Leilani: Kapitel 1 und 2

Falls du meinen Blog in letzter Zeit mitverfolgt hast, fällt dir vielleicht auf, dass mich zurzeit ganz grundsätzliche Fragen beschäftigen: Wer bin ich, was mach ich hier, wo will ich hin? Und ganz eng damit verwoben: Was schreibe ich, für wen, warum und … wo? Die letzte Frage taucht immer mal wieder auf, weil ich nicht nur Bücher schreibe, sondern auch eine Online-Fortsetzungs-Graphic Novel und darüber hinaus inzwischen mit drei Blogs jongliere (siehe oben die Menüleiste). Wobei dieser Autorenblog hier — mindfull — mein Hauptmedium ist neben den Büchern.

Was aber blogge ich? Wie du oben neben meinem kleinen Foto sehen kannst, schreibe ich über die Welt wie ich sie sehe — im übertragenen Sinn, aber auch mit den Augen. Und die Welt ist ziemlich riesig. Den Vereinten Nationen gehören aktuell 193 Staaten an. Da kann man sich leicht ausrechnen, was für ein ehrgeiziges Ziel es wäre, sie alle bereisen zu wollen. Manche Menschen setzten sich das früh in den Kopf und reisen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, mit schmalem Gepäck und viel Abenteuergeist. Bewundernswert!

Reisen bedeutet für mich vor allem, Landschaften kennenzulernen und die Menschen, die dort leben. Ich will wissen, was sie bewegt, möchte ihre Sprache und ihre Kultur kennenlernen. Wie lebt es sich beispielsweise auf Hawaii im Alltag? Tanzt man den ganzen Tag Hula und gart am Strand ganze Schweine im heißen Sand? Wie wächst man auf im ‚Paradies auf Erden‘? Solchen Fragen und noch einigen mehr bin ich nachgegangen in meinem Jugendbuch Leilani — Wohin das Herz gehört.

Taschenbuch Leilani - Wohin das Herz gehört

 

Und damit du daran teilhaben kannst, veröffentliche ich es ab heute nach und nach auch hier im Blog.

Beginnen wir mit dem Anfang …


1

Honolulu International Airport

Das Erste, das ich wahrnahm, war der Duft.
Mild, warm, honigsüß.fresh pile of yellow plumeria blossoms
Reiseleiter, die Arme behängt mit Blumenketten, nahmen Touristen in Empfang, Familien begrüßten Angehörige mit Blütenkränzen und herzlichen Umarmungen. An den Verkaufsständen ringsumher leuchteten Blumenketten in allen Farben des Regenbogens und verströmten einen betörenden Duft. Staunend folgte ich meinem Dad durch die Ankunftshalle und prallte auf seinen Rücken, als er abrupt stoppte.
Aus der Menge löste sich eine dickliche Hawaiianerin und watschelte auf uns zu. In ihrem grauen Haarknoten leuchtete eine rote Hibiskusblüte, um die Schultern trug sie eine Kette aus sternförmigen weißen Blumen, eine zweite hielt sie in den Händen.
Zögernd trat sie vor Dad hin. »Du bist es, Keoni, nicht wahr?«
»Tante Okelani.«
Sie standen voreinander, als wüssten sie nicht weiter. Dad neigte den Kopf, die Tante legte ihm die Blütenkette um.
»E komo mai, Keoni. Willkommen. Es ist so lange her.«
Dad wirkte wie erstarrt, eckig richtete er sich auf. »Ich danke dir.«
Ihr Blick fiel auf mich, sie strahlte. »Du musst Leilani sein! Wie groß du bist, beinahe schon eine junge Frau.«
Leis am StrandEin sportlicher Hawaiianer, ein oder zwei Jahre älter als ich, schlenderte auf uns zu.
»Aloha, willkommen auf Oahu, Cousine.«
Mit einer geschmeidigen Bewegung legte er auch mir eine Kette aus diesen weißen, duftenden Sternblüten um. »Ein Lei für dich.«
Dunkle Augen glänzten, mit perlweißen Zähnen lachte er mich an. »Ich bin Daniel.«
Ich war sofort verloren.

 

 

2

Deutschland, zwei Tage zuvor

Butterstulle mit Kaffee»Tut mir leid, Lela. Aber das ist viel zu gefährlich.«
Mit einem entschiedenen ›Klack‹ legte meine Mutter ihr Frühstücksmesser zur Seite und griff nach der Kaffeetasse.
Im Grunde hatte ich damit gerechnet, seit sie mit hochgezogenen Augenbrauen den Anmeldebogen studiert hatte. Aber eine Chance blieb mir noch – wo steckte nur Dad? Ich drückte meinen Talisman so fest, dass sich die Aufschrift des Miniatur-Nummernschildes in meine Handinnenfläche prägte. Den Rest des Tages würde ich mit ›Hawaii – Aloha State‹ gebrandmarkt sein, aber das war mir die Sache wert.
»Was ist gefährlich? Für eine Fünfzehnjährige geht Leilani mit Messer und Gabel doch schon ganz leidlich um.«
Dad betrat das Esszimmer. Im Gehen legte er den Kragen seines Poloshirts um, seine kurzen Locken glänzten noch schwarz vom Duschen. Schwungvoll setzte er sich zu uns, mit einem zufriedenen Grinsen betrachtete er den Frühstückstisch. »Pancakes, klasse.«
Er schnappte sich drei davon, stapelte sie übereinander, griff nach dem Ahornsirup und übergoss alles mit einem ordentlichen Schwall.
»Hast du ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt?« Mit der Tasse in der Hand schaute sie Dad unverwandt an, von ihrem Kaffee hatte sie noch keinen Schluck getrunken. Ich sank in mich zusammen. Dieser Ton verhieß nichts Gutes.
»Welchen Floh?« Dad musste es auch gespürt haben. Sein Lächeln wirkte mit einem Mal verkrampft, seine ohnehin dunkle Haut nahm eine noch tiefere Tönung an.
»Diese Kletterfreizeit in der Eifel.« Mama tippte mit dem Zeigefinger auf das Anmeldeformular neben ihrem Teller. »Lela ist noch nicht so weit, Ken. Weißt du, wie viele Unfälle jedes Jahr an solchen Steilwänden geschehen? Sie kennt doch nur die Kletterwände im Studio.«
Dad seufzte. »Irgendwann muss sie aber mal in richtigem Gelände klettern, Sue. Sie hat sich gründlich darauf vorbereitet, und bis zu den Sommerferien kommen noch zwei Monate Training dazu. Wie lange willst du sie noch warten lassen?«
Unter dem Tisch drehte ich mein kleines Nummernschild von einer Seite zur anderen. Dad hatte versprochen, Mama zu überzeugen, aber im Moment sah es nicht danach aus. »Ich wäre doch beim Klettern nie alleine. Die Trainer passen auf, und ich bin immer angeseilt.«
»Ach ja? Hast du eine Vorstellung, wie das ist, wenn du plötzlich zwanzig Meter in die Tiefe stürzt? Da kannst du nicht einfach wieder hochklettern. Hast du schon einmal kopfüber fünfzig Meter oder mehr über einer Felslandschaft am Seil gebaumelt, wenn der Wind an dir zerrt?« Mamas Stimme wurde schrill.
»Jetzt übertreibe nicht, Sue. Du machst ihr ja Angst.«
»Zu Recht!«
Sie starrten einander an, Dad hielt die Gabel noch in der Hand, aber seine Pancakes wurden kalt. Der Sirup bildete eine schmierig-braune Pfütze auf dem Teller.
Mit einem brennenden Gefühl im Magen steckte ich meinen Talisman in die Hosentasche und stand auf.
»Michi wollte mich nachher abholen, ich fahre ihr entgegen.«
Ich bekam keine Antwort. Unschlüssig wartete ich eine Weile im Durchgang, als sie sich noch immer nicht rührten, gab ich auf und schlurfte zur Garderobe. Im Esszimmer begann Mama, mit gedämpfter Stimme auf Dad einzureden. Verstehen konnte ich nichts, doch die vielen Zischlaute und Dads Schweigen sprachen Bände.
Ich biss mir auf die Lippen. Wenn der Tag schon so anfing, würde es dauern, bis sie sich wieder einkriegten. Da wollte ich wirklich nicht dabei sein.
Herz aus Frangipani-BlütenDraußen schlug mir kühler Wind entgegen, und ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis zum Kinn hoch. In ein paar Wochen öffneten die Freibäder, es fragte sich nur, ob der Sommer dieses Jahr mitspielte. Viel zu spüren war davon nicht. Darüber täuschten auch Mamas Primeln auf den Eingangsstufen nicht hinweg.
Mein Mountainbike lehnte hinter dem Carport an der Wand, Dad hatte gestern Abend noch den Reifendruck überprüft. Ich stieg auf.
Aus dem Fenster drang Mamas Stimme: »Wie kannst du ihr so etwas versprechen, ohne dich vorher mit mir abzustimmen?«
Dads Antwort war zu leise, doch Mamas dafür umso lauter: »Das hat damit überhaupt nichts zu tun! Dann müsst ihr eben warten, bis mein Nachtdienst vorbei ist.«
Das lief gar nicht gut. Mama war viel zu sehr in Fahrt, um sich überreden zu lassen. Hoffentlich waren nicht alle Plätze längst vergeben, wenn Dad sie endlich so weit hatte.
Ich stöpselte meinen Discman ins Ohr und drehte auf. Viel zu schnell raste ich den Berg hinunter, am Krankenhaus vorbei. Nur gut, dass Mama mich nicht sehen konnte, ihre letzte Predigt über verantwortungsvolles Verhalten im Straßenverkehr hallte noch in meinen Ohren.
Fünf Minuten später klingelte ich an Michis Haustür. Hundegebell antwortete mir und die tiefe Stimme von Michis großem Bruder Chris: »Halt die Klappe, Töle.«
Mein Inneres zog sich zusammen.
»Halt selber die Klappe, Idiot!«, schimpfte eine Mädchenstimme, dann wurde die Haustür aufgerissen und Michi stand vor mir, dicht gefolgt von Zwergschnauzer Batman. Der Racker sprang sofort an mir hoch und versuchte, mein Gesicht abzulecken. Ich wehrte ihn lachend ab und Batman flitzte zurück ins Haus.
Michi grinste. »Hi, Süße, du kommst gerade richtig. Chris weiß wieder nicht, wohin mit seinem Testosteron. Mit etwas Glück bleibt ihm bei deinem Anblick das Herz stehen, und er fällt tot um.« Sie strich eine blonde Strähne hinters Ohr.
»Quatsch.« Ich fühlte, wie ich rot wurde. »Das ist doch längst vorbei.«
Michi grinste noch breiter. »Ja, klar, erzähl das deiner Oma.«
Sie zog mich Richtung Treppe. »Los komm, ich muss dir was zeigen.«
Batman folgte uns nach oben. In Michis Zimmer sprang er aufs Bett, rollte sich in einem Berg von Klamotten ein und legte den Kopf auf die Vorderpfoten. Ich setzte mich zu ihm und kraulte seine Ohren. Wie immer zog das Poster über Michis Bett meinen Blick an: Kinder am Strand, ein Eis in der Hand, Urlauberinnen im Bikini, im Hintergrund Surfer auf meterhohen Wellen.
Michi seufzte. »Das wäre ein Traum, was? Wirklich verdammt schade, dass dein Vater nie mit euch nach Hawaii fliegt. Ich würde alles dafür geben, mitzukommen.«
Ein Traum, ja. Einer, der sich nie erfüllen würde. Ich zuckte die Schultern. »Wenn er doch noch nicht mal darüber spricht.«
»Aber das verstehe ich nicht. Aylin verbringt jedes Jahr die kompletten Sommerferien in der Türkei. Warum könnt ihr denn nicht wenigstens ein Mal …?«
»Vergiss es!« Herz aus Frangipani-Blüten
Sie starrte mich an und ich schämte mich sofort. Wieso brauste ich so auf? Michi sprach ja nur aus, was ich selbst oft genug dachte. »Entschuldige.«
»Ach wo, schon gut. Du kannst ja nichts dafür. Trotzdem schade. Ich wette, wir kämen mit einer traumhaften Sonnenbräune zurück. Du sowieso.«
Sie neigte den Kopf zur Seite und schätzte mich schelmisch ab. »Du müsstest deine Haare immer offen tragen, dann sähst du aus wie eine Südseeprinzessin.«
»Red keinen Blödsinn.«
»Die Jungs lägen dir reihenweise zu Füßen, glaub mir.«
»Können wir bitte von was anderem reden?« Ich sprang auf und trat ans Fenster. Unten im Garten kniete Michis Mutter zwischen verwaisten Bohnenstecken und Mini-Tomatenstauden und rupfte energisch Unkraut aus der Erde. Auf der Terrasse erschien Chris, Mopedhelm über dem Ellenbogen, und rief ihr zu: »Ich bin weg!«
Frau Bender schaute auf und sagte irgendetwas, doch Chris hob nur vage die Hand. Er schlenderte zur Garage, seine Antwort konnte ich von meinem Beobachtungsplatz aus nicht hören. Frau Bender verzog das Gesicht und ging achselzuckend wieder an die Gartenarbeit.
Ich wandte mich vom Fenster ab. Verdammt, warum konnte ich ihn nicht einfach vergessen?
»Was wolltest du mir eigentlich zeigen?«
Michi hatte in ihrem Schrank gewühlt. Vorsichtig zog sie etwas Großes heraus. »Du wirst Augen machen!«
Triumphierend hielt sie mir einen quietschbunten Helm unter die Nase.
»Heißt das …?«
Michi kreischte und wirbelte mit dem Helm im Arm um ihre eigene Achse. »Ich krieg einen Motorroller! Ist das nicht der Wahn?«
»Du Glückspilz.« Für einen Moment fühlte ich einen Anflug von Neid, aber ich hatte gerade erst das Mountainbike bekommen, von dem ich monatelang geschwärmt hatte. »In Zukunft lasse ich mich am Berg von dir ziehen.«
Wir grinsten uns an. Dann stupste ich sie in die Seite. »Los komm, wir fahren rauf zur Burg.«
Michi hob die Augenbrauen. »Ich dachte, wir spielen Tischtennis bei euch? Überhaupt – was machst du eigentlich hier? Ich wollte gerade meine Schläger holen, als du geklingelt hast.«
In meinem Hals wurde es eng. »Das geht heute nicht. Dicke Luft.«
»Schon wieder?« Michi verzog das Gesicht und legte den Arm um mich. »Dann machen wir uns eben einen faulen Sonntag auf der Burg. Komm, ich geb eine Cola aus.«
Mit einem Schlenker machte sie kehrt und lief aus dem Zimmer. Batman sprang vom Bett. Kurz vor der Treppe überholte er sie und flitzte nach unten. Michi nahm immer zwei Stufen auf einmal, und wie so oft beneidete ich sie um ihre Unbekümmertheit.
Michis Mutter schaute auf, als wir in den Garten kamen. Mit dem Handrücken wischte sie sich eine helle Strähne aus der Stirn und hinterließ dabei eine Spur Erde im Gesicht. Batman raste auf sie zu, drängte mit dem Kopf gegen ihre Beine und bettelte um Streicheleinheiten.
»Hallo, Frau Bender.«
Frau Bender kraulte Batmans Ohren. »Hallo, Lela. Wollte Michaela heute nicht zu dir?«
»Nein Mama, wir haben uns anders entschieden. Wir fahren zur Burg.«
Batman wollte uns zur Straße folgen, aber Frau Bender hielt ihn am Halsband fest. »Aus! Du kannst nicht mit, verrückter Hund.«
Wir waren schon fast am Ende der Straße, da rief sie uns hinterher: »Kommt nicht so spät nach Hause!«
Michi rollte die Augen.

Herz aus Frangipani-Blüten

Wir fuhren den gleichen Weg zurück, den ich gekommen war, dieses Mal blieb das Krankenhaus links liegen. Ein ganz klein wenig plagte mich das Gewissen, ob ich nicht erst zuhause Bescheid sagen sollte, aber falls meine Eltern wissen wollten, wo ich steckte, konnten sie ja simsen.
An der steilsten Stelle musste ich wie immer auf Michi warten. »Eigentlich sollten wir tauschen: Ich bekomme den Roller und du trainierst Radfahren am Berg.«
Michi streckte mir die Zunge raus und grinste, zu einer Antwort fehlte ihr die Puste.
Schließlich schafften wir es doch ans Ziel. Zum Glück hatte der Kiosk geöffnet, Michi kaufte zwei Dosen Cola. Ein paar Jungs hockten um ihre Mopeds und rauchten. Im Vorbeigehen erkannte ich Nico, er wohnte ein paar Straßen weiter. Er nickte mir zu. »Hi, Lela.«
»Hallo.«
Michi zog mich fort. »Ich mag die Typen nicht. Die stinken hundert Meter gegen den Wind nach Ärger.«
Wir umrundeten den Ostturm und steuerten auf unseren üblichen Sitzplatz zwischen ein paar Bäumen zu. Michi ließ ihr Fahrrad einfach ins Gras fallen, ich stellte meins vorsichtig dazu.
»Nico ist okay, ich kenne ihn seit dem Kindergarten.«
»Das heißt doch nichts. Chris war auch okay, solange er noch mit Bauklötzen gespielt hat, und schau ihn dir heute an.«
Sie legte den Kopf schief und linste mich aus zusammengezogenen Augen an. »Andererseits …«
»Was?« Ich schob das Kinn vor. Schon seinen Namen zu hören, tat immer noch weh, aber ich würde es niemals zugeben. Chris im Garten, in seiner Mopedkluft, seine Stimme. Trotz aller Gegenwehr spürte ich die Röte in meine Wangen steigen.
Michi kannte mich einfach viel zu gut. »Vergiss den Blödmann. Wer mit Jana Hildebrandt in die Kiste springt, hat dich nicht verdient.«
Ich begann zu schwitzen. »Das weißt du doch gar nicht.«
»Die halbe Schule zerreißt sich das Maul darüber.«
Michi pfefferte ihren Rucksack auf den Boden und ließ sich darauf plumpsen. »Und Jana hat es nicht abgestritten.«
Was leider stimmte. Jana hatte lange versucht, sich an Chris ranzuschmeißen, bei der Klassenfahrt ins Ski-Landheim hatte sie offenbar zum letzten Mittel gegriffen. Und Chris … Ich biss die Zähne zusammen. Zu so etwas gehörten immer zwei. Er hätte sich ja nicht darauf einlassen müssen. Und wenn es ihm bloß um das Eine ging, konnte er mir sowieso gestohlen bleiben.
Missmutig betrachtete ich den klammen Erdboden. Sollte ich mich auf meine Jacke setzen? Was war übler? An den Armen frieren oder am Po? Wahrscheinlich bekäme ich eine Blasenentzündung.
Hinter mir knirschte es, mit einem metallischen Schnappen wurde ein Fahrradständer eingeklappt, und bevor ich mich umgedreht hatte, zog ein Kerl mit meinem Mountainbike an uns vorbei. »Hey! Was soll das?«
Michi sprang auf und lief hinterher. »Bleib stehen, du Vollidiot!«
Ich warf meine Tasche ins Gras, überholte Michi und sprintete hinter dem Dieb her, aber der wollte gar nicht abhauen. Er fuhr im Kreis um mich herum, lachte und quietschte in verschiedenen Oktaven. Ich stoppte.
Michi keuchte heran. »Der – ist – ja noch im Stimmbruch.«
»Nettes Teil. Vielleicht sollte ich mal ein paar Stunts ausprobieren.«
Michi schnaubte. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, bückte sie sich nach einem faustgroßen Stein und wog ihn in der Hand. »Halt an, du Affe, sonst hol ich dich runter.«
»Michi, bist du verrückt?!«
Ich wagte nicht, mir auszumalen, was passieren würde. Falls Michi traf, könnte sie ihn ernsthaft verletzen, falls nicht, hätten wir trotzdem seine Kumpels am Hals. Sie kamen schon bedrohlich näher. Am liebsten hätte ich mich zurückgezogen, aber ich konnte ihnen ja nicht gut mein Bike überlassen.
»Hör auf, Flocke, gib das Rad zurück.« Nico stellte sich dem Kerl in den Weg.
Flocke stoppte und spuckte auf den Boden. »Was ist los, hast du was mit der?«
»Halt die Klappe, gib das Bike her.«
Flocke stierte ihn an, stieß sich mit beiden Füßen ab und stieg aufs Hinterrad. Er machte einen Hüpfer und trat noch einmal richtig ins Pedal, bevor er mit einem Slide Stop vor mir zum Stehen kam.
»Hier, Süße, dein Spielzeug. Falls du mal Lust auf erwachsenere Spielchen hast …«
Michi wollte sich auf ihn stürzen, doch Nico schob sich dazwischen. »Lasst uns die Sache einfach vergessen. Nichts ist passiert, niemand muss beleidigt sein. Okay?«
Sie wollte etwas einwenden, aber ich kam ihr zuvor. »Okay.«
Die Jungs trollten sich, Michi schnaubte. »Wer war das denn?«
»Keine Ahnung. Lass uns abhauen.« Ich lief zurück zu unserem Platz, klaubte meine Tasche und Michis Fahrrad vom Boden auf, die leeren Dosen warf ich in den Abfall.
Michi wartete mit dem Mountainbike auf mich. »Wohin jetzt? Doch noch zu dir?«
»Besser nicht. Wie wäre es mit einem Eis? Für zwei Portionen reicht mein Geld gerade.«
»Das ist doch mal ein Wort.«

Bild: Young Beautiful Women

In der Eisdiele erreichte mich eine SMS von Mama. Ruf bitte an. Ich tippte auf unsere Nummer, aber das Display wurde schwarz. Kein Akku mehr.
»Michi, hast du dein Handy mit?«
Aber natürlich war ihre Karte schon wieder leer, alles andere hätte mich auch gewundert.
Nach Hause mochte ich noch nicht. Lieber wollte ich aus sicherer Entfernung hören, was Mama zu sagen hatte. Also beschlossen wir, zu Michi zu fahren, ihre Eltern hatten nichts dagegen, wenn ich von dort aus telefonierte.
Kaum hatte Michi die Haustür aufgeschlossen und Batmans Begrüßungskuss abgewehrt, kam uns Frau Bender im Flur entgegen. Sie hatte die Spuren der Gartenarbeit aus dem Gesicht gewaschen und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch.
»Gut, dass ihr da seid. Lela, deine Mutter hat angerufen, du sollst nach Hause kommen. Michaela, wasch dir die Hände und hilf mir beim Abendessen.«
Michi zog einen Flunsch. »Immer ich.«
Ihre Mutter hatte sich schon umgedreht und war auf dem Weg zur Küche.
Ich kaute auf meiner Unterlippe. Wenn Mama mich nach Hause beorderte, war sie wahrscheinlich noch sauer. »Ich geh dann wohl mal besser.«
»Kriegst du Ärger?«
»Na, gemütlich wird es wohl nicht.«
Michi umarmte mich und schob mich nach draußen. »Na los, bring es hinter dich. Ruf heute Abend an und erzähl mir, wie es gelaufen ist, ja?«
In der Tür stieß ich mit Herrn Bender zusammen.
»Hoppla. Hallo Lela, hallo Tochter. Halt den Hund von mir fern.« Den Rest verschluckte die ins Schloss fallende Tür. Ich hörte noch Batmans begeistertes Fiepen, Michis Rufe – »Aus! Lass Papa doch erst mal reinkommen!« – und Frau Benders Stimme, dann entfernten sie sich.
Es half nichts. Wenn ich eine Chance haben wollte, Mamas Zustimmung zum Kletterlager doch noch zu ergattern, musste ich jetzt zuhause gut Wetter machen.

Daheim war alles ruhig. Dads Auto stand in der Einfahrt, Mamas in der Garage. Das war ein gutes Zeichen, oder? Es sei denn, sie waren einander schon an den Kragen gegangen.
Ach, hör auf, so einen Quatsch solltest du nicht mal denken.
Mit gespitzten Ohren kramte ich den Hausschlüssel aus der Tasche. Erst im Flur hörte ich Mamas Stimme, leise und angespannt. Stritten sie etwa immer noch? Am liebsten hätte ich mich gleich auf mein Zimmer verdrückt, aber falls es um meine Ferien ging, musste ich herausfinden, wie es stand.
Doch im Wohnzimmer sah es nicht nach Streit aus. Im Gegenteil, sie saßen nebeneinander auf der Couch, Dad starrte mit hängenden Schultern vor sich hin, Mama hielt seine Hände. »… dann holst du es eben jetzt nach.«
»Hallo.« Unsicher betrachtete ich meine Eltern. War Dad traurig?
Mama blickte auf und winkte mich heran. »Hallo, Schatz. Tut mir leid, dass wir deine Verabredung mit Michi stören mussten. Dein Dad hat schlechte Neuigkeiten, und wir fanden, das geht auch dich etwas an.«
Hatte Mama sich also durchgesetzt, und ich durfte nicht zum Klettern? »Ach, Mensch. Ich hatte mich so darauf gefreut.«
Herz aus Frangipani-BlütenFür einen Moment sah sie verwirrt aus, dann glättete sich ihre Stirn. »Nein, ich spreche nicht von deiner Freizeit, das müssen wir ein anderes Mal klären. Dein Dad hatte einen Anruf aus den Staaten. Seinem Vater – deinem Großvater – geht es sehr schlecht. Wie es scheint, hat er nicht mehr viel Zeit, und dein Dad hat die Erlaubnis für unbezahlten Urlaub bekommen, um nach Hawaii zu fliegen.«
Sprachlos starrte ich Dad an. Nach Hawaii! Wahnsinn! Dann schämte ich mich. Auch wenn ich Opa Keli’i nie begegnet war, sollte er mir leidtun.
Dad fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Leilani sollte mitkommen.«
Mama neigte den Kopf zur Seite. »Ich dachte, du legtest keinen Wert auf Kontakt zu deiner Familie?«
»Schon … Aber vielleicht ist es die letzte Gelegenheit, ihren Großvater kennenzulernen. Sie sollte mitkommen.«
»Wann?« Es war ein bisschen viel für einen Tag. Heute Morgen der Streit, mittags das fast geklaute Bike und jetzt lag Tausende von Kilometern entfernt mein unbekannter Opa im Sterben.
»Morgen. Von Frankfurt über New York und Los Angeles dauert der Flug alles in allem etwa zwanzig Stunden.«
»Und die Schule? Die Ferien fangen erst nächste Woche an.«
»Wir lassen dich beurlauben.«
»Und was ist mit Mamas Arbeit? Kannst du einfach weg vom Krankenhaus?«
Mama wich meinem Blick aus. »Ich komme nicht mit. Ich habe Bereitschaft und OP-Termine, die ich unmöglich verschieben kann.«
»Doktor Kolb könnte für dich übernehmen.« Dad reckte das Kinn.
Blass schüttelte sie den Kopf. »Wir sind sowieso unterbelegt. Außerdem geht es ja nicht nur um ein paar Tage. Wer weiß, wann ihr zurück seid.«
Eine Weile sahen sie sich unverwandt an, dann nickte Dad und stand auf.
»Ich muss telefonieren. Seht zu, dass ihr Leilanis Gepäck zusammensucht. Und denkt an die Gewichtsbeschränkung.«

Fortsetzung folgt …


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1. Auflage
Copyright © 2014 by Sabine Schäfers
Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Stefanie Pappon
Motiv: tomas del amo – Fotolia.com
Lektorat & Korrektorat: Jan Schuld

ISBN-10: 1500865524
ISBN-13: 978-1500865528

 

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