Leilani: Kapitel 3

Taschenbuch Leilani - Wohin das Herz gehörtNicht, das du denkst, das geht jetzt immer so ratzfatz, aber die beiden Kapitel von gestern sind ja schon in der Leseprobe „Blick ins Buch“ auf Amazon.de enthalten — plus ein bisschen mehr. Nichts Neues also. Deshalb gibt es heute schon Kapitel 3, die folgenden Kapitel dann jeweils am Dienstag.

 

Weiter geht’s 😀

3

Auf dem Weg zum Flughafen am nächsten Morgen sprachen meine Eltern kaum miteinander. Mama war nachts zu einem Notfall gerufen worden und hatte Ringe unter den Augen. Ich wollte etwas sagen, um die Stimmung aufzulockern, aber es fiel mir einfach nichts ein.
Blurred people using a skywalk/staircaseIn der Abflughalle ging es zu wie im Ameisenhaufen. Vor den Abfertigungsschaltern herrschte unglaubliches Gedränge, Lautsprecherdurchsagen hallten in einem fort über unseren Köpfen.
»Passagiere des Fluges LH vier fünf eins sieben nach Athen, bitte gehen Sie zum Flugsteig A vierunddreißig. Passengers with reservations to Athens, flight number LH four five one seven, please proceed to gate number A thirtyfour …«
Mama nahm mich in die Arme. »Gute Reise, mein Schatz.«
»Kommst du denn nicht mit rein?«
Sie verzog das Gesicht. »Es tut mir leid. Ich muss nach dem Patienten von heute Nacht sehen.«
Ich biss mir auf die Lippen. Natürlich brauchten die Kranken sie. Aber könnte sie denn nicht wenigstens ein Mal …?
Mama hob mein Kinn an und sah mir in die Augen. »Von New York aus rufst du bei Oma an, ja? Sie wird mir berichten, wie es euch geht. Sonst habe ich keine Ruhe, bis ihr in Honolulu gelandet seid.«
»Ach Sue, du weißt genau, dass Fliegen so sicher ist wie keine andere Reiseart.« Dad runzelte die Stirn.
Sie zuckte zusammen, aber statt etwas zu erwidern, kramte sie in ihrer Handtasche und drückte mir einige Geldscheine in die Hand.
»Hier. Das sollte fürs Erste reichen.«
Hundert Dollar! Ungelenk steckte ich das Geld in mein Portemonnaie und wusste nicht mehr, ob ich traurig sein sollte oder aufgeregt. »Danke.«
»Ist das nicht übertrieben? Leilani bekommt doch von mir, was sie braucht.«
Sie starrte ihn an. Eine Weile standen sie reglos voreinander, dann zuckte er die Achseln, ergriff die Koffer und machte sich auf den Weg zum Schalter.
Mama setzte ein Lächeln auf. »Viel Spaß, meine Große, es wird sicher ganz fantastisch.«
Ein Schauer lief über meinen Rücken. Hawaii. Mit einem Mal konnte ich nicht mehr stillhalten. Ich warf die Arme um sie, drückte sie fest und schnappte mir meinen Rucksack. »Ich rufe dich so bald wie möglich an.« Dann rannte ich hinter Dad her.
Von der Schlange vor dem Abfertigungsschalter blickte ich zurück. Mama sah noch immer zu uns herüber.
Dads Hand lag auf meiner Schulter. »Warte hier, Liebes, ich möchte mich von deiner Mom verabschieden.«
Sein Gang wirkte eckiger als sonst, Mama erwartete ihn ohne sichtbare Regung.
Da standen sie, direkt vor dem Fahrstuhl und sahen einander nur an. Andere Leute mussten um sie herumgehen, mancher runzelte die Stirn. Endlich legte sie eine Hand auf seine Brust, er umhüllte sie mit seiner, beugte sich vor, hauchte einen Kuss auf ihre Lippen. Schweigend umarmten sie sich.
Mit heißen Wangen wandte ich mich ab. Meine Eltern hatten sich noch lieb, mehr wollte ich gar nicht wissen. Dad kam zurück, legte den Arm um meine Schultern und räusperte sich. Wir tauschten einen Blick und ein Lächeln. Alles war gut.

Herz aus Frangipani-BlütenHunderte von Menschen drängten sich in der Wartehalle. Paare und Gruppen, Geschäftsleute, einige Familien mit kleinen Kindern, Deutsche und Militärangehörige auf Heimaturlaub. Noch eine ganze Stunde Wartezeit. Dad erspähte zwei freie Sitzplätze und steuerte darauf zu. Ich ließ mich neben ihn fallen und streckte die Beine aus. Jetzt, wo uns nichts mehr zu tun blieb, konnte ich ihn vielleicht endlich nach seiner Familie fragen.
»Dad?«
Er zog sein Jackett aus und ahmte meinen Ton nach. »Tochter?«
»Warum sind wir noch nie nach Amerika geflogen? Lisa und Shirley besuchen ihre Verwandten jedes Jahr.«
Sorgfältig faltete er die Jacke zusammen. »Vermisst du sie?«
Verwirrt sah ich ihn an, bis mir klar wurde, er meinte Lisa und Shirley. »Na – ein bisschen, ich weiß nicht. Es ist nicht mehr das Gleiche, seit sie zur Highschool gehen.«
»Dafür hast du am Gymnasium Freunde gefunden.«
Michi zum Beispiel … und Chris, falls er noch dazu zählte. »Du hast recht.«
Mit einem Seufzen schloss Dad die Augen. »Gönn mir ein paar Minuten Ruhe, Leilani, ich habe schlecht geschlafen.«
Er wollte nicht darüber reden, ich hätte es wissen müssen. So lange ich mich zurückerinnerte, hatte er weder zu Opa Keli´i noch zu seiner Familie je Kontakt aufgenommen. Was in aller Welt konnte ihn dazu getrieben haben, seiner Heimat so radikal den Rücken zu kehren? Was konnte ihn und seinen Vater so entzweit haben?
Und warum hatte er es sich jetzt anders überlegt?
Machte es ihm Angst, dass Keli´i im Sterben lag? Es gab nicht vieles, wovor Dad sich fürchtete, aber seinen Vater zu verlieren, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben, war eine schreckliche Vorstellung. Für mich wäre das Leben ohne Mama, Dad, Oma Inge und Opa Karl undenkbar. Wir gehörten doch zusammen.
Über Dads Familie wusste ich nichts. Nicht wie sie aussahen, wie sie zu Dad standen, nicht einmal, ob sie mich überhaupt bei sich haben wollten. Wie sollte ich ihnen gegenübertreten?

Mit zwei Zwischenstopps dauerte die Reise eine Ewigkeit. Von Los Angeles sah ich genauso wenig wie von New York, aber nach inzwischen vierzehn Stunden Flug war es eine Wohltat, überhaupt ein paar Schritte zu gehen. Dann wieder ein neuer Flieger, die letzte Etappe: nach Honolulu, Oahu, Hawaii, das Paradies auf Erden. Wir flogen in die Dämmerung hinein, in immer kürzeren Abständen starrte ich zur Uhr. Ich lechzte nach einer Dusche.
Mit einem Mal ging dann alles sehr schnell. Der Flugkapitän kündigte die Landung an, in der Nacht unter uns glitzerten die Lichter der Stadt. Die Maschine bremste, setzte auf und rollte aus.
Wie auf Kommando sprangen die Passagiere auf, rissen die Gepäckfächer über ihren Köpfen auf, zerrten Beautycases und Taschen hervor. In der Sitzreihe vor uns reckte sich eine Frau auf die Zehenspitzen, reichte aber nicht bis zur Ablage. Dad griff über sie hinweg, hob ihr Handköfferchen heraus und ließ ihr den Vortritt. Sie strahlte ihn an, dann wurde sie weitergeschoben. Ich verstaute mein Buch und schloss mich der Meute an.
Auf dem Rollfeld wurde es schlagartig schwül. Wie im Traum folgte ich Dad in den Shuttle-Bus, aufgeregtes Stimmengewirr umgab uns.
Handmade lei of frangipani, which were subjected to the neck-1Vor der Ankunftshalle glitten die Türen zur Seite und das Nächste, das ich wahrnahm, war der Duft all der Blumen, die Farben, die Menschen. Eine dicke Hawaiianerin kam auf uns zu.
»Du bist es, Keoni, nicht wahr?«
»Tante Okelani.«
Sie legte ihm den Lei um, aber es war Daniels Anblick, der mich umhaute.
»Aloha, willkommen auf Oahu, Cousine.«
Mein Herz schlug bis zum Hals.

Tante Okelanis Auto stammte aus dem letzten Jahrtausend, mit einer rostigen Delle am rechten Kotflügel, verblichener Stoffverkleidung und dem Schalthebel am Lenkrad. Ächzend zwängte sie sich dahinter.
Dad winkte mich heran. »Steig ein, Leilani.«
Daniel wollte zu mir auf die Rücksitzbank klettern, doch Dad kam ihm zuvor. Seine Miene ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht gedachte, zu tauschen. Achselzuckend setzte sich Daniel nach vorn zur Tante und zwinkerte mir zu.
Ein Schauer durchfuhr mich. Sollte ich enttäuscht sein oder erleichtert? Seine Nähe hatte einen beunruhigenden Einfluss auf meinen Kreislauf.
Wir fuhren auf den Freeway. Kaum zu fassen, wir waren wirklich da. Nicht irgendeine Großstadt – Honolulu! Der Name zerging wie Honig auf meiner Zunge: Ho-no-lu-lu. Glücklich lehnte ich mich zurück.
Die Blumen-Leis dufteten, durch die geöffneten Wagenfenster strich warme Luft über mein Gesicht. Ich atmete tief. Salz, Wind und Palmen. Über uns wölbte sich der schwarzblaue Nachthimmel, Millionen Sterne funkelten. In der Ferne blinkte und leuchtete die Skyline wie Christbaumschmuck.
»Waikiki.« Daniel lächelte.
»Das ist wunderschön.« Er war ein solcher Glückspilz, hier leben zu dürfen.
Mit vernehmlichem Knurren zog sich mein Magen zusammen. Der Bann war augenblicklich gebrochen und ich musste lachen. Meine Uhr hatte ich schon in Los Angeles auf Hawaii-Zeit umgestellt. Sie zeigte neun Uhr abends, aber mein Gefühl bestand darauf, es sei Zeit fürs Frühstück.
»Gleich sind wir da, meine Mom wartet mit dem Essen auf uns.«
Daniel wandte sich Dad zu, aber der sah unverwandt zum Fenster hinaus und schien uns gar nicht wahrzunehmen. Wir wechselten einen Blick: Eltern.
Die Tante wohnte in einer Gegend mit einfachen Holzhäusern. Als wir auf den Hof einbogen, wurde die Fliegengitter-Tür aufgedrückt und eine Frau trat auf die Veranda. Die Tante stellte den Motor ab.
»Meine Nichte Celadine, Daniels Mom.«
»Bitte, nennt mich Dinah, das klingt nicht ganz so altmodisch.«
Sie lachte und es war eindeutig, von wem Daniel sein gutes Aussehen geerbt hatte. Allerdings reichte sie ihm gerade bis zur Brust, ihre zarten Züge und der hellere Teint sprachen für asiatischen Einfluss.
»Aloha. E komo mai.«
»Hallo.« Unsicher wartete ich, wie Dad sich verhalten würde. Wie begrüßte man eine unbekannte Verwandte?
Doch Dad handhabte das völlig unspektakulär: Er stellte seinen Koffer ab und reichte Dinah die Hand. »Ich bin Ken.«
»Ich freue mich, dass ihr gekommen seid.« Sie seufzte. »Wenn auch aus traurigem Anlass.«
Dad runzelte die Stirn, nahm sein Gepäck wieder auf und stelzte zum Haus. Sein Benehmen versetzte mir einen Stich. So unhöflich kannte ich ihn gar nicht.
»Ich … er …«
Dinah wechselte einen Blick mit der Tante. »Lass nur, ich verstehe schon.«
Sie hakte die Tante unter und ging mit ihr hinein. Mit meinem Koffer in der Hand wollte Daniel ihnen folgen, aber ich hielt ihn zurück.
»Was bedeutet ›E komo mai‹?«
Er lächelte. »Damit heißen wir Freunde willkommen.«
Herz aus Frangipani-BlütenIn der milden Abendluft dufteten die Blumen aus dem Garten, ein Hauch streifte meine bloßen Arme und über mir war der Himmel weit offen. Ich schloss einen Moment die Augen. Freude durchrieselte mich. Es würde fantastisch werden hier!
Als ich die Augen wieder aufmachte, sah ich Daniel noch immer bei mir stehen. Er hatte sich nicht von der Stelle gerührt und schien alle Zeit der Welt zu haben. Etwas verlegen griff ich nach meiner Tasche.
Von der Terrasse kam man direkt in die Küche, wo Dad uns schon erwartete. Dinah hantierte am Herd.
»Daniel, zeige Ken und Lela ihre Schlafzimmer. Macht euch rasch frisch, wir können gleich essen.«
»Onkel Ken schläft hinten, in Onkel Hokus Zimmer, Lela bekommt Moms altes Zimmer. Hier entlang.«
Das Haus war klein, ein schmaler Flur verband die Räume miteinander. Hinter der Küche lagen das Bad und das Schlafzimmer der Tante. Durch die angelehnte Tür hörte ich sie murmeln.
Daniel zwinkerte und flüsterte mir zu: »Sie spricht mit sich selbst.«
Ich musste kichern.
Die nächste Tür war meine. »Hier schläfst du. Ich fürchte, das Bad musst du dir mit Tante Okelani teilen. Ist das okay für dich?«
»Ja klar, ist doch euer Haus.«
Ich sah mich um. Ein Bett mit gerüschter Tagesdecke, ein Tisch, ein offener Wandschrank – mehr passte nicht hinein. Warme Nachtluft streifte meine Arme. Statt aus einer durchgehenden Scheibe bestand das Fenster aus Glaslamellen.
»Keine Klimaanlage.« Daniel hob die Schultern.
In einer wassergefüllten Glasschale auf dem Tisch schwammen die gleichen Sternblüten wie in meinem Lei. Ich schnupperte daran. »Fantastisch.«
»Das sind Frangipani-Blüten. Die Tante hat auch ein paar im Garten.«
Hinter uns räusperte sich Dad. »Wo ist mein Zimmer? Ich möchte duschen und mich umziehen.«
»Du schläfst in Onkel Hokus Zimmer, gleich gegenüber. Es hat ein eigenes Bad.«
»Gut. Fangt ohne mich mit dem Essen an, in zehn Minuten bin ich bei euch.«
Eine Dusche hätte mir auch gut getan, aber ich beschloss, damit bis zum Schlafengehen zu warten. Eine Katzenwäsche musste vorerst genügen. Ich kramte mein Waschzeug aus dem Rucksack. »Onkel Hoku ist sicher Tante Okelanis Mann?«
Daniel lehnte am Türrahmen. Mit vor der Brust verschränkten Armen betrachte er mich nachdenklich. »Du weißt nicht viel über die Familie, wie?«
Ich biss mir auf die Lippen. »Nein.«
»Dachte ich mir. Onkel Hoku war Tante Okelanis Sohn. Er ist tot.«
»Oh, das tut mir leid, ich wollte nicht …«
Er stieß sich von der Tür ab. »Ach was. Ich war noch ein Baby, als er starb.«
Trotzdem schämte ich mich. Wie sollte ich mich richtig verhalten, wenn ich praktisch nichts über die Verwandtschaft wusste? »Dann war Hoku der Bruder deiner Mom?«
»Nein.« Daniel schüttelte den Kopf. »Meine Mom ist die Tochter von Tante Okelanis Schwägerin.«
Verwirrt versuchte ich, mir einen Stammbaum vorzustellen, aber Daniel winkte ab.
»Nicht so wichtig. Es kommt nicht darauf an, wer wen geboren hat. Zur Ohana – der Familie – gehören alle, die sich einbringen.«
»Aha.« Ich drückte den Waschbeutel an mich.
Daniel verstand den Wink. »Ich lass dich allein, bis gleich.«
Herz aus Frangipani-BlütenIn Tante Okelanis winzigem Bad wischte ich mit dem nassen Waschlappen über mein Gesicht, bürstete mir die Haare und flocht sie zu einem Zopf. Eine Locke rutschte wieder heraus. Ich klemmte sie hinters Ohr, löschte das Licht und trat zurück auf den Flur. Es duftete nach gebutterten Maiskolben.
Auf der Schwelle zur Küche blieb ich stehen. Am Kopfende des Tisches schenkte sich Tante Okelani aus einem Krug Wasser ein. Der Platz zu ihrer Linken war frei, daneben angelte Daniel nach dem Salzstreuer.
»Nimm nicht so viel Salz.« Dinah stellte eine Schüssel mit Salat ab, sah auf und entdeckte mich. Sie strahlte. »Komm nur rein. Du kannst dich zur Tante setzen oder hierher zu mir.«
Daniel winkte mich zu sich herüber. Mit klopfendem Herzen setzte ich mich zwischen ihn und die Tante. Lächelnd beugte sie sich vor. »Wasser?«
»Ja, bitte.«
Während Dinah das Essen verteilte, kam Dad herein. Der einzige freie Platz war jetzt der neben Dinah, Tante Okelani genau gegenüber. Sie blickte auf. »Keoni.«
»Tante.«
Über den Tisch hinweg sahen sie einander an, eine unangenehme Pause trat ein. Ich rutschte auf meinem Stuhl nach vorn. So kurz angebunden war Dad doch sonst nicht. Krampfhaft überlegte ich, was ich sagen könnte, da kam Dinah mir zuvor. Sie reichte Dad die Schüssel mit Süßkartoffeln. »Möchtest du auch von dem Hackbraten?«
Ich atmete auf.
Neben mir schnalzte Daniel kaum hörbar mit der Zunge. Er griff nach dem Ketchup und beugte sich dabei ein wenig zu mir herüber. »Alles okay?«
Es war nur geraunt, aber aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie die Tante zusammenzuckte. Ich schluckte und nickte.
Endlich setzte sich auch Dinah und schaute zufrieden in die Runde. »Guten Appetit.«
Ich hatte einen Riesenhunger. Mit halbem Ohr hörte ich, wie Dinah meinen Dad in ein Gespräch verwickelte. Offenbar war sie Journalistin beim Honolulu Advertiser und hatte vor Kurzem ein Interview geführt mit General Owen Hanson, Dads ehemaligem Fluglehrer.
»Lela?«
Herz aus Frangipani-BlütenDaniel beugte sich vor und sah mir direkt in die Augen. Ich zuckte zusammen.
»Entschuldige, ich war abgelenkt. Was hast du gesagt?«
Er grinste. »Lauschen ist aber sehr ungezogen.«
Ich spürte, wie ich rot wurde, da lachte er noch mehr.
»War nur Spaß. Habt ihr für morgen schon Pläne?«
»Na ja, ich nehme an, Dad will sofort zum Krankenhaus, um seinen Vater zu besuchen.«
Daniel legte den Kopf schief und sah mich unter seinen schwarzen Wimpern ernst an. »Du hast Onkel Keli’i nie kennengelernt. Schade, er war ein bemerkenswerter Mann.«
Ich erschrak. »War? Heißt das …?«
Abwehrend fuchtelte Daniel mit der Gabel durch die Luft. »Nein, nein!« Nach einem raschen Blick auf die Tante senkte er die Stimme. »Er lebt. Aber die Krankheit hat ihn sehr verändert.«
Tante Okelani berührte meinen Unterarm. »Bist du mit deinem Zimmer zufrieden?«
Vom abrupten Themenwechsel verwirrt, sah ich sie an. »Ja, natürlich. Mit einem eigenen Zimmer hatte ich gar nicht gerechnet, ich dachte, ich würde eines mit Dad teilen.«
»Unser Haus ist zwar nur klein, aber mittlerweile bewohne ich es beinahe allein mit den Ahnen.« Die Tante lächelte traurig.
»Den Ahnen?«
Sie sah hinüber zu Dad. Der hatte sein Gespräch mit Dinah unterbrochen und runzelte die Stirn. Doch bevor er etwas sagen konnte, stand Dinah auf. »Daniel, hilf mir beim Abräumen. Wer möchte Kaffee?«
Die Tante seufzte. »So spät trinke ich keinen Kaffee mehr, das weißt du doch.«
Ich fragte mich, ob das Seufzen dem Kaffee oder dem erneuten Themenwechsel galt. Sie erhob sich erstaunlich geschmeidig. »Komm mit ins Wohnzimmer, Keoni, da sitzt es sich bequemer.«
Dad folgte ihr wortlos.
Ich stand auch auf. »Ich helfe euch, Dinah.«
»Heute nicht, Liebes. Ruh dich aus, der Flug war anstrengend. Geh nur vor, wir kommen gleich nach.«
Wie zur Bestätigung musste ich gähnen. »Okay.«
Das Wohnzimmer war klein, wie alle Räume im Haus. Die Tante saß auf einem Kanapee, neben ihr döste zusammengerollt ein rotgetigerter Kater, die Ohren zuckten bei meinem Eintreten. Vorsichtig näherte ich mich, um ihn nicht zu erschrecken. »Ist der schön.«
»Komm nur. Kanoa liebt Streicheleinheiten.«
Ich beugte mich hinunter und streckte die Hand aus. Der Kater schnupperte daran und ließ es sich schnurrend gefallen, als ich ihn hinter dem Ohr kraulte. Die Tante lächelte.
Dad nahm ein gerahmtes Foto von der Anrichte und betrachtete es still. Neugierig ging ich zu ihm und schaute über seine Schulter.
Die Aufnahme zeigte zwei stämmige Hawaiianer am Strand. Sie hatten einander die Arme um die Schultern gelegt und lachten in die Kamera. Einer stemmte ein kunstvoll geschnitztes Paddel wie einen Häuptlingsstab in den Boden.
»Wer ist das?«
Die Tante beugte sich vor. »Links im Bild, der Jüngere, ist mein verstorbener Mann, Makani. Der andere, mit dem Ruder in der Hand, ist Keli’i – dein Großvater.«
So sah er also aus. Wie Daniel gesagt hatte, war er ein stattlicher Mann mit offenherziger Miene.
Hinter den Männern ragte ein Kanu hervor, an der Seite mit einer Art Kufe verbunden. Es glänzte wie frisch geölt.
Traditionelles Auslegerboot bei Sonnenuntergang am Strand»Und was ist das für ein Boot?«
»Ein Auslegerkanu.« Dad stellte das Bild wieder zurück und ließ sich auf einem der beiden Sessel nieder. Ich setzte mich auf die Armlehne und schmiegte mich an.
Die Tante streichelte den Kater, der schloss die Augen und fing bald an zu schnarchen. »Makani hat es gebaut. Dieses hier ist ein nur ein kleines Fischerboot, aber er baute auch größere. Mit den ganz großen Kanus sind vor Jahrhunderten unsere Vorfahren über den Pazifik gefahren.«
Stolz schwang in ihrer Stimme mit und fast meinte ich, ein wenig Trotz herauszuhören.
Dad versteifte sich. Ich ließ ihm mehr Platz auf seinem Sessel, er rutschte nach vorn und räusperte sich. »Wie geht es Keli’i?«
Die Tante seufzte. »Deinem Vater geht es den Umständen entsprechend.«
Er schwieg, doch als sie nicht weitersprach, nickte er knapp. »In welchem Krankenhaus liegt er?«
Sie furchte die Stirn, wiegte den Kopf und saugte ihre Unterlippe ein. »Nicht im Krankenhaus. Wir mussten ihn ins Pflegeheim nach Kaneohe bringen.«
Er starrte sie an.
»Wieso das denn?!«
Von der jäh erhobenen Stimme geweckt, schreckte der Kater auf, streckte sich steifbeinig und sprang zu Boden. Mit zitternden Beinen blieb er für einen Moment stehen, bevor er zur Tür stakte. Die Tante sah ihm nach.
»Dein Vater ist nicht mehr der, den du kanntest, Keoni. Er ist alt.«
Dad sprang auf. »Und da habt ihr ihn in ein Heim abgeschoben?«
Ich hielt die Luft an.
»Es ging nicht anders. Sieh mich an, ich schaffe das nicht mehr.«
Mit einem Blick schätzte er sie ab, schüttelte den Kopf und zeigte zur Tür. »Was ist mit Dinah?«
»Sie geht arbeiten. Sie hat einen guten Job, den kann sie nicht aufs Spiel setzen.«
»Ach nein? Ich denke, ihr legt alle so viel Wert auf die Ohana – die Familie. Aber nur so lange, bis es unbequem wird, wie?«
»Dad!«
Er wehrte meine Hand ab und marschierte zur Tür.
»Sei nicht ungerecht, Keoni. Du weißt doch gar nicht …«
»Ich heiße Ken! Und zum Glück hast du mich gerade rechtzeitig daran erinnert, warum das so ist. Eure Traditionen – alles nur Show!«
Mit der flachen Hand hieb er gegen die Tür und stürmte ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Erschrocken starrte ich die Tante an.
Ihre Schultern sackten herab. Dann, als hätte sie sich eben erst wieder auf mich besonnen, sah sie auf und lächelte freudlos. »Mach dir keine Gedanken, Kind. Ich verstehe deinen Dad, er sorgt sich eben um Keli’i.«
Daniel und Dinah kamen hinzu, und ihre betretenen Mienen ließen keinen Zweifel daran, dass sie den Wortwechsel gehört hatten. Peinlich berührt wollte ich mich in mein Zimmer verdrücken, aber die Tante nahm meine Hand.
»Es ist nicht deine Schuld, Lela. Niemand ist schuld. Mach dir keine Gedanken. Wir kommen schon irgendwie miteinander aus, dein Vater und ich.«
Dinah räusperte sich. »Ich nehme an, dein Dad will Onkel Keli’i morgen so früh wie möglich besuchen. Wie wäre es, wenn Daniel euch hinfährt?«
Daniel nickte.
»Das Heim öffnet für Besucher um neun Uhr, du kannst die Tante und mich vorher am Wochenmarkt absetzen.« Sie sah mich an. »Oder möchtest du uns begleiten?«
Das klang verlockend. Was auf einem Wochenmarkt in Honolulu wohl angeboten wurde? »Gern.«
Daniel sah nicht so begeistert aus. »Das heißt aber um halb sechs aufstehen, sonst schaffen wir es nicht rechtzeitig zum Heim.«
»Na, dann – ab ins Bett.« Dinah scheuchte ihn nach draußen. »Alle.«

Fortsetzung folgt …


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1. Auflage
Copyright © 2014 by Sabine Schäfers
Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Stefanie Pappon
Motiv: tomas del amo – Fotolia.com
Lektorat & Korrektorat: Jan Schuld

ISBN-10: 1500865524
ISBN-13: 978-1500865528

 

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