gelesen: SL Huang, Russell’s Attic

Warnung: Dieser Beitrag wird eine sehr subjektive, persönliche Rezension.

Im Schuber: SL Huang: Russell's Attic Band 1-3
SL Huang: Russell’s Attic 1-3 bei Amazon.de

Wenn ich darüber nachdenke, sollte das wohl eigentlich jede Rezension sein, also bedarf es dieser Erklärung wahrscheinlich gar nicht. Dennoch, sicher ist sicher: Falls du auf der Suche nach einem kurzen Leseeindruck bist oder gar nach einer literaturwissenschaftlichen Abhandlung, solltest du vielleicht besser woanders weitersuchen.

Überhaupt: Irgendetwas Literaturwissenschaftliches mache ich hier sowieso nie nicht — alles was ich in diesem Blog von mir gebe, stammt aus meinem höchsteigenen Gehirnkasten, ohne jeden Anspruch auf Exaktheit oder Allgemeingültigkeit, ne?

Falls es dich aber interessiert, warum mich diese Reihe als Leserin so fasziniert und als Autorin sogar antreibt, dann bist du hier richtig.

Russell’s Attic von SL Huang

Ich hatte das Glück, durch irgendeine Verlinkung auf irgendeiner Social Media-Plattform auf die Bücher aufmerksam zu werden, bzw. darauf, dass das gesamte Bundle — also der (virtuelle) Schuber — an jenem Tag für 99 Cent statt sonst 9,99 Euro zum Download angeboten war. Science-Fiction, Action UND Mathe in einem und das zu diesem Preis … das sind drei großartige Features in einem Paket. Was will ich mehr?!

Drei Bücher

  • ZERO SUM GAME: gute alte Action im ‚Superhuman trifft Super-Villain‘-Stil. Es geht um Misstrauen und ein Leben als Lonesome Rider, um Gehirnwäsche und Selbstbestimmheit.
  • HALF LIFE: die Science Fiction-Fraktion kommt hier noch mehr auf ihre Kosten mit Androiden und der Frage: Was macht uns menschlich? Was ist Freundschaft, wer ist Familie?
  • ROOT OF UNITY: Ich gestehe, obwohl ich die Hauptfigur Cas Russell trotz allem liebgewonnen hatte: Hier entwickelt sie sich zu einem echten A… zu einer Unsympathin. Thema dieses Buches könnte lauten: Die Psychologie des Bösen. Es geht hier noch stärker als in den bisherigen Bänden um Mathematik, aber das sollte dich nicht abschrecken. Du musst keine Kurven diskutieren, es reicht, wenn du metaphorisch gesprochen zwei und zwei zusammenzählen kannst, selbst wenn am Ende fünf rauskommt.

Die Personen

Und hier wird es so richtig interessant. SL Huang bedient sich keiner altbewährten Riege von Action-Helden. Und das hat seinen Grund: Huang hält nichts von Stereotypen und Vorurteilen. Bei dieser Art Handlung erwartet man einen Typen à la Blade, vielleicht einen Neo nebst Trinity und Morpheus oder eventuell einen Wolverine mit Storm und Charles Xavier. Aber nicht bei SL Huang. Titelfigur und Perspektivträgerin ist Cas Russell: eher kurz geraten, eher nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechend, Afro-Amerikanerin. Sie flucht — viel! — sie prügelt sich — oft! — sie ist verdammt gut in Mathe. Beängstigend gut. Übermenschlich gut. Warum, wissen weder sie noch der Leser. Fürs Erste.

Dann ist da der Asiate Rio — groß, schweigsam, der einzige Mensch, dem Cas vertraut: einem erklärtermaßen soziopathischen, emotionslosen Killer, der im selbsterteilten Auftrag des Herrn böse Menschen umbringt … nun — nach einer Weile. Zum Glück erspart SL Huang uns die Details weitgehend.

Aber der Mensch ist auf Dauer keine Insel, weshalb nach und nach weitere Personen dazukommen:

Arthur Tresting war Cop und arbeitet seit einiger Zeit als Privatermittler. Er ist groß, sehr dunkelhäutiger Afro-Amerikaner, ein Mann von Prinzipien und starkem Rechtsbewusstsein. Mit Cas‘ Methoden ist er mehr als nur unzufrieden, aber sogar in ihr sieht er etwas Gutes.

Der Checker tut genau das, was sein Name schon sagt: er checkt für Arthur im weltweiten Netz Fakten, Daten und auch das, was andere gerne verborgen wüssten, die IT checkt er eben wie kaum ein anderer. Und dann checkt er auch gerne Frauen ab, meistens mit Erfolg. Außeneinsätze sind allerdings weniger sein Ding, aus dem Rollstuhl heraus gestaltet sich das manchmal schwierig. Schwierig, aber nicht unmöglich, und zur Not dient ihm der Rollstuhl auch mal als Fluchtgefährt — samt Passagier.

Die Handlung

Figuren, Ausgangslage und Setting fügen sich zu einem spannenden, spaßigen, mitreißenden Leseerlebnis zusammen. SL Huang lässt es mitnichten damit bewenden, uns in eine Actionszene nach der anderen zu schicken. Die Figuren sind dreidimensional und hintergründig, Huang lässt sich allerdings Zeit, sie uns in all ihren Facetten zu offenbaren. Etwas anderes erwarte ich mir aber auch nicht bei dieser Riege von beschädigten Helden, in einem Geschäft, bei dem Geheimhaltung Programm ist. Alles andere wäre unglaubhaft. Aber keine Angst: Action gibt es reichlich und bildgewaltig, der Handlungsverlauf spielt gekonnt mit den Erwartungen des Lesers. Fast beiläufig schleichen sich Fragen ein wie: Was ist Bewusstsein? Was macht uns menschlich? Was ist gut, was ist böse? Was macht Menschen böse? Rechtfertigt das Ziel jemals die Mittel? Kommt das Wohlbefinden des Einzelnen vor dem der Gemeinschaft? Soll man Kontrolle behalten oder abgeben? Ist sie nur Illusion? Und viele andere Fragen, die Huang nicht versehentlich aufwirft, sondern bewusst einwebt in rasante Action. Überlegungen, denen ich nachgehe, während ich hervorragend unterhalten werde.

Die Sprache

Nun ja, die ist deftig. Cas Russell flucht gerne und einfallsreich höchstens insofern, als ich erstaunt zur Kenntnis nehme, auf wie viele unterschiedliche Arten man das F-Wort in einem Satz aneinanderreihen kann. Das ist authentisch und auf eigenwillige Weise amüsant. Aber wer sich daran stört, sollte definitiv einen Bogen um die Reihe machen. Kein Quatsch. Ich hab dich gewarnt.

Abgesehen davon schreibt Huang flüssig, wortgewandt und bildhaft, Sprache und Grammatik sind einwandfrei. Qualität hängt eben nicht von einem Verlagslabel ab. (Entschuldigung, das musste sein, Herr Bremer.)

Der Autor

Tja. Mann oder Frau? Ich weiß es nicht. Ich tippe auf Frau, aber vielleicht ist es auch ein Mann, der — getreu seiner Devise, keinen stereotypen Vorurteilen aufsitzen zu wollen — eine Frau schreibt, die kein Püppchen ist und keine Femme Fatale. Eines ist sicher: SL Huang kommt aus der Mathematik und beschäftigt sich gerne mit Fragen der Physik, wobei Letztere nach Huangs Ansicht auch nichts anderes ist als Mathe.

„I’ve said before that I reduce all physics to doing math.“

SL Huang, The Theoretical Minimum, Lecture 1, The Nature of Classical Physics

Persönlich ist mir Huangs Stil mehr als sympathisch. Da geht jemand hin und verbindet Mathe mit Action und Philosophie und das auf denkbar spaßige Weise und fragt niemanden um Erlaubnis. Sind nicht SF und Action der Inbegriff von Trivialliteratur? Oder darf man das, wenn es um Mathematik geht, um Wissenschaft?

Werden SF und Action zu Literatur, die „man lesen darf“ durch etwas, das per definitionem nicht trivial ist — wie höhere Mathematik?

Malte Bremer mokiert sich in seinem oben verlinkten Beitrag auf Literaturcafe.de über Selfpublisher:

„Shortlist des Kindle Storyteller Award 2016: Hurra, wir verblöden?“

— Malte Bremer, literaturcafe.de

Sicherheitshalber fügt er ein Fragezeichen an, allzu weit will er sich dann wohl doch nicht aus dem Fenster lehnen. Nun kann man von solchen Wettbewerben halten was man mag, von Intransparenz bei der Preisvergabe oder Zusammensetzung der Jury. Auf den Punkt gebracht hält Bremer die ganze Szene jedenfalls für mindestens überflüssig:

„Nachwievor hat Self-Publishing den Ruf, dass dort nicht unbedingt die hochwertigsten Werke zu finden sind. Doch wenn die fünf Titel der Shortlist die fünf besten und bei den Lesern beliebtesten sind, so festigt der Wettbewerb leider das negative Image des Self-Publishing.“

— Malte Bremer, wie oben

Auch hier hält Bremer sich bedeckt und lässt sich ein Hintertürchen offen: Hat er doch nie behauptet, alles sei schlecht …

Dabei geht es genau an diesem Punkt ums Eingemachte: Welcher andere Weg steht Autoren zur Verfügung, die Bücher schreiben wollen, bei denen Verlage abwinken, weil sie keinen Massenmarkt bedienen? Und ist das allein nicht schon ein Widerspruch in sich? Das Buch soll massentauglich sein, aber es soll nicht „gewöhnlich“ sein. Es soll zeitgenössisch relevant sein – aber auf gar keinen Fall über den selbst erlebten Horizont hinausgehen. Bücher aus USA sind hip, aber im eigenen Land darf man „sowas“ auf gar keinen Fall schreiben, weil es angeblich „niemand“ liest.

Und daraus folgt direkt das (vorläufige?) Fazit:

Leider gibt es SL Huangs Bücher „nur“ auf englisch. Mein Glück: Ich komme gut genug mit der Sprache zurecht, und mit ein bisschen Hilfe von meinem Freund, dem im Reader integrierten Wörterbuch, schließe ich auch verbleibende Lücken elegant. Ich würde mir aber wünschen, es gäbe die Bücher auf deutsch. Weil sie genau in mein Beuteschema fallen: Action und Abenteuer, ohne allzu eklige drastische Beschreibungen, hintergründig und im besten Sinne des Wortes nerdy! Allerdings ahne ich, warum sie nicht übersetzt werden: Der Autor ist Selfpublisher und sein Markt wahrscheinlich einfach nicht groß genug, um die Kosten einzuspielen. (Obwohl ich versucht bin, mich als Übersetzerin zur Verfügung zu stellen!)

Und wenn ein Buch, beziehungsweise eine Reihe schon im US-Markt nicht die Schallmauern durchbricht, wie soll man dann im deutschen, von Sicherheitsdenken und Gewinnerwartungen geleiteten Literaturgeschäft erwarten, Bücher mit ähnlichen Leitlinien (Action&Abenteuer, hintergründig, nerdy!) könnten nur einen Fuß auf den Boden kriegen? Sei’s drum: SL Huangs Reihe um die notorisch dickköpfige, unangepasste Cas Russell ist ein Lesevergnügen und bestärkt mich als Schriftstellerin darüberhinaus, genau meinen Weg zu beschreiten. Wenn nicht ich, wenn nicht jetzt, wer dann?

Russell’s Attic — SF-Actionreißer mit Nerdfaktor — ist jetzt und hier für mich genau das richtige Buch zur rechten Zeit. Wenn du dich nur ein bisschen in meinen Gedankengängen wiederfindest, solltest du unbedingt einen oder mehrere Blicke riskieren.

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