Im Interview: Christa S. Lotz, Schriftstellerin

Eine meiner nettesten Begegnungen im Internet ist die mit der Autorin Christa S. Lotz. Seit vielen Jahren schon schreibt und bloggt sie unermüdlich und verliert dabei nicht das Wesentliche aus den Augen: das Leben. Ich freue mich sehr, dass sie bereit war, sich von mir interviewen zu lassen!

Christa S. Lotz wurde 1950 in Flensburg geboren. Heute lebt die Sozialpädagogin und Autorin am Rande des Schwarzwaldes. Ihr erster Roman Eduard Mörike – Ein Leben auf der Flucht erschien 2004 im Salzer Verlag.

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(c) Christa S. Lotz
Liebe Christa,

schön, dass ich dir heute ein paar Fragen stellen darf, ich bin schon recht neugierig.

Dein Romandebüt, das 2004 erschien, behandelt das Leben Eduard Mörikes, dein nächster Roman den dreißigjährigen Krieg. Seither tastest du dich in der Zeit rückwärts, wie mir scheint. Was fasziniert dich an der frühen Neuzeit?

Man nennt das ja „Epochenspringen“, soweit ich gehört habe. Allein drei meiner Romane spielen im 16. Jahrhundert, einer Ende des 15. Es waren vor allem die Ereignisse und Themen dieser Epoche, die mich stark angesprochen haben – die Umwälzungen in der Kirche, das neue Welt- und Menschenbild, der Humanismus und die Neuerungen in Wissenschaft und Philosophie. Gestalten wie Luther oder der florentinische Prior Savonarola haben mich schon lange fasziniert. Dazu die Relikte aus dem Mittelalter, die sich in dieser Zeit des Aufbruchs fortsetzten – Hexenverfolgungen und Teufelswahn, um nur mal zwei zu nennen. Noch weiter zurück wollte ich nie gehen, obwohl „Mittelalter“ sich in den letzten Jahren großer Beliebtheit erfreut hat und immer noch allgegenwärtig ist. Nachdem ich mich bis ins Jahr 1497 „zurückgetastet“ habe, ging es wieder vorwärts – über das 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Aber auch das lange, spannende 19. Jahrhundert hat für mich nichts von seinem Reiz eingebüßt.

Du schreibst auch Kriminalromane, wiederum in deiner bevorzugten Epoche, ein historischer Krimi also. Spielst du als Autorin gerne mal mit Genregrenzen?

Der historische Krimi gilt als eine Untergattung des historischen Romans und des Kriminalromans. Ich lese selber gerne spannende Romane, Krimis, historische und solche aus der Jetztzeit. Ich spiele also eigentlich nicht mit Genregrenzen, würde zum Beispiel niemals einen historischen Roman mit Fantasy mischen. Einen Drachen oder einen Riesen auftauchen zu sehen würde mich irritieren.

Der Historische Roman ist deine schriftstellerische Heimat. Hast du je einen Reiz verspürt, Ausflüge in ganz andere Genres zu unternehmen?

Ja, schon nach dem ersten Roman hatte ich Lust, mal einen Krimi oder Psychothriller zu schreiben. Bin aber nie über Exposés oder hundert Seiten hinausgekommen, weil die Verlage immer gern weitere historische Romane von mir haben wollten. Erst vor anderthalb Jahren konnte ich die Idee eines Schwarzwaldkrimis umsetzen, der jetzt zur Begutachtung beim Verlag liegt. Das mit der schriftstellerischen Heimat stimmt aber insofern, als mich historische Dinge schon seit Langem faszinieren. Auf die Idee, meine ersten beiden historischen Romane zu schreiben, kam ich durch ein Buch von Peter Lahnstein: „Schwäbisches Leben in alter Zeit. Ein Kapitel deutscher Kulturgeschichte (1580 – 1800)“. Ich wollte wissen, wie die Menschen früher gelebt haben, was sie zum Frühstück aßen und wie sich ihr Alltag gestaltete. Zusammen mit den Wanderungen und Ausflügen, die ich zusammen mit meinem Partner überall in Baden-Württemberg unternahm, nach vielen Recherchen und dem Lesen von einschlägiger Literatur entstand so mein erster biografischer Roman.

[Update, 11.06.2014: Das eBook ist inzwischen bei Amazon erhältlich, dazu nebenstehendes Bild anklicken]
Dieser Tage erscheint dein Historischer Krimi »Teufelswerk« als von dir selbst herausgebrachtes eBook. Auf deinem Blog hast du über die Vorüberlegungen und Vorbereitungen berichtet. Fühlt es sich für dich anders an als die Veröffentlichungen bei einem Publikumsverlag?

Ja, das fühlt sich völlig anders an. Bei einem Publikumsverlag ist die Vorlaufzeit wesentlich länger. Meist verging einige Zeit, bis das Buch angenommen, dann Monate, bis es lektoriert und oft mehr als ein Jahr, bis das Buch veröffentlicht war. Einerseits ist beim Self Publishing eine Freiheit da, die ich vorher nicht gekannt habe. Dass man Cover, Klappentext und Zeitpunkt der Veröffentlichung selber bestimmen kann. Allerdings merkte ich, schon bei der Motivsuche für das Cover, wie viel Arbeit darin steckt. Und das schätze ich auch an der Arbeit mit Verlagen, einschließlich der Mittel, mit denen sie die Bücher in die Buchhandlungen bringen. Das Buch nicht in der Buchhandlung sehen zu können ist auch das einzige, was ich beim Self Publishing vermissen werde. Der Roman „Teufelswerk“ ist ja schon einmal als Print erschienen, unter dem Namen „Das Vermächtnis des Bischofs“. So hatte ich ein Buch, das zumindest schon einmal lektoriert und korrektoriert worden ist. Bei weiteren Projekten dieser Art müsste ich mich um all das selber kümmern.

Arbeitest du inzwischen an einem neuen Roman? Kannst du uns darüber schon etwas erzählen?

Wie erwähnt, habe ich letztes Jahr einen Krimi namens „Martinsmorde“ fertig geschrieben, der in der Jetztzeit – und im Schwarzwald spielt. Den würde ich gern bei einem Verlag unterbringen, zumal es ein Genrewechsel ist, der grundsätzlich nicht einfach ist. Er ist insofern mit meinen historischen Romanen „verwandt“, als er ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit behandelt. Dann gab es ein Projekt, das mein damaliger Agent für nicht vermittelbar hielt, weil es im 18. Jahrhundert angesiedelt war. Davon habe ich inzwischen etwa 120 Seiten geschrieben. Doch es hat noch nicht die Form, die ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Eine Figur musste ich eliminieren und habe sie durch eine andere ersetzt, weil das Ganze nicht stimmig war. Dann muss sich diese Geschichte endgültig entscheiden, ob sie ein historischer Roman oder ein historischer Krimi werden soll. Im Moment habe ich sie zur Seite gelegt und mache eine Schreibpause. Eigentlich wollte ich nämlich eine Zeit lang keine historischen Stoffe mehr bearbeiten. Da war doch mal was mit einem Psychothriller?

Wie beginnt dein Schreibtag?

Wenn ich schreibe (und das habe ich in den letzten vierzehn Jahren fast ununterbrochen getan), dann setze ich mich nach dem Frühstück an den PC, rufe Mails auf, beantworte sie, checke die Blogs von Autorenkollegen sowie mein Autorenforum, surfe ein wenig, recherchiere und schaue ab und zu bei Facebook rein. Dann mache ich da weiter, wo ich am Vortag aufgehört habe. Wenn ich nicht schreibe, also ein Lektorat durchziehe, überarbeite oder Pause mache, läuft es morgens ähnlich ab. Meine Brötchen verdiene ich nicht mit dem Schreiben, sondern mit meinem sozialen Beruf, da arrangiere ich das Schreiben darum herum, vormittags, am späten Abend und am Wochenende.

Wo arbeitest du am liebsten? In einer stillen Stube? Im Café? In den Bergen? Am Meer? Auf einer Wiese am See?

Früher habe ich viel auf einer Wiese am See oder sogar im Freibad geschrieben, ebenso in Cafés. Auch mit der Hand, um nicht immer in diesen Kasten schauen zu müssen. Inzwischen schreibe ich fast ausschließlich am PC, weil die Übertragung des Handschriftlichen zu mühsam ist. Aber arbeiten heißt ja auch, Bilder und Geschichten im Kopf zu entwickeln. Das kann ich in der stillen Stube, beim Wandern und Autofahren, in den Bergen und am Meer.

Du bist dem Schwarzwald sehr verbunden. Ziehst du daraus deine Inspiration?

Diese Frage ist für mich sehr interessant! Meine ursprünglichen Inspirationen für Kurzgeschichten habe ich sozusagen aus allem gezogen, was am Wegrand lag, vom Zeitungsartikel hin zu Büchern und eigenen Erlebnissen. Die Inspiration zum ersten Roman hatte ich auf der Schwäbischen Alb, auf der wir viel unterwegs sind. Wenn ich meine sieben Romane überblicke, einschließlich des noch nicht veröffentlichten Krimis, spielen drei auf der Schwäbischen Alb, zwei in Venedig und Florenz und drei im Schwarzwald. Ja, diese Gegenden und ihre Geschichten inspirieren mich sehr!

Neben dem Schreiben von Romanen bloggst du auch ausgiebig. Wie kamst du dazu? Welche Bedeutung haben soziale Netzwerke für dich?

Seit ich schreibe und veröffentliche, haben soziale Netzwerke immer eine entscheidende Rolle gespielt. Anfangs war ich in einer Schreibwerkstatt, in der ich lernte, nicht nur Sachtexte wie bisher (ich schrieb davor Berichte für lokale Zeitungen), sondern auch „belletristische“ Texte zu verfassen. Durch die gegenseitige Textkritik habe ich sehr viel gelernt. Später kam ich dann zum Montsegur-Autorenforum, in dem ich seit acht Jahren Mitglied bin. Seit fast sechs Jahren, glaube ich, blogge ich fast ununterbrochen. Auch das hat mir, wie Facebook, einiges an Kontakten und gegenseitiger kollegialer Hilfe gebracht. Wie ich dazu kam? Ich wollte meine Gedanken zum Schreiben und zum Leben mit anderen teilen. Das ist für mich bis heute eine der effektivsten und am meisten zufriedenstellenden Aktivitäten im sozialen Netzwerk. Allerdings glaube ich, dass man sich mit zu vielen Netzaktivitäten verlieren und verzetteln kann. Deshalb ziehe ich auch immer wieder mal die Bremse. Außerdem habe ich festgestellt, dass soziale Netzwerke wenig zum Bekanntmachen eines Buches oder für die Verkäufe beitragen können. Sehr schnell kann man anderen mit der Werbung für die eigenen Bücher auf den Wecker gehen. Durch geschicktes Ausstreuen von Hintergrundinformationen wird eher das Interesse an der Autorin geweckt. Ab und zu versuche ich innezuhalten und mich zu fragen, welche Ziele ich mit meinem Schreiben verfolge. Ist es allein der Prozess des Schreibens, der mich reizt? Oder will ich, dass möglichst viele Menschen meine Bücher lesen? Mit dieser Strategie bin ich bisher recht gut gefahren.

Liebe Christa, ich freue mich sehr, dass du dir die Zeit hierfür genommen hast. Vielen Dank!

 

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