#NaNo15: Tag 3

… der war gestern. Gestern habe ich weniger geschrieben als an den ersten beiden Tagen, durch das am Sonntag und Montag aufgebaute kleine Polster bin ich aber immer noch im Plus. Die erste Woche ist generell die, in der es noch am flüssigsten, reibungslosesten läuft. Es sei denn, man hat sich sowieso angewöhnt, täglich mindestens 1000 Wörter zu schreiben, wie Chuck Wendig in seinem gestrigen Post erzählt. Dann ist es kein erheblicher Unterschied zu 1667 Wörtern pro Tag.

Allerdings ist hier ’schreiben‘ nicht gleich ’schreiben‘, denn es ist ein Riesenunterschied, ob ich einen zusammenhängenden Roman aus dem Nichts ziehe oder hier mal einen Post, da mal eine Kolumne. Einen Großteil des Stresses (ja, das ist es auch, bei allem Spaß) macht das Einhalten eines roten Fadens, einer in sich schlüssigen Erzählung aus. Und wenn wir auch noch genug Ehrgeiz besitzen, aus dieser Geschichte irgendwann mal ein Buch machen zu wollen, dann muss die Handlung sogar noch einen übergeordneten Spannungsbogen bekommen. Eine Szene spannend zu gestalten ist da das relativ kleinere Problem, denn das ergibt sich im Eifer des Gefechts fast von selbst, wenn auch nur ein Bruchteil des ausgeschwitzten Adrenalins in den Text sickert.

An Spannung mangelt es meiner Handlung jedenfalls bislang nicht. Auch die Sache mit dem roten Faden ist noch im Lot. Bei gerade mal fünfundzwanzig Seiten Text ist das aber auch kein wirkliches Kunststück. Was mir dieses Jahr allerdings wirklich zu schaffen macht, mehr als ich es vorausgesehen hatte, ist meine innere Unruhe. Nennen wir es ruhig Frustration oder meinetwegen Melancholie. Ich bin nicht sicher, ob das schon pathologisch relevant ist, aber ich fühle mich mehr als in den früheren NaNos gehemmt, zu schreiben — wegen dieser Sache, die man RL nennt. Echtes Leben.

Der Plan sah so aus: Schlag 1. November beginne ich das neue Projekt und böllere ein Feuerwerk von grandiosen, witzigen, verrückten Ideen ab. Endlich mal wieder so richtig Party machen mit einem Roman, so richtig losgoofen!

In der Realität kann ich keine sympathischen Protagonisten schaffen, die nicht von den Ereignissen der letzten Zeit betroffen sind. Keine Antagonisten, die nicht in irgendeiner Weise etwas davon widerspiegeln, was in der Welt schiefläuft.  Ich ertappe mich dabei, dass ich so gerne, wirklich so sehr gerne mit einer „heilen Fantasiewelt“ spielen möchte, aber sofort meldet sich diese innere Stimme, die mir sagt, ja, so eine heile Welt, die hätten wir alle gern, aber die ist für viele, viele Menschen futsch. Und ist das nicht genau der Punkt? Wenn „besorgte Bürger“ ihre Tiraden von sich geben, dann haben sie vor allem Angst, ihre schöne „heile Welt“ könnte genau so verschwinden wie deren. Der Unterschied zwischen denen und mir ist, dass ich sehe, dass es für niemanden eine heile Welt gibt, aber Schuld sind nicht die, sondern wir, die wir jahrzehntelang weggesehen haben, Hauptsache unsere Fassade einer heilen Welt steht.

Ich bin Romanautorin, keine Journalistin.

Argh — und wie jetzt die Kurve zum Schreiben kriegen? Natürlich könnte ich bis zum Abwinken politische Exkurse, Pamphlete, Aufrufe oder Analysen schreiben. Das will ich aber nicht. Ich bin Romanautorin, keine Journalistin. Ich will unterhalten. Dabei will ich weder verdummen noch zum Realitätsverlust beitragen. Aber ich will nicht zulassen, dass der Hass und die Gewalt, die mir täglich in den sozialen Medien entgegenschwappen, mir die Freude am bunten Leben — wie ich es führen möchte — nehmen.

Daher schreibe ich mit einer Mischung aus Trotz und Selbsterhaltungdrang, lasse die Momente der Frustration verstreichen und nutze die der Euphorie, wann  immer sie sich zeigen. Wenn ich eines gelernt habe, dann dass sich Wirklichkeiten von jetzt auf gleich vollkommen anders darstellen können als eben noch gedacht. Lösungen tauchen dann auf, wenn niemand damit rechnet, das ist ihnen implizit. Wäre es anders, hätte der Gegenspieler sie verhindert. Letztens las ich, „das Leben ist kein Roman“ und das stimmt einerseits, andererseits ist die Wirklichkeit oft viel unglaublicher als alles, was wir uns je ausdenken könnten. Wo so viele Parteien wie im richtigen Leben ins Geschehen verwickelt sind, ist es unmöglich abzuschätzen, welches Detail am Ende zu welcher Auflösung führt.

Deshalb bleiben Roman-Enden, die eine bestimmte Lösung behaupten, manchmal unbefriedigend. Sie sind nicht ins echte Leben übertragbar. Sind also Romane nutzlos? Nein! Wollen wir überhaupt etwas in Bewegung setzen, müssen wir die Gedanken spielen lassen. Und das kann auch in einer bunten, verrückten Geschichte geschehen. Wie und was wir davon ins wirkliche Leben mitnehmen, entscheidet jeder selbst. Bei mir ist das eine ganze Menge. Also schreibe ich weiter an meinem Roman und bin dankbar, für heute die Kurve wieder gekriegt zu haben.

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2 Comments

  1. Nat

    Das Leben ist kein Roman, kein Ponyhof, kein wasweissichschon. Ja nu, das ist eine Binsenweisheit, aber ich als Leserin will auch mal Ponyhof. Und dann lese ich statt Sachbuch einen Roman. Oder schau mir einen Film an.

    Mit einem Roman will ich mal weg aus diesem RL, Urlaub machen sousagen:)

    lg
    Nat

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