haben wir offensichtlich auch etwas ganz richtig gemacht:

Wir haben so viel Toleranz und Mitgefühl in die Welt gebracht, dass es einigen unheimlich wird.

Manche hätten deshalb lieber ihr altes System von Ausgrenzung und Unterdrückung zurück. Das entsetzt uns. Es entsetzt uns, dass es dieses Bedürfnis nach Ausgrenzung gibt. Diesen Wunsch, mehr zu haben als andere, sich überlegen zu fühlen, sich wertvoller zu fühlen. Wir verstehen das nicht, weil dieser Impuls in unserem eigenen Weltbild einfach keinen nennenswerten Raum einnimmt. Höchstens so ein kleines bisschen. Manchmal. Das macht uns dann vielleicht ein bisschen Angst. Könnte dieser Anteil größer werden? Könnten wir uns in reißende Bestien verwandeln?

Sogar von einem tibetanischen Mönch habe ich gelesen, dass er sich unter der Folter in chinesischen Internierungslagern vor allem davor fürchtete, sein Mitgefühl für die Peiniger zu verlieren. Er wollte so nicht werden. *

Aber was ist das überhaupt für ein Impuls? Woher dieser Wunsch, sich über jemanden zu erheben? Was fühlt sich daran gut an? Ich denke, es hängt mit dem alten Schema des Wettstreits zusammen, das immer noch ganz tief in den meisten von uns verwurzelt ist. Wenn ich nicht gewinne, hab ich verloren. Mit anderen Worten: Wenn andere (etwas) hinzugewinnen, muss das in der Logik des Wettstreits bedeuten, dass ich (etwas) verliere. Du Gewinner = ich Verlierer.

Auch wenn es gar nichts zu verlieren gibt, sondern nur ein gemeinsames Teilhaben.

Interessant bleibt aber auch nach den jüngsten Wahlergebnissen, dass sich eine deutliche Mehrheit der Wähler trotz dieses Restimpulses von Unbedingt-gewinnen-müssen nicht für Ausgrenzung, sondern für Dialog entschieden hat. Dafür muss man sich nicht schämen, darauf kann man stolz sein.

Aus vielen Gesprächen und Beiträgen höre ich die Angst heraus, die Geschichte könnte sich wiederholen. Machtergreifung der Nazis, viertes Reich, dritter Weltkrieg. Und wer rettet uns dieses Mal vor uns selbst?

Machen wir da aber nicht einen gedanklichen Schritt vor dem ersten?

1933 war die wirtschaftliche Lage in Deutschland eine ganz andere. Nach dem ersten Weltkrieg war Deutschland finanziell am Ende und weltpolitisch isoliert und geächtet. Das bekam der Bürger auf der Straße deutlich zu spüren. Heutzutage ist Deutschland eines der führenden und finanzkräftigsten Länder der EU und gilt politisch vielen als Vorbild. Mit anderen Worten: Es geht uns blendend.


Laut Infratest-Umfragen schätzen auch in Sachsen-Anhalt rechte Wähler die allgemeine wirtschaftliche Lage deutlich schlechter ein als ihre eigene.


Es geht also um „gefühlte“ wirtschaftliche Schwäche vs. erlebte Situation. Das haben sie in Sachsen-Anhalt übrigens gemein mit den Wählern der Linken. Im Unterschied zur Linken bieten die rechten Parteien aber gleich noch einen Sündenbock — und das zieht. So gut, dass es Nachahmer fand, die es besser hätten wissen müssen.

Fischen nach dem rechten Rand macht demokratische Parteien für die eigenen Anhänger unwählbar

1933 konnten die Nazis die Macht ergreifen, nicht weil sie die Mehrheit hatten, sondern, weil die anderen Parteien sich darauf einließen, mit Schlagworten der Nazis deren Wähler abschöpfen zu wollen. Womit sie nur erreichten, dass rechten Ideologien mehr Gewicht zukam, als ihnen gebührte. Das lockt dann vielleicht sogar einige Wechselwähler, vor allem aber macht das Fischen nach dem rechten Rand demokratische Parteien für die eigenen Anhänger unwählbar — und ich hoffe, sie lernen was daraus.

Apropos lernen. Alter Grundsatz aus der Psychologie: Nicht den anderen muss ich ändern, sondern ich muss für meine Überzeugungen einen anderen Weg finden. Seien wir deutlich in unserem unbedingten Willen zu Demokratie und Mitmenschlichkeit. Seien wir gewiss, dass wir richtig liegen. Halten wir daran fest, stehen wir dafür ein. Halten wir zusammen. Aber seien wir offen für neue demokratische Bündnisse. Scheuen wir allzu einfache Antworten, suchen wir nach fairen Kompromissen. Finden wir den Weg.

Fortentwicklung läuft nie linear ab. Sie ergibt sich aus Wechselwirkungen von Erkenntnis, Errungenschaft, Furcht und daraus folgender Repression und darauf wieder folgendem Drang, die Fesseln sprengen zu müssen. Denn sogar dann gilt irgendwo noch: Die gewinnen = wir verlieren. So lange, bis es sich eingependelt hat. Bis es bei allen angekommen ist: Ich gewinne = du gewinnst = wir gewinnen.


* Interessante Lektüre zum Thema:

Dalai Lama, Das Buch der Menschlichkeit, ISBN-10: 3404605144 oder, falls es dich nach weltlicherer Literatur gelüstet: Eliot Pattinson, Der fremde Tibeter, ISBN-10: 3746618320


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