Literatur im digitalen Zeitalter

Mit Beginn der Aufklärung, in Preußen spätestens ab 1740 nach Lockerung der Zensur, erreichte Sprache als Kulturgut, als Ausdruck von Feingeist und Lebensart mehr Menschen als je zuvor. Endlich war Literatur nicht mehr nur dem Klerus oder dem Adel vorbehalten, das Bürgertum (vor allem das wohlhabende) verlangte nach Wissen, informationeller Selbstbestimmung und Poesie. Sturm und Drang und die feinen Künste gehörten zusammen, mancher revolutionäre Gedanke wurde durch wohlgesetzte Worte weitergetragen. Eine schöne Handschrift, schöngeistiger Gedankenaustausch in ausführlichem Briefverkehr, Romane in Briefform für ein breites Bildungsbürgertum wurden Ausdruck eines Lebensgefühls des Aufbruchs, des Wohlstands, der Freiheit.

Mit anderen Worten: Sprache als Ausdrucksmittel feierte eine ungeheure Blütezeit, nicht zuletzt im Land der Dichter und Denker  — doch die ist überschritten.

„It’s the end of the world as we know it …“ — R.E.M.

Seit dem Siegeszug der Digitalisierung wird Schrift, wie wir sie kennen, zunehmend überflüssig. Warum in langen Sätzen, ausschweifenden Formulierungen und farbenprächtigen Metaphern ausdrücken, was ein paar Abkürzungen und Emojis genau so ‚rüberbringen‘ — und schneller?

Manch literarisch gebildeter Mensch beklagt den Niedergang der Sprache, ja die Trivialisierung der Literatur. Bin ich frei davon? Nein. Mir graust bei manchem schiefen Bild, falsch gebrauchten Redewendungen, unbeholfenen Satzkonstrukten und ganz allgemein der Rechtschreibmisere. Ich entstamme der analogen Zeit, mein Medium war das Buch. Wer mit Oliver Twist, Tom Sawyer, Krabat oder Pünktchen und Anton aufwächst, wer nachts unter der Bettdecke antike Mythologie und eine Originalfassung von Grimms Märchen verschlingt, trägt ganz nebenbei einen umfangreichen Wortschatz zusammen.

Heute ist das so viel schwieriger. All diese Abenteuer gibt’s im Kino in 3D und Farbe, mit Musik und Merchandise. Da sind die Synapsen voll beansprucht und Lesen dauert so lang! Ist das nicht langweilig? Kinder von heute brauchen Input, Input, Input — nur ein Film reicht nicht, nebenbei wird an der Spielkonsole gezockt und am Smartphone gechattet, während man sich die Nägel lackiert. Es gibt so viel zu tun!

Kinder von heute sind Multitasker, in einem Maße, das wir Älteren uns nicht vorstellen können. Das ist ganz natürlich und es wird weiter fortschreiten.

Selbstredend wird davor gewarnt, starker Medienkonsum schade der Gesundheit, der sozialen Kompetenz und nicht zuletzt dem Intellekt. Belegt wird das mit dem weitverbreiteten Mangel an Rechtschreibkenntnissen, an verminderter Aufmerksamkeitsspanne bei gleichzeitig ansteigender Aggressivität unter immer jüngeren Kindern.

Was aber, wenn der Fehler nicht bei den Kindern liegt, sondern darin, dass wir ihnen zumuten, Aufmerksamkeit für etwas aufzubringen, was für sie zur gegebenen Zeit keinerlei Mehrwert besitzt? Wie können wir immer jüngere Kinder zu immer stärker erschwerten Bedingungen in immer kürzerer Zeit mit immer spezialisierterem Wissen bombardieren — und es dann beklagen, wenn sie dem keine Aufmerksamkeit schenken wollen?

Warum müssen Fünf- und Sechsjährige stundenlang leise sein und stillsitzen? Nur, damit ihnen dann jemand vorwirft, sie seinen motorisch unterentwickelt und immer häufiger offen aggressiv?

Betrachten wir auch einmal, wer vor der mutmaßlichen geistigen Verarmung warnt: Erwachsene, die vor der Einführung des World Wide Web geboren sind. Für die das Lesen eines Buches bei gleichzeitiger Musikbeschallung eine geistige Herausforderung bedeutet. Die zwar rund um die Uhr bei Facebook und Co. online sind, sich aber dann vom beruflichen Alltag überfordert fühlen. Erst recht, wenn der mehr Kenntnisse und Verständnis für digitale Medien voraussetzt, als man mitbringt. Unser Umfeld erscheint uns rasant, schrill und zunehmend unverständlich. Unser Musikgeschmack ist immer noch der gleiche wie damals mit zwanzig, dreißig, wisst ihr noch, als Twix noch Raider war, und wer hat uns nur diese verdammte Rechtschreibreform eingebrockt?

Und wir wollen bestimmen, was vertretbar ist für Kinder, die rund um die Uhr von digitalen Medien umgeben sind, die mit sechs Jahren ein Smartphone bedienen können und mit zwölf eigene You-Tube-Kanäle speisen? Diese Kinder, die Tag und Nacht miteinander in Kontakt stehen, gesprochene Nachrichten verschicken, per Skype gemeinsam Hausaufgaben machen und sich dann auf ein Eis oder zum Sport verabreden: Soziale Isolation sieht anders aus.

Ohne große geistige Anstrengung fällt leicht auf:  Kriterien, die vor der Digitalisierung gültig waren, lassen sich auf heutige Gegebenheiten, die grundsätzlich anderer Natur sind, nur bedingt anwenden. Was 1990 galt, passt 2016 nicht mehr. Der Apfel hat mit dem Birnbaum nichts zu tun. Kinder, die nach 2000 geboren sind, sind die ersten, die in eine medial, sozial und global vernetzte Welt hineinwachsen. Wen wundert es, dass sie eine andere Sprache verwenden als wir, die — in jeder Hinsicht — Alten? Nachrichten werden durch Sprache übertragen, in Abkürzungen und Symbolen. Das kann einem wie der Rückfall in die Steinzeit erscheinen, das Gegenteil ist der Fall. Denn auch diese Kinder sind nur die ersten, aber keinesfalls die wahren Digital Natives.

Was wir jetzt noch miterleben, ist erst der Anfang einer immer schneller und immer steiler ansteigenden Entwicklungskurve. Unsere Enkel werden eine Welt erben, die wir uns kaum bildlich vorstellen können, geschweige denn sprachlich darstellen. Der britische Autor Charles Stross hat in seinem Roman Accelerando gewagt, in Worte zu fassen, wie eine solche Entwicklung aussehen könnte. Sprachlich und intellektuell eine Herausforderung für den Leser.

Denn Sprache ist lebendig. Grammatik, Syntax und Notation wandeln sich. Sprache passt sich an Zweck und Gebrauch an. Sprache und Schrift als Medium für Kunst und Kultur folgen dem Selbstverständnis der Anwender. In einer digitalisierten Welt, in der Gedanken schneller durch Übertragungskanäle reisen als das geschriebene Wort, legt man weniger Wert darauf, sie auf Papier zu bannen als noch zur analogen Zeit. Zu veränderlich sind die Bedingungen, unter denen sie zustande kamen. Ideen sind wandelbar, heutige Schlussfolgerungen morgen schon obsolet, spätestens aber übermorgen.

Antike Mythologie ist bestenfalls nette Unterhaltung, schlimmstenfalls der Grund für jahrhundertealte Konflikte. Die Welt von Pünktchen und Anton erscheint unwirklicher als die von Harry Potter. Literatur als Mahnmal für die Ewigkeit ist überholt. Das kann man beklagen, dagegen kann man sich abgrenzen, aber das hält keine Entwicklung auf. Die Fähigkeit zur Entwicklung ist ein wesentliches Merkmal von Leben. Wann immer ich mich von Neuem bedroht fühle und das Alte zurück ersehne, ist das ein Zeichen geistiger Erstarrung. Was aber erstarrt, stirbt ab.

Ich möchte kein Klotz sein am Bein der Geschichte. Ich möchte mittendrin sein, sie erleben und mitgestalten und offen sein für Neues und Unerwartetes. Mein Medium ist das Buch, aber das ist es nicht allein. Es ist kein Entweder-Oder, sondern ein Modul zum Ganzen. Ich bin neugierig auf die Welt und auf die Zukunft. Und du?

„… And I feel fine.“ — R.E.M.

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