Leilani: Kapitel 4

Falls du heute zum ersten Mal in meinem Blog mitliest:

Herzlich Willkommen auf -mindfull- 😀

Taschenbuch Leilani - Wohin das Herz gehört

Hier kannst du Woche für Woche ein Kapitel aus meinem Jugendbuch Leilani — Wohin das Herz gehört mitlesen. Wir sind inzwischen beim vierten Kapitel angekommen. Die beiden ersten Kapitel sind auch in der Leseprobe „Blick ins Buch“ auf Amazon.de enthalten — plus ein bisschen mehr. Kapitel 3 findest du hier.

Nachfolgende Kapitel stelle ich jeweils am Dienstag ein.

 

Viel Spaß beim Lesen 🙂

4

Aufstehen um halb sechs Uhr in der Frühe – und das freiwillig! Während der Schulzeit wäre mir das kaum in den Sinn gekommen, nicht mal zum Joggen. Heute Morgen jedoch erwachte ich, bevor meine Armbanduhr zu piepsen begann. Trotz des Jetlags hatte ich unruhig geträumt, erinnerte mich aber schon jetzt nicht mehr an Einzelheiten.
Nebenan rührte sich die Tante. Durch die Holzwand hörte ich Bodendielen knarzen, umherschlurfende Schritte, Klappern, dann rauschte Wasser ins Waschbecken. Sie putzte sich die Zähne.
Ich sprang aus dem Bett, klappte meinen Koffer auf und entnahm ihm das Erstbeste, was obenauf lag: ein feuerwehrrotes T-Shirt und weiße Shorts. Mein Blick fiel auf den Wandschrank. Mit ein paar Handgriffen verteilte ich meine Sachen darin. Mama hätte sicher eine andere Ordnung vorgeschlagen, aber Hauptsache, alles war griffbereit.
Herz aus Frangipani-BlütenNebenan war die Tante fertig mit ihrer Morgentoilette, ihre schlurfenden Schritte entfernten sich Richtung Küche. Eine Minute später stand ich im Bad, duschte in aller Eile und rieb mich mit Sonnencreme ein. In Deutschland brauchte ich das nicht, aber Dad hatte mir eingeschärft, die pazifische Sonne nicht zu unterschätzen. Nach dem Anziehen tappte ich zur Küche. Noch immer fühlte ich mich fremd in dieser Umgebung.
Auf dem Tisch reihten sich eine Schachtel Cornflakes, eine Flasche Milch, Sandwich-Scheiben, Erdnussbutter und Traubengelee aneinander. Tante Okelani saß am Kopfende und pustete in ihre Tasse.
Ich klopfte an den Türrahmen. »Guten Morgen.«
Sie lächelte und winkte mich heran. »Kaffee?«
Eigentlich mochte ich keinen Kaffee, aber kalte Milch vertrug ich auf nüchternen Magen nicht. Ich zog einen Stuhl vor und setzte mich zu ihr. »Nur halbvoll, bitte.«
Den Rest goss ich mit Milch auf und nippte an der lauwarmen Mischung.
»Klopf, klopf!« Die Fliegengittertür flog auf und ein strahlender Daniel stürmte herein. Dinah folgte ihm.
»So früh bekomme ich ihn sonst selten aus dem Bett – und noch dazu so gut gelaunt.« Sie zwinkerte mir zu.
Tante Okelani schürzte die Lippen. »Soso.«
Ich fühlte, wie ich rot wurde, aber Daniel kümmerte sich nicht um die Frotzeleien. Mit dem Fuß angelte er sich einen Stuhl heran. »Frühstück!«
Er schnappte sich eine Schale, schüttete einen Berg Cornflakes hinein, goss einen halben Liter Milch dazu und machte sich darüber her.
Dinah goss sich im Stehen Kaffee ein. »Der frisst mir die Haare vom Kopf. Daniel, geht das denn nicht leiser?«
Die Tante lachte und beobachtete ihn zufrieden.
»Du solltest auch etwas essen, Lela, wir wollen gleich los.«
»Ist Dad schon auf?«
»Ich sehe mal nach.« Dinah ging zur Tür, doch schon einen Moment später kam sie mit ihm zurück. »Nicht nötig.«
»Hallo, Dad.«
»Hallo, Süße.« Er strich mir über den Kopf und nickte den anderen zu, ohne sie anzusehen. »Guten Morgen.«
Das angebotene Frühstück lehnte er ab, nahm aber von Dinah eine Tasse Kaffe an. »Schwarz, bitte.«
Inzwischen hatte Daniel seine Riesenportion vertilgt. Die Tante stützte sich an der Tischplatte ab und winkte zum Aufbruch.
Dad räusperte sich. »Fahrt ohne mich. Ich möchte auf einen kurzen Besuch zur Hickam Airbase. Möchtest du mitkommen, Lela?«
Bloß nicht. Luftstützpunkte waren alle gleich und was sollte ich danebenstehen, während Dad sich mit irgendwelchen Leuten über das Fliegen unterhielt?
»Wenn es dir recht ist, fahre ich lieber mit Dan…«, ich biss mir auf die Lippen, »… mit Tante Okelani.«
Daniel grinste. Dad zog eine Augenbraue hoch.
»Okay. Dann treffe ich dich nachher im Heim.« Er wandte sich an Dinah. »Wo ist das genau?«
Während sie ihm den Weg erklärte, scheuchte die Tante Daniel und mich nach draußen. Die Sonne ging gerade auf und entwickelte bereits erstaunliche Kraft. Ein heißer Tag kündigte sich an.
Daniel half der Tante, hinten einzusteigen. Ich wollte mich schon neben sie setzen, da umrundete er den Wagen und hielt mir demonstrativ die Beifahrertür auf. Na dann. Mein Herz klopfte etwas schneller als sonst, als er sich hinters Steuer schwang. Was Michi jetzt dazu sagen würde?
Dad kam mit Dinah heran. Mit einem Blick registrierte er die Sitzordnung und beugte sich zu mir herunter.
»Wir sehen uns nachher, Süße.«
Dann musterte er Daniel aus schmalen Augen. »Und du – Kumpel – fährst vorsichtig. Verstehen wir uns?«
Daniel wurde rot. »Jawohl, Sir.«
Da-ad! Am liebsten wäre ich vor Scham im Sitz versunken. Er tat, als bemerkte er meinen vorwurfsvollen Blick nicht, trat einen Schritt zurück und winkte.
»Mein Taxi ist gleich da. Wir sehen uns.«

果物,食料品店,市場,Während der nächsten halben Stunde stieg die Sonne höher und brannte mir auf der Haut. Obwohl ich normalerweise nicht zu Sonnenbrand neigte, war ich heilfroh, mit dem Eincremen auf Dad gehört zu haben.
Am Eingang des Marktes setzte Daniel uns ab und fuhr weiter zum Parkplatz. Ich folgte den beiden Frauen und war begeistert.
Was es hier alles gab! Erntefrische Ananas, Mangos, Passionsfrüchte, Stern- und Drachenfrüchte und viele andere, deren Namen ich nicht kannte. Vom Duft der leuchtend grünen Limonen lief mir das Wasser im Mund zusammen.
Die Tante kaufte eine Ananas und winkte mich weiter. »Mangos brauchen wir nicht zu kaufen, davon haben wir mehr als genug im Garten.«
Nebenan erstand sie einen Armvoll Tomaten, dazu grasgrüne Zuckerschoten und Babymais. »Für heute Abend.«
Ich nahm ihr die Tasche ab.
Beim Weiterschlendern schallte uns Musik entgegen. Flankiert von einem Obststand und einem Stand mit knallroten, gelben und paradiesfarbenen Blumen, spielte ein Mann auf der Gitarre und sang dazu hawaiianische Lieder. Mir war fast, als träumte ich noch.
Wir steuerten einen Essensstand an. In der Morgenluft duftete es nach Kokosfett und Koriander, Seetang, Teriyaki-Soße und geräuchertem Fisch. Die Tante wechselte ein paar Worte mit der Verkäuferin und stellte mich vor. Die Frau strahlte.
»Besuch aus Europa, so weit! Du musst mein Musubi probieren.«
Sie reichte mir ein Päckchen aus Reis mit einem Happen Schinkenfleisch, eng umwickelt mit Seegras. Es roch frisch und würzig, vorsichtig knabberte ich eine Ecke ab. Mm!
»Gut?«
»Lecker!«
Auf einmal hatte ich richtig Hunger, schließlich hatte ich das Frühstück ausfallen lassen. Sichtlich erfreut gab uns die Marktfrau eine Extraportion mit auf den Weg. An einem Getränkestand kaufte Dinah einen Riesenbecher voll eisgekühltem Saft.
»Kennst du Guaven? Probier mal.«
Der milchig-rosafarbene Saft schmeckte weich und fruchtig, ein bisschen wie Birne mit Erdbeeren.
»Das ist toll! Darf ich das austrinken?«
Dinah lachte und erstand für sich einen neuen Becher. Gerade wollten wir weitergehen, da holte Daniel uns ein.
»Hier seid ihr!«
Die Frauen wollten Brot kaufen, aber Daniel zog mich mit sich. Eine Weile wanderten wir ziellos an den Ständen vorbei. Vergeblich suchte ich einen Schmuck- oder Andenkenstand.
»Eigentlich wollte ich Geschenke für Mama und meine Oma aussuchen, vielleicht auch etwas für meine Freundin Michi.«
»Dafür musst du eher zum International Market nach Downtown.«
Er senkte die Stimme. »Dort verkaufen sie aber vor allem Touristenkram. Wenn du etwas wirklich Besonderes für deine Mom suchst, habe ich eine bessere Idee. Onkel Keli’i stellte wunderschöne Holzschnitzereien her und sogar Schmuckstücke aus Jade. Ich könnte dir seine Werkstatt zeigen.«
»Das wär super!«
Hauptsache, wir verbrachten Zeit zusammen. Ein aufgeregtes Prickeln durchfuhr mich. Oha, war ich dabei, mich zu verlieben?
Wollte ich das?
Vor mein inneres Auge schob sich das kantige Gesicht von Michis Bruder Chris. Sein verschmitztes Grinsen. Wie er mit einem Schlenkern des Kopfes die blonden Haare aus der Stirn schüttelte. Aber nach allem, was er sich mit Jana geleistet hatte? Nein, mit Daniel konnte er nicht mithalten.
»Mom ruft. Ich glaube, sie haben alles.«
Meine Uhr zeigte schon nach acht an, in einer Stunde waren wir mit Dad verabredet. Wir verstauten die Einkäufe im Auto, Daniel fädelte aus dem Stadtverkehr wieder auf den Freeway ein, und dann ging es weiter Richtung Nordosten, nach Kaneohe.
Ein wenig beneidete ich Daniel. Warum durfte man in Deutschland nicht auch mit sechzehn den Führerschein machen? Ich streckte die Nase aus dem Fenster und genoss die vorbeifliegende Landschaft. Mit halbem Ohr lauschte ich Tante Okelanis Plänen fürs Abendessen.
Pohai Nani Retirement Centre Kaneohe»Da ist mein Dad!«
Er blickte uns vom Eingang des Heims entgegen, einen dicken Lei aus roten und gelben Blüten und satt-dunkelgrünen Blättern in den Händen.
»Ist der schön!«
Wie er so dastand, blass, die Ader an seiner Schläfe dicker als sonst, wirkte er furchtbar verletzlich. In einer Aufwallung von Zärtlichkeit schlang ich die Arme um ihn. Mit einer eckigen Bewegung küsste er mich auf den Scheitel.
Dinah ging voraus. »Onkel Keli’i hat Zimmer 305. Ich komme gleich nach, ich muss eben zur Verwaltung.«
Die Eingangshalle unterschied sich wenig von anderen, etwa in einem Rathaus, einer Schule, einer Klinik. Nur dass dieses Gebäude für die Bewohner Endstation bedeutete. Ich bekam Gänsehaut.
Vor den Aufzügen mussten wir warten. Keiner sprach, auch nicht während der Fahrt nach oben. Ich knetete den Riemen meiner Tasche und beobachtete die Leuchtziffern, die unsere Position anzeigten. Im zweiten Stock stieg eine grauhaarige Asiatin zu. Sie sah niemanden an und richtete den Blick unverwandt auf die Tür.
Endlich kam die ›3‹ und die Tür schob sich zur Seite. Erleichtert betrat ich den Gang. Daniel berührte flüchtig meinen Arm und nickte mir zu. Ich brachte ein Lächeln zustande.
Bestimmt tausend Mal hatte ich Mamas Station im Krankenhaus besucht, aber das hier? Diese Stille, all die Menschen, am Ende ihres Lebens. Es roch nach Kamillentee.
Sitzgruppen mit Stoffblumengestecken flankierten die Wände, Hausbewohner blickten uns entgegen, geredet wurde kaum. Eine runzelige Alte im Rollstuhl wackelte unablässig mit dem Kopf.
Tante Okelani blieb stehen. »Geht schon weiter, ich komme gleich.« Sie ging auf die Frau zu und begrüßte sie wie eine gute Freundin.
Daniel öffnete eine Glastür. Vor uns erstreckte sich ein weiterer Korridor, links und rechts zweigten Räume ab. Durch eine angelehnte Tür schallte Studiogelächter, offenbar lief der Fernseher. Zimmer 305 war das Dritte auf der linken Seite.
Sichtlich angespannt blieb Dad vor der Tür stehen, je länger er zögerte, umso mehr begann ich mich zu fürchten vor dem, was uns erwartete. Ich wechselte einen Blick mit Daniel. Bis auf die Blechstimmen vom anderen Ende des Ganges blieb es still. Schließlich gab Dad sich einen Ruck und klopfte.
Nichts.
»Er hört dich nicht, Onkel Ken.«
Daniel schob sich an uns vorbei und drückte mit dem Ellenbogen den Türhebel nach unten. Die Tür schleifte über den Boden und gab den Blick frei auf ein reizloses Zimmer. Zwei Betten, eine Schrankfront und ein Tisch mit Besucherstühlen. Der Geruch von Reinigungsmitteln auf altem Linoleum überlagerte die menschlichen Ausdünstungen. Ich schluckte den bitteren Geschmack auf meiner Zunge herunter.
Im nächstgelegenen Bett schlief ein kahlköpfiger Greis, aus seinem offenen Mund lief ein Speichelfaden. Hastig wandte ich mich ab und schämte mich dabei. Der arme Mensch hatte es sich so nicht ausgesucht. Daniel ergriff einen Stuhl und setzte sich zu dem anderen Mann.
Er lag auf der Seite, unter dem Laken zusammengerollt wie ein Kind. Im Vergleich zum Körper wirkte sein Kopf viel zu groß. Ein knochiger Arm lugte hervor, im Handrücken steckte eine Kanüle, die ein Schlauch mit einem Beutel klarer Flüssigkeit verband. ›NaCl‹, Kochsalzlösung, damit er nicht austrocknete. Ich kannte das von Mamas Station.
Meine Flip-Flops klatschten über das Linoleum, das Atmen fiel mir immer schwerer. Ich fühlte mich wie ein Eindringling, der eine unsichtbare Grenze überschritt. Mitten im Zimmer blieb ich stehen.
Herz aus Frangipani-BlütenWas tat ich hier? Keli’i kannte mich überhaupt nicht. Er war meinen Blicken hilflos ausgesetzt, und sollte ich für meinen Großvater nicht mehr als bloß Mitleid empfinden? Müsste ich mich nicht um ihn sorgen? Stattdessen wollte ich am liebsten so schnell wie möglich fort.
Hinter uns ging die Tür auf, Tante Okelani kam herein. Sie sah nach Keli’is schlafendem Zimmergenossen, dann gesellte sie sich zu uns. Daniel bot ihr den Stuhl an und zog sich an meine Seite zurück. Mit einem Seufzer ließ sie sich nieder und legte ihre Hand auf Keli’is Arm.
Er reagierte nicht, dennoch hatte ihre Nähe etwas Beruhigendes, wenigstens für mich – bis mein Blick auf Dad fiel.
In gehörigem Abstand verharrte er noch immer bei der Tür. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. »Was …?«
Die Tante rieb sich über die geröteten Augen. »Dein Vater leidet an Alzheimer im Endstadium, Keo- … Ken.«
Mühsam schob Dad einen Fuß vor den anderen, bis er endlich am Bett anlangte. Meine Knie zitterten. So hatte ich ihn noch nie erlebt.
Keli’i hielt die Augen geschlossen. Dad umklammerte den Bettrahmen.
»Er stirbt!«
Die Tante nickte.
»Aber – wieso habt ihr mich nicht viel früher benachrichtigt? Bevor …« Er unterbrach sich.
»Keli’i wollte es nicht. Er war zu stolz. Du solltest ihn in seiner Schwäche nicht sehen.«
Sie neigte sich vor. »Aber jetzt … Ich war der Meinung, dass er kein Recht hat, dir die Möglichkeit zu nehmen …«
Dad starrte sie an. »Kann ich einen Moment mit ihm allein sein?«
Unsicher sah er hinüber zum zweiten Bett, doch der Zimmernachbar schnarchte und rührte sich nicht.
»Wir warten unten auf dich.«
Tante Okelani stemmte sich vom Stuhl hoch und berührte meine Schulter. In ihrem Blick lag die eindringliche Bitte, ihr zu folgen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Alles in mir drängte weg von hier, aber durfte ich Dad in dieser Situation allein lassen? Mit dem Gefühl, ihn im Stich zu lassen, tappte ich hinter ihr und Daniel her.
Auf dem Flur begegneten wir Dinah. Sie furchte die Stirn. »Was ist? Geht ihr schon?«
Die Tante erklärte es ihr und führte sie zurück zum Aufzug. Wiederum schweigend fuhren wir hinunter. Mir war elend zumute.
In der Halle standen wir eine Weile beieinander, niemand schien zu wissen, wie es weitergehen sollte. Daniel nahm die Tante beiseite und sprach auf sie ein. Sie schauten zu mir herüber. Das mulmige Gefühl in meinem Innern wuchs. Was gab es da zu flüstern?
Auf einmal fühlte ich mich schrecklich einsam. Dad stand unter Schock, und ich war hier allein mit einer Familie, die ich nicht kannte und die mich vielleicht gar nicht dabeihaben wollte.
In diesem Moment sah die Tante mich wieder an und nickte Daniel zu. »Tu das.«
Tu was? Ich biss mir auf die Lippen.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben, mit hochgezogenen Schultern und schiefem Lächeln schlenderte Daniel zu mir herüber. Leichte Röte überzog seine Ohren, seine dunklen Augen schimmerten.
Herz aus Frangipani-BlütenUnter anderen Umständen, und wenn ich mich nicht gerade so entsetzlich fehl am Platz gefühlt hätte, wäre ich vermutlich vor Entzücken in die Knie gegangen. So machte ich mich mit klopfendem Herzen auf irgendeine unangenehme Ansprache gefasst.
Hilfesuchend schaute er über die Schulter zur Tante. Sie nickte eindringlich. Am liebsten wäre ich davongelaufen.
»Die Tante schlägt vor …«, er räusperte sich, »dass sie allein mit meiner Mom auf Onkel Ken wartet. Ich soll mit dir nach Honolulu zurückfahren und dir ein wenig die Stadt zeigen.« Zum Ende hin sprach er immer schneller.
Vor Erleichterung wurde mir ganz weich in den Knien. Ein bisschen schämte ich mich auch. Wieso war ich so misstrauisch gewesen? Das hatten die beiden überhaupt nicht verdient. Dann erst wurde mir so richtig klar, was er meinte.
Nach Honolulu?
Nur er und ich?
Ein Kribbeln durchfuhr mich, von den Fingern durch den Bauch in die Zehen und den Rücken wieder hinauf. Daniel war attraktiv wie Hölle. Aber er war auch mein Cousin. Locker bleiben, Lela!
Außerdem, was sollte schiefgehen? Wenn ich schon nicht bei Dad bleiben durfte? Alles war besser, als hier rumzustehen.
»Okay.«

Unser Bus nahm die Route über Kailua, was einen Umweg bedeutete. Eine direktere Linie fuhr um diese Tageszeit nicht. Wir sprachen wenig, aber es war kein unangenehmes Schweigen. Daniel ließ mir einfach Zeit, mich einzugewöhnen.
Vor dem Ala Moana Center, einem riesigen Einkaufszentrum mitten in Honolulu, stiegen wir aus. Nach der Kühle im klimatisierten Bus empfand ich die tropische Hitze draußen umso stärker. Aber war das nicht das Tolle an Hawaii?
Daniel zeigte zur anderen Straßenseite. »Da lang geht es zum Yachthafen und dahinter zum Strand, dem berühmten Waikiki Beach. Komm, wir machen eine Besichtigungstour.«
Es gab so viel zu sehen. Die Boote, die teuren Hotels, die Palmen, das Meer. Diese Farben! Es erschien mir wie ein Traum. Heller, feiner Sand, glasklares türkisfarbenes Wasser und die Sonne, die mir auf der Haut brannte, trotz der Brise.
Mit jedem Atemzug breitete sich ein Gefühl von Freiheit weiter in mir aus. Niemand hier schien es eilig zu haben. Man trug Flip Flops und Strandkleidung, Einheimische wie Touristen. Daniel und ich bummelten einfach dahin, ohne uns viel zu unterhalten. Vor einem historisch wirkenden Gebäude im spanischen Kolonialstil gingen mir fast die Augen über.
»Es ist pink!«
»Das Royal Hawaiian Hotel.« Daniel schmunzelte.
Das ›königliche‹ Hotel machte seinem Namen alle Ehre. Mit seinen geschwungenen Fassaden und Türmchen strahlte es trotz der grellen Farbe eine hoheitsvolle Würde aus. Neben all den modernen Hotelhochhäusern wirkte es fast ein wenig unwirklich auf mich, wie eine Flamenco-Tänzerin im Techno-Schuppen.
»Warst du schon mal drin?«
»Seh ich aus, als könnte ich mir hier ein Zimmer leisten? Nee, das ist nur für reiche Leute.«
Die Verschnaufpause machte mir bewusst, wie müde ich war. Hitze und Jetlag machten mir zu schaffen. Ich ließ die Tasche von der Schulter gleiten.
»Können wir eine Pause machen? Mir tun ein bisschen die Füße weh.«
»Klar. Wir haben Zeit.«
Herz aus Frangipani-BlütenEr hockte sich an den Straßenrand. Erleichtert setzte ich mich dazu. Mechanisch rieb ich die Stelle, wo der Riemen meiner Tasche in die Schulter gedrückt hatte. Es tat gut, die Füße auszustrecken, aber hoffentlich hielt Daniel mich nicht für undankbar. Immerhin kostete diese Tour seine Freizeit.
»Danke, dass du mich herumführst. Es ist alles so unglaublich hier, ganz anders als zuhause. Da schneit es fast noch. Und du machst dich gut als Fremdenführer.«
Er winkte ab. »Mit der Zeit kennt man halt die Stellen, für die sich die Touristen interessieren.«
Ich zuckte zusammen, aber hatte er nicht recht? Ich war nur zu Besuch, mehr nicht.
Daniel sah mich von der Seite an. »Du hast es gut.«
»Ich?!«
»Wie ist es in Europa? Warst du mal in Paris? Im Louvre? Ich möchte zu gern mal dorthin.«
Darauf fiel mir keine intelligente Antwort ein. Meinte er das ernst? »Du interessierst dich für Kunst?«
Er wurde rot. »Bildhauerei vor allem. Onkel Keli’i hat mir viel beigebracht.«
Er biss sich auf die Lippen.
Ich war sprachlos. Nicht nur sah er umwerfend gut aus, war mitfühlend und unternehmungslustig, er war auch noch kultiviert. Oh oh, Lela, nur nichts überstürzen. Aber Daniel war definitiv einen zweiten und dritten Blick wert.
»Ihr habt zusammen Skulpturen gemacht? Die würde ich gerne mal sehen.«
Erleichtert grinste er übers ganze Gesicht. »Onkel Keli’i bewahrte seine Arbeiten in Onkel Makanis Bootswerkstatt auf. Meine Sachen stehen in der Schule. Vielleicht kannst du mal mitkommen, dann zeige ich sie dir.«
Er stand auf. »Komm noch ein paar Meter weiter, da geht es zum Strand. Dann können wir am Wasser entlang zurückgehen.«
Ja, das war genau das, was ich mir wünschte. Meine Füße in dieses kristallklare Wasser stecken und am goldfarbenen Strand von Waikiki die Wellen um die Beine spüren.
Beautiful view of Honolulu, Hawaii, United States
Am Hotelstrand aalten sich unzählige Badegäste in der Sonne. Vom Meer wehte eine laue Brise, der Duft von Salz und Tang vermischte sich mit dem Aroma von Kokosöl und frischem Schweiß auf brauner Haut. Gesprächsfetzen und Kinderlachen rauschten um mich, ich atmete tief ein, und versuchte, diesen Moment mit allen Sinnen festzuhalten.
Begeistert schlüpfte ich aus meinen Flip-Flops und ging bis zur Wasserlinie. Bedachtsam, um jede Sekunde auszukosten, tastete ich mich vor. Wie wunderbar warm und weich! Ich spielte mit den Zehen im Sand und ließ meine Knöchel umspülen. Fantastisch.
Daniel betrachtete mich mit einem eigentümlichen Gesichtsausdruck.
»Was ist?«
»Nichts. Du siehst aus wie eine von uns, dennoch ist das alles so seltsam neu für dich.«
Ein Schauer überrieselte mich. ›Eine von uns.‹ Was für ein Gedanke.
Daniel gewann seine Unbefangenheit wieder. Mit einer Hand schirmte er die Augen ab, mit der anderen deutete er nach Westen, wo eine Kraterformation über einem Küstenzipfel aufragte. »Den Berg kennst du vielleicht. Das ist Diamond Head, eines der berühmtesten Wahrzeichen Honolulus.«
»Darf man da rauf?«
»Klar, es gibt Führungen. Der Weg führt über unzählige Stufen, durch Tunnel und endet in einer Militärbasis aus dem Zweiten Weltkrieg«.
Ach nö, mit Militärbasen kannte ich mich wahrlich zu Genüge aus. »Vielleicht ein andermal. Lieber möchte ich schwimmen gehen.«
»Dafür kenne ich bessere Strände, hier ist es viel zu überlaufen. Was hältst du von heute Nachmittag?«
Das klang gut, fürs Erste war ich nämlich platt. Durchs flache Wasser wateten wir zurück zu unserem Ausgangspunkt, und nach einem letzten Blick aufs Meer wandten wir uns wieder stadteinwärts, Richtung Haltestelle.
Der Bus hielt nicht weit von Tante Okelanis Haus, aber als wir dort ankamen, war sie noch nicht zurück. Zum Glück besaß Daniel einen Schlüssel.
Unschlüssig standen wir in der Küche herum. Ich war todmüde, meine Beine fühlten sich an wie aus Blei und nur mühsam unterdrückte ich ein Gähnen. Plötzlich fühlte ich mich in Daniels Nähe wieder befangen. Was erwartete er jetzt von mir?
»Danke für die Tour. Nach dem Heim war es genau das Richtige.«
Ich biss mir auf die Zunge. Wie herzlos von mir! Daniel stand Keli’i viel näher als ich.
Aber er nickte nur. »Ging mir genauso. Man hält das sonst nicht aus. Irgendwie muss es ja weitergehen, nicht?«
Ich hob die Schultern. Was konnte ich sagen?
»Ich geh dann mal. Ruh dich eine Weile aus, heute Nachmittag hole ich dich ab.«
Schon war er zur Tür hinaus. Ich blickte ihm nach, aber er drehte sich nicht noch einmal um.
Erschöpft kramte ich aus meiner Tasche einen Kugelschreiber, riss ein Blatt von meinem Notizblock und kritzelte eine Nachricht für die Tante. Beim Gruß zögerte ich, schließlich setzte ich einfach meinen Namen darunter und platzierte den Zettel gut sichtbar mitten auf dem Küchentisch.

Ein gleichmäßiges Wummern weckte mich auf, und ich brauchte einen Moment, bis ich meine fünf Sinne wieder beieinander hatte. Es pochte nicht in meinem Traum, sondern an der Zimmertür. Ein Blick zur Uhr sagte mir, dass ich weit länger geschlafen hatte als beabsichtigt: über zwei Stunden. Mit einem Ruck richtete ich mich auf.
»Lela? Bist du wach? Daniel ist hier.« Tante Okelani klopfte erneut an.
Unsere Verabredung!
»Ich komme!«
Leichter gesagt als getan. Nach dem tiefen Mittagsschlaf fühlte ich mich wie nach einer Squash-Partie mit Dad. Gähnend strich ich meine Haare glatt, kletterte aus dem Bett und schlüpfte wieder in die Klamotten. Dann öffnete ich die Tür.
Die Tante lächelte mir entgegen. »Hast du Hunger? Es gibt Sandwiches mit Thunfischsalat.«
Und wie ich Hunger hatte. Außer dem bisschen Musubi auf dem Wochenmarkt hatte ich heute kaum etwas gegessen.
Daniel erwartete uns in der Küche, einen Sandwichrest in der einen Hand, eine Dose Cola in der anderen. Er lachte. »Na, ausgeschlafen?«
»Hm.«
Wie peinlich, mitten am Tag so lange zu schlafen – wie ein Baby.
»Ach was, nur keinen Stress. Unser Motto hier ist nicht umsonst ›Hang loose‹.«
Surfer
Er spreizte Daumen und kleinen Finger ab, knickte die anderen Finger ein und wedelte mir mit dem Handrücken zu. »Versuch mal!«
Ich ahmte die Bewegung nach.
Hinter mir lachte die Tante. »Großartig, jetzt bist du bald eine Einheimische.«

Fortsetzung folgt …


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1. Auflage
Copyright © 2014 by Sabine Schäfers
Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Stefanie Pappon
Motiv: tomas del amo – Fotolia.com
Lektorat & Korrektorat: Jan Schuld

ISBN-10: 1500865524
ISBN-13: 978-1500865528

 

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