Mit Mitteln der Krise aus der Krise

„Schöner Slogan. Was bedeutet das denn genau?“

Fangen wir von vorne an. Um was geht’s überhaupt? Die US-Wahl natürlich. Zu sagen, das ganze Unternehmen war von Anfang an ein Fiasko, ist wohl nicht übertrieben. Ein Wahlkampf, in dem politische Themen von echten, behaupteten und inszenierten Skandalen verdrängt wurden. Podiumsdiskussionen, die mit bezahlten Schauspielern „angereichert“ wurden, um „ausgewogenene Debatten zu gewährleisten“. Anführungszeichen in Anführungszeichen, Fakten, von Emotionen abgelöst, um nicht zu sagen, ertränkt.

Ein Wahlkampf, der vor allem Showkampf war und für gute Einschaltquoten sorgen sollte. Das kennen wir ja schon, so war der Wahlkampf in den USA seit wir uns zurückerinnern können. Trotzdem hat letztlich immer ein Kandidat gewonnen, der ein Mindestmaß an Professionalität mitbrachte. Berufspolitiker, Menschen, die ein politisches Ziel hatten, die Nation führen wollten — wohin auch immer. Man musste vom jeweiligen Wahlausgang nicht immer begeistert sein, aber letztlich war es immer einer, mit dem man irgendwie leben konnte, auf den man irgendwie sinnvoll reagieren konnte.

Dieses Jahr ist es anders. Dieses Jahr ist alles ungewiss, weil der gewählte Kandidat schon während seiner Kampagne, während seiner gesamten Laufbahn als … was auch immer … nie eindeutig Stellung bezogen hat, sich selbst pausenlos widerspricht, manchmal innerhalb eines Satzes, sofern er ihn zu Ende bringt. Wir wissen nicht, was da auf uns zukommt. Viel wird spekuliert, viele haben Angst um ihre Sicherheit, ihren Job, die Unantastbarkeit ihrer Menschenwürde. Häufig liest man, es gehe hier um Rassismus, Sexismus, Intoleranz, Ignoranz gegen Weltoffenheit und Mitgefühl. Da ist auch sehr viel dran, aber das ist es nicht allein. Und wenn wir nicht verstehen, was da wirklich passiert, wird es uns hier in Deutschland, in Europa nicht anders ergehen.

Eine Theorie

Gewonnen hat in den USA, wie auch beim BREXIT-Referendum nicht die Seite, die die besseren Argumente hatte, sondern die, die den Ängsten der Menschen Ausdruck verlieh. Das ist eine Binsenweisheit, jeder ist sich darüber im Klaren, aber selten wird adäquat darauf reagiert. Wir sagen nicht: Oh, DAVOR haben die also Angst, lasst uns ihnen diese Angst nehmen, sondern wir sagen: Nun haben wir es schon so oft erklärt, wenn ihr es immer noch nicht kapieren wollt, seid ihr eben schlechte Menschen (und doof dazu, ihr könnt ja nicht mal fehlerfrei schreiben).

Das ist herablassend.

Was wir in Europa, beim BREXIT-Referendum und jetzt bei der US-Wahl erleben, ist eine moderne Variante des Arbeiteraufstandes. Die Menschen sind es leid, von Intellektuellen regiert zu werden. Sie wollen einen, der redet, wie sie es verstehen. Der einfache Wahrheiten und Lösungen für sie hat. Das Leben soll wieder verständlich sein, wer arbeitet, sichert damit sein Auskommen und das seiner Familie, Familien sind zum Kinderkriegen, jeder kennt jeden und man bleibt unter sich. All das Geschwätz von Leuten, die Sachen studieren, die man nicht mal aussprechen kann — wem nützt denn sowas? Davon wächst kein Korn, davon kommt kein Essen auf den Tisch.

Wir können uns ja darüber amüsieren. Wir können ja sagen, die wissen es halt nicht besser. Sie können sich gegen die Zukunft auflehnen, aber diese Zukunft kommt so oder so. Wir können die Sorgen der Menschen und ihr Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen, ignorieren. Wer nicht mit dem Strom schwimmt, geht eben unter. Und langfristig wird das wohl auch so sein. Aber erst einmal können die, die nicht mitschwimmen, den Kanal stauen bis die Ufer überschwemmen und die Keller volllaufen. (Ende der Metapher, du weißt hoffentlich, was ich ausdrücken will.)

Wir, die Bildung für ein hohes Gut an sich halten, die ihr Wissen, ihre Ideen aus Texten ziehen und aus dem Austausch mit Gleichgesinnten, für die Forschung gleichbedeutend ist mit Erhellung und ja, auch Abenteuer, für die Aufklärung oberstes Ziel ist, wir müssen endlich anerkennen, dass nicht alle Menschen diesen Impulsen folgen können oder wollen. Menschen, die den Lernprozess mit Demütigung verbinden, bewusst oder unbewusst, wehren sich instinktiv gegen komplexe, wissenschaftliche Erklärungsversuche. Sie wollen etwas, dass sie greifen können. Die Aufklärung hat Wissenschaft und Forschung vorangetrieben, aber auch dem Neoliberalismus Vorschub geleistet. Und eben in diesem Neoliberalismus wird den Menschen die drohende Zukunft am deutlichsten bewusst. Globalisierung, Wirtschaft 4.0 nimmt mir meinen angestammten Arbeitsplatz? Dann muss das weg. Zurück zu dem, mit dem wir aufgewachsen sind, weißt du noch, damals …?

Es ist eine moderne Form der Entfremdung des Menschen — nicht nur von seiner Arbeit, sondern seiner gesamten Umwelt. Technologien entwickeln sich immer rasanter, so sehr, dass die Science Fiction kaum Schritt halten kann. Ehemalige Dystopien sind heute, spätestens morgen schon Stand der Technik. Wer da nicht mithalten kann, wird manipuliert, ausgegrenzt, zurückgelassen. Nicht nur der Einzelne, sondern ganze Bevölkerungsgruppen. Das befördert erst diffuses Unbehagen, aber dieses Stadium haben wir längst hinter uns. Setzt man diesem Unbehagen nichts entgegen — gibt man den Menschen sogar das Gefühl, sie seien ja selbst schuld und eben nicht willig, sich anzupassen — so lässt man sie allein. Und wie behilft man sich, wenn man sich unwohl fühlt und allein ist? Man sucht Gleichgesinnte. Und wenn der Druck immer unerträglicher wird? Dann sucht man nach Schuldigen und nach möglichst raschen Lösungen. Gibt es jemanden, der eindeutig anders ist als man selbst und die Gleichgesinnten? Dann muss das der Gegner sein.

Wenn nun im Zuge der Aufklärung nicht nur Forschung und Wissenschaft boomen, sondern zeitgleich auch der Humanismus, wenn Rechte von Minderheiten gestärkt werden, während man eigene sicher geglaubte Besitzstände verliert, liegt es auf der Hand, die Stärkung von Minderheiten als Symptom des gleichen Prozesses misszuverstehen, der mich ärmer macht. Also muss die Minderheit weg!

Und deshalb zieht es nicht, den Wählern von Trump oder den BREXIT-Befürwortern oder den besorgten Bürgern vorzuwerfen, sie unterstützten eine menschenverachtende, sexistische, relativistische und revisionistische Politik. Denn das wissen sie selbst. Und halten es für die einzige Möglichkeit, sich zu wehren gegen eine Zukunft, die nichts als Nachteile bietet, nichts als Niedergang und eine Welt, in die sie nicht mehr hineinpassen. Würdest du, aus dieser Sicht heraus, nicht auch versuchen, dann eben die Welt zurückzudrehen, bis sie wieder so ist, wie sie in deinen Augen sein sollte?

Wenn wir die nächsten vier Jahre auszusitzen versuchen, wenn wir uns einreden, das Pendel schwingt auch wieder in die andere Richtung zurück, dann ist das gefährlich. Wenn Regierungen den Kreationismus vor Darwinismus predigen, wenn Status Quo vor Forschung geht und Mystik vor Aufklärung, dann schadet das nicht nur der gegenwärtigen Generation, sondern auch zukünftigen. Natürlich lässt sich technologischer Fortschritt auf Dauer nicht aufhalten — außer wir bomben uns in die Luft. Und diese Möglichkeit besteht nun einmal ganz real, wenn wir solchen rückwärtsgewandten Menschen den roten Knopf anvertrauen.

Was also kann man tun? Aufklären. Nicht nachlassen. Aufeinander zugehen, nicht in Argumenten, aber menschlich. Empathie ist ein Weg, sich in die Wahrnehmungswelt des anderen einzufühlen. Erkennen, wo in Wahrheit die Missverständnisse lauern, sie klären. Aussitzen ist Stillstand, und Stillstand führt immer zu Auflösung, das zeigt der Weg jeder einzelnen großen Zivilisation, die heute nur noch marginale Bedeutung hat. Und immer fing es an mit der Hybris der führenden Köpfe, die sich über die Lebenswirklichkeit der anderen hinwegsetzten, derer, die sie als minderwertig einstuften. Diesen Fehler macht man nicht ungestraft, denn immer kommt der Moment, in dem der Leidensdruck so groß wird, dass er sich nicht nicht mehr eindämmen lässt.

Die Geschichte lehrt: Ist der Moment überschritten, in dem eine Hochkultur für das gesamte Konstrukt von Nutzen ist, bricht sie zusammen. Und immer erkennt man diesen Moment erst im Nachhinein. Wir wissen also nicht, ob es das jetzt schon ist. Einiges spricht dafür, Länder wie China oder Indien stehen in den Startlöchern. Aber vielleicht ist es ja möglich, einen einmal erkannten Mechanismus aufzuhalten, indem man ihm neue, noch nie getestete Impulse gibt. Wir müssen nicht weiter wie die Lemminge auf den Abgrund zurennen, während wir uns gegenseitig die Gurgel abdrücken. Wir können aufeinander zugehen und versuchen, bei aller Zukunftseuphorie die Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Der Moment ist kritisch. Nutzen wir ihn. Vor der Bundestagswahl 2017.

 

4 Comments

  1. Nat

    Ich verstehe schon so ungefähr, was du sagen willst, aber wenn ich das so lese, dann beschleicht mich unweigerlich das Gefühl, dass das alles so ähnlich schon einmal da war. Es war einmal ein Österreicher…

    Letztlich wird es aber so kommen, wie es immer kommt: Business as usual. Da werden seine Wärter, also ich meine Berater, schon drauf aufpassen…
    …hoffentlich 🙂

  2. Roland W.

    Bisher das klügste – in verständlichen Worten – was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe!

    Genau, wir müssen Verständigung suchen mit den Bildungsfernen, sich abgehängt Fühlenden. Empathie und Engelsgeduld aufbringen und, wenn es notwendig ist, auch in einer ihnen verständlichen Sprache sprechen. Denn das Problem ist nicht nur auf die USA beschränkt, wie du sehr richtig siehst.

    Danke jedenfalls für diesen sehr erhellenden Beitrag zu den sehr kritischen Ereignissen.

    1. Danke, Roland 🙂

      Engelsgeduld ist ein Stichwort für mich. Erst vor Kurzem konnte ich miterleben, wie sehr einfühlsame, geduldige Menschen einem aufgeregten, verwirrten und zornigen Mann halfen, seine Situation zu verstehen und ihm durch geduldiges Zuhören und Ernstnehmen das Gefühl gaben, in guten Händen zu sein. Sie erklärten die Lage in für mich fast unbegreiflicher Gelassenheit immer wieder, bis er sich beruhigte und zuließ, das man ihm half.

      Das war wirklich ein Aha-Erlebnis für mich, ich denke oft darüber nach und komme zu dem Schluss, dass man lernen kann, so auf andere zuzugehen. Sie ernstzunehmen, ohne die eigene Überzeugung aufzugeben. Natürlich kann das nur funktionieren, wenn man grundsätzlich guten Willens ist und es mit dem Gegenüber ehrlich meint.

      Darüber muss jeder von uns mit sich selbst im Klaren sein: Welche Motive habe ich? Will ich klären, schlichten, helfen — oder suche ich (nur) meinen eigenen Vorteil?

      Liebe Grüße
      Sabine

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