Outtakes II: Zum Gegenspieler geboren?

Ein Roman lebt von seinen Figuren. Sie sollen lebendig wirken, wie Menschen (oder Monster), denen man am Tisch gegenübersitzen könnte, deren Hand man schütteln könnte, die man lieben oder hassen könnte. Das gilt für die Helden der Geschichte, aber ganz besonders auch für den Gegenspieler. Die Spannung zwischen diesen beiden Positionen ist es, die den Roman antreibt, die uns dazu bringt, weiterzulesen – weil wir einfach wissen müssen, wie es mit ihnen weitergeht.

Wie aber wird aus einer Figur ein glaubhafter Gegenspieler? Indem wir ihr „Leben einhauchen“. (Dieser Gedanke würde gerade Hiakona ganz besonders gefallen!)

Dazu müssen wir weiterdenken, über die Grenzen unserer Buchseiten hinaus, in die Vergangenheit unserer Figur und in ihre Umgebung. Woher stammt unser Gegenspieler? Wer sind seine Vorfahren, wie ist er aufgewachsen, welche Wünsche, Ziele, Privilegien oder Pflichten hat er? Welche Ängste?  Welchen Einfluss nimmt er auf seine Umgebung, und wie wirkt sein Umfeld auf ihn ein?

Was hat ihn zu dem gemacht, der er zum Zeitpunkt der Romanhandlung ist?

2 – Schüler und Meister: Vom Leben Iskios

Jede der Uhren in Meister Jharobs Studierzimmer zeigte eine andere Zeit. Manche tickten, andere gaben ein Summen oder Schnarren von sich, wieder andere blieben lautlos. Gerade als einige davon, jede auf ihre Weise, eine volle Stunde verkündeten, öffnete sich die Tür von außen und Jharob trat ein, gefolgt von Hiakona, seinem eifrigsten und besten Schüler.

Die Augen des jungen Mannes leuchteten, Aufregung rötete seine Wangen. »… aber wäre es nicht ein wunderbarer Gedanke, ewig zu leben? Jung und stark und mit der Weisheit eines langen Lebens?«

Jharob wiegte den Kopf. »Wie soll die Weisheit zustande kommen? ›Um zu wissen, wie der Ibis fliegt, muss man warten, bis er es tut.‹ Weisheit entsteht aus eigenem Erleben, aus den Folgen eigenen Handelns. Wenn du jung bleibst, verstehst du nicht die Wirkung des Älterwerdens, des Altseins, die Bedeutung von Vergänglichkeit. Und wenn du um deine Jugend immerfort kämpfen musst, wirst du in alldem nur etwas Schlechtes, Beängstigendes sehen.«

»Was ist falsch daran, die Jugend so lange wie möglich auskosten zu wollen? Die Kraft? Die Ideen? Die Zeit, eine Arbeit zu vervollkommnen? Den Erfolg zu genießen? Warum muss alles so schnell vorbei sein? Kann ich nicht versuchen, zu behalten, was gut ist? Was mich glücklich macht?«

»Aber gelingt es dir denn? Oder musst du dich nicht immer mehr bemühen? Nur um am Ende einzusehen, alles drängt doch zu einer anderen Stufe des Seins?«

Das Ticken, Summen und Schnarren der Uhren erfüllte den Raum.

Hiakona verschränkte die Arme, kaute auf seiner Unterlippe. »Aber wäre der Lohn nicht der Mühe wert? Warum muss sich immer alles verändern? Kann nicht ein Mal alles bleiben, wie es ist?«

Jharob brachte ein Lächeln zustande. »Das Leben kann nicht stillstehen. Nur so können wir Erfahrungen machen, dazulernen, Menschen begegnen. An der Vergangenheit festzuhalten, heißt dem Leben zu entsagen. Und wie sinnlos wäre ein solches Dasein?«

Hiakona schnaubte, das Leuchten verließ seine Augen und machte Verbitterung Platz. »Fortschritt um des Fortschritts willen.«

»Kennst du mich so wenig?«

Sie maßen einander mit Blicken.

Die Verantwortung für diesen eifrigen jungen Mann lastete schwer auf Jharob. Er straffte die Schultern und begegnete ihm mit Milde. »Es ist gut und wichtig, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen und aus schönen Erlebnissen Kraft zu schöpfen. Lass diese glücklichen Momente dein Herz erwärmen. Aber versuche nicht, sie zu verlängern, sie werden dadurch verzerrt. Überlege, was die Essenz dieses Glücksgefühls ist. Warum hast du dich so leicht gefühlt? Was hat diesen Augenblick so kostbar gemacht? Was kannst du tun, um dieses Glück neu entstehen zu lassen? Welche Lehren kannst du daraus ziehen? Wie kannst du die Welt besser machen?«

Er erhielt keine Antwort, nur einen undeutbaren Zug um Hiakonas Lippen. Nach einer Weile seufzte Jharob, ging zu seinem Arbeitstisch und ließ sich in den Armsessel sinken. Er nahm seine Tuschefeder und begann zu schreiben.

Hiakona starrte stumm vor sich hin, dann, als sei er zu einem Entschluss gekommen, strebte er zur Tür. »Ihr werdet sehen, ich finde einen Weg. Vielleicht nicht heute, aber morgen. Ihr werdet sehen!« Und noch bevor Jharob etwas erwidern konnte, hatte er schon die Tür hinter sich geschlossen.

Jharob schaute ihm nach, seufzte erneut, und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

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