Nicht ohne mein #Lektorat?

Sind Autoren auf die Arbeit von professionellen Lektoren angewiesen?

Diese Frage wird gerade mehr als heiß diskutiert (ausgehend von diesem Beitrag von Anja Bagus, Hybrid-Autorin, und diesem Diskussionsbeitrag von Karla Paul, Verlegerin) und man reibt sich die Augen, welche steilen Thesen da aufgestellt werden. Zwar bin ich keine studierte Germanistin, aber auch als Juristin habe ich mal so etwas gelernt wie ‚erst definieren, dann subsumieren‘. Was genau bedeutet also „Lektorat“?

Da fragen wir mal den Duden, der unterscheidet zwischen

a) (Verlagswesen) [Verlags]abteilung, in der die Lektorinnen und Lektoren (2) arbeiten

und

b) (Buchwesen) Gutachten (eines Lektors, einer Lektorin), in dem die Prüfung und Beurteilung eines Manuskripts, Buchs o. Ä. zusammengefasst wird

Huch. Da steht gar nichts von Bearbeitung/Überarbeitung/Verbesserung des Textes.

Trotzdem wird gerne behauptet und stur wiederholt, erst durch ein Lektorat (im Sinne von Bearbeitung) werde aus einem Roh-Entwurf ein veröffentlichungsreifes Manuskript. Mit anderen Worten: Autoren können das nicht allein.

Nun ist eine solche Behauptung aus dem Mund von Lektoren und Verlegern nicht verwunderlich. Schließlich stünden sie dumm da, wenn Autoren nicht auf sie angewiesen wären. Fragt sich nur, warum auch Autoren so vehement darauf bestehen?

Wovor haben Autoren Angst, die sagen, ‚ohne Lektorat (wieder: im Sinne von Bearbeitung) würde ich mein Werk niemals der Öffentlichkeit preisgeben wollen‘ — vor der Erkenntnis, dass es noch viel zu lernen gibt?

Wollen wir uns wirklich einreden lassen, es sei unmöglich, als Autor einen Grad an Kunstfertigkeit zu erlangen, der es erlaubt, ein Manuskript ohne fremde Hilfe zu vollenden? Wollen wir die Verantwortung für die Vollendung unserer Werke wirklich freiwillig abgeben und für immer denken, ich kann das nicht? Und ich werde das auch nie können?

Die Reparatur von Autos müssen wir ja auch den Profis überlassen.

So etwa drückt es einer der Diskutanten aus.

Äh …?

Stefan Holzhauer bringt es auf den Punkt:

In keiner anderen Kunstform sagt man dem Künstler: »Da muss erst nochmal jemand drüber arbeiten, so geht das gar nicht!«

Nun wird gerne angeführt, Romane seien zu umfangreich, inhaltlich zu komplex, um als Autor den Überblick zu behalten. Man sei als Verfasser zu nah dran, nicht unvoreingenommen genug — ja, zu selbstverliebt, um „hart genug durchzugreifen“. Aber stimmt das überhaupt? Noch vor nicht allzu langer Zeit habe ich das selbst so geglaubt, war ich meiner selbst und meiner Arbeit nicht sicher. Es fühlte sich gut an, zu wissen, meine Bücher können so schlecht nicht sein, weil sie ein erfahrener Lektor mit mir gründlich durchgegangen ist.

Eben dieser Lektor aber lehrte mich, dass es stets der Autor ist, der entscheidet. Was immer also da am Ende gedruckt wird, habe ich ganz allein zu verantworten. Es ist meine Urteilsfähigkeit, die ich schulen und schärfen muss, will ich nicht immer am Rockzipfel hängen.

Als dieser von mir sehr geschätzte Lektor mir zu meinem dritten Buch absagte, weil er keinen Termin frei hatte, geriet ich trotzdem erst einmal in Panik. Doch er sagte mir: Das schaffst du jetzt auch allein. Lies deinen Text wie ein Fremder, dann siehst du, ob er funktioniert oder wo du etwas verbessern musst. Und das geht, wenn man sich die Zeit nimmt, einen Text lang genug wegzulegen, zu vergessen, bevor man sich an die Arbeit macht.

Da ich meine eigene Cheffin bin, muss ich mich nicht an Deadlines halten. Das schlimmste, was mir also passieren kann, ist, dass es länger dauert als geplant. Na und?


Übrigens:

Vom rein orthographischen und grammatischen Korrektorat spreche ich hier gar nicht. Es ist natürlich hilfreich, wenn auch noch ein oder zwei Korrektoren drüberlesen. Vier/sechs/acht Augen sehen mehr als zwei. Aber auch hier gilt: Rechtschreibung und Grammatik sind erlernbar und sind verdammt nochmal das Handwerkszeug jedes Autors. Im Zweifel darf man wohl erwarten, dass Autoren das mit genügend Anstrengung auch allein hinbekommen, ne? Es gibt jede Menge Tricks, wie Ausdrucken in anderer Schrift, anderem Seitenformat, um das träge Gehirn zu überlisten. Rückwärts lesen, in Häppchen aufteilen, von einem Programm vorlesen lassen. Überhaupt: laut lesen! Anders machen das professionelle Korrektoren auch nicht.


PS: Falls sich in diesem Beitrag noch Fehler finden — sei gewiss, ich merke das noch mit der Zeit, weil ich meine Texte immer auch nach Veröffentlichung noch mehrmals durchlese und gegebenenfalls korrigiere. Das geht zur Not auch noch beim eBook, aber wie gesagt, da lassen wir uns schon vorher mehr Zeit als mit so einem Blogpost 😉

5 Comments

  1. „… höhrlich, hör hör lich licht lichter leichter seichter … “

    > Das sind z.B. meine Farben und Formen, deren Darstellung der ersten Zeile [#ababpöm], mittels meiner Fingerkuppen just in diesem Moment ‚getippt‘, hier in diesem Kommentarfeld ‚aufgetragen‘ wurden. Adäquat, wie ich Texturen oder Objekte erstelle.
    Lektoren waren und bleiben ausschließlich die Leser, Betrachter und Befühler meiner Arbeiten/Kunstwerke/Wortspiele/Skulpturen, die mit ihrer unterschiedlichen Interaktion meine Kreationen wertschätzen oder ablehnen. <

    Ein Manuskriptprüfer könnte niemals mit der ersten Zeichenfolge interagieren und den Satz wie folgt redigieren"
    "Herrlich, dieser Unsinn"
    Genau dieses ist meine Meinung über jene Damen und Herren … ähhh, ich meinte, über diese DAUMEN UND HÖREN … können sie mich hören, liebe Leserschaft, ähh LESERHAFT …

      1. … Diese ManuskriptprüferInnen verhalten sich ähnlich, Besuchern in modernen Gemäldegalerien bei einer Vernissage, die dem anwesenden Künstler erklären, das eigene Kind hätte ähnliche Motive mit sieben Jahren gemalt. Sie (Eltern) könnten auch malen mit mega Vorlagen aus dem Kasten „Malen-Nach-Zahlen“.
        Lektorate werden leider meist mit frustrierten WillAutorSein-AkademikerInnen besetzt (?) …

  2. Nat

    Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, denn da ist dieses Einerseits und Andererseits.
    Eigentlich, oder auch uneigentlich, sollte das Lektorat schon für die Qualität eines Textes bürgen, wenigstens formal. Doch zu meinem Leidwesen wird in den letzten Jahren auch bei „großen“ Verlagen ziemlich geschludert, was Rechtschreibung und Grammatik betrifft.
    Nich von der Hand zu weisen ist aber auch, dass sich auf dem Markt der Selfpublisher ungleich viel mehr unleserliches Zeug tummelt, was natürlich der viel grösseren Masse an Texten geschuldet ist. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Aber trotzdem.
    Ich befürchte nämlich fast beinahe, dass Ebooks nicht mehr auf einer Underwood getippt werden, sondern auf irgendwelchen Computern. Und nun jede, aber auch wirklich jede, Textverarbeitung hat eine Rechtschreibprüfung. Da sollte es doch nicht allzu schwierig sein, die mal über den Text laufen zu lassen? Der Vorteil einer solchen Rechtschreibprüfung ist ja nicht nur, dass eventuelle Fehler gefunden werden, sondern das ich mir auch gleich den ganzen Satz anschaue und dann da noch gleich verbessern oder ändern kann, wenn sich der Satz als Geschwurbel herausstellt.
    Da stellt sich mir dann so manchesmal die Frage: Ist das Faulheit? Oder Dummheit? Oder was sonst?

    Ansonsten finde ich, ist da überhaupt kein Diskussionsbedarf, denn ich als Leserin sehe ja eh nicht ob vor der Veröffentlichung eines Textes ein Lektorat in Anspruch genommen wurde. Und eine Art Gütestempel a la „Lektorats geprüft“, also der Schuß könnte schnell nach hinten losgehen:)

    lg
    Nat

    1. Es gibt immer ein Einerseits und ein Andererseits, Nat 🙂

      Bei dieser Debatte wird unheimlich viel vermengt und sie wird zum Teil sehr emotional geführt. Leider wird dadurch wenig geklärt. Wichtig ist erst mal, dass es mir ausdrücklich nicht um Rechtschreibung oder Grammatik geht (bei eBooks kommen dann noch Satzfehler dazu).

      Mir geht es einzig um die Frage, ob ein Manuskript inhaltlich nur und ausschließlich nach Lektorat etwas taugt. Blöderweise machen sich wenige der an der Debatte Beteiligten die Mühe, diesen Unterschied wahrzunehmen.

      An anderer Stelle versuche ich gerade, die Diskussion auf eine sachlichere Ebene zu bringen, ich weiß nicht, ob es gelingt. Bisher stehen sich vor allem diese beiden Argumente gegenüber: ‚Ein Manuskript ohne Lektorat taugt nicht‘ vs. ‚Lektorat ist zu teuer, also muss es ohne gehen‘.

      Das ist aber der falsche Ansatz. Meiner ist: Wenn das Manuskript ohne Lektorat nicht taugt, dann muss der Autor noch mal ran, so lange, bis es taugt! Und ob das der Fall ist, können auch ungeschulte Testleser feststellen, die sind nämlich die gleichen Leute, die das Buch nachher kaufen und lesen oder eben nicht.

      Die Diskussion wird zur Zeit über die Köpfe von Autoren (und Lesern) hinweg geführt, statt mit ihnen. Das gefällt mir nicht.

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