Publikumsbeschimpfung

Oder: Wollen Leser manipuliert werden?

Nein, keine Suggestivfrage, sondern eine, die ich mir gerade ernsthaft stelle. Ausgelöst durch ein Gespräch unter Lesern über einen Schriftsteller, der sein Publikum (und seine Gegner) damit „provoziert“ habe, dass er seine Anfangssätze mit Widerspruch beginnt, so als ob er schon mitten in einem Streitgespräch begriffen sei. Die beiden Gesprächspartner waren sich in ihrer Begeisterung dafür einig. Endlich mal einer, der dagegenhält. Der die Leser auf seinen Wortfelsen auflaufen lässt und dann sollen die doch gucken, wie sie sich retten.

Nur – das Einzige, das sich bei mir spontan bei den Textbeispielen meldete, war meinerseits Widerspruch. Wenn einer alle seine Romane auf diese Weise beginnt, ist das dann nicht schon eine Masche? Geschieht das nicht schon im Wissen, dass man so mal wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht? Als enfant terrible gefeiert wird?
Geht es da überhaupt noch um die Geschichte? Oder geht es um den Autor?

Den Namen jenes Schriftstellers mag ich hier nicht nennen, weil ich mit seinem Werk nicht vertraut bin und ihm persönlich deshalb womöglich Unrecht tue. Mir geht es um den grundsätzlichen Gedanken: Was ist den Lesern eines Romans wichtig – der Autor oder die Geschichte?

Wahrscheinlich kann man das nicht eindeutig beantworten. Es gibt Autoren – wenige wohlgemerkt, aber es gibt sie – die ziehen eine Fangemeinde hinter sich her, die jedes ihrer Worte aufsaugen, als sei schon ihr Ein- und Ausatmen pure Philosophie. Vermutlich lesen einige Leser deren Bücher trotz des Inhalts. Das ist aber keine Antwort auf meine Frage, denn Extrempositionen gibt es zu jeder These. Wie steht es aber mit dem „Durchschnitts-Leser“?

In Leserforen kommt regelmäßig die Frage auf: Wonach entscheidet ihr, was ihr lest?
Ebenso regelmäßig werden Kriterien aufgezählt wie Genre, Titel, Cover, Klappentext, Leseprobe. Etwa in dieser Reihenfolge. Dem Buchreport bzw. der dort besprochenen Nielsen-Studie zufolge spielt jedoch ein Kriterium eine herausragende Rolle: der Autor. Ha! Das spräche ja dann dafür, dass es doch nur auf den Autor ankommt, nicht den Inhalt des Romans. Aber stimmt das so?

Oder ist es vielleicht umgekehrt, der Autor hat eine Erwartungshaltung geweckt, mit seiner Art zu schreiben? Mit seinem Genre, seiner Sprache, seinen Inhalten? Auch das scheint dann noch die These zu stützen, dass eben manche Leser speziell diesen – sagen wir – provokanten Stil lieben. ‚Ich gegen die.‘ Nur – auf welcher Seite wähnen sich die Leser?

In Peter Handkes Publikumsbeschimpfung wird deutlich, dass das Publikum eben nicht auf Seiten des Verfassers oder der Darsteller zu finden ist. Es IST „die anderen“. Es ist ist die, gegen die sich das Werk richtet. Natürlich nur, um einen Spiegel vorzuhalten und zur Besserung anzuregen. Auch Peter Handke hat das sehr geschickt verpackt, denn die Beschimpfung richtet sich natürlich nicht gegen den Einzelnen, sondern gegen „die anderen“ im Publikum, die gemeint sind. Alles klar? 😉

Als Kunstform durchaus eine akzeptable Methode. Wie jede radikale Kur nutzt sich aber der Effekt ab und nach zu häufigem Gebrauch bleibt nur ein schaler Geschmack von ebendem: Effekthascherei. Ab wann verkommt also ein legitimes Aufrütteln zum Selbstzweck? Und merken die Zuschauer, die Leser, wenn dieser Punkt überschritten ist?

Möglicherweise erst in der Nachschau. Als Autoren sollten wir uns aber jetzt und heute immer fragen: Schreibe ich das, weil es zur Geschichte gehört? Oder will ich, der Autor, damit gut aussehen? Möglicherweise ersparen wir der Allgemeinheit eine Menge Geschwafel, wenn wir diese Stellen dann einfach ausschneiden und zur Not in einem kleinen Ego-Ordner sammeln, bevor der Roman in Druck geht.

In diesem Sinne: Und Schluss!

 

4 Comments

  1. .“..über einen Schriftsteller, der sein Publikum (und seine Gegner) damit “provoziert” habe, dass er seine Anfangssätze mit Widerspruch beginnt, so als ob er schon mitten in einem Streitgespräch begriffen sei. Die beiden Gesprächspartner waren sich in ihrer Begeisterung dafür einig. Endlich mal einer, der dagegenhält. Der die Leser auf seinen Wortfelsen auflaufen lässt und dann sollen die doch gucken, wie sie sich retten. “

    Wie? Was? Ich versteh nur Bahnhof o.O

      1. Effekthascherei, eben. Kann man vielleicht einmal machen, aber dann nie wieder. Wenn man es ständig einsetzt, wiederholt man sich bloß. Handkes „Publikumsbeschimpfung“ habe ich im Fernsehen mal auf der Bühne gesehen. Ja, der Effekt ist der: Keiner fühlt sich angesprochen, gemeint sind immer nur die anderen.

        Christa

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