Gelesen: Henrike Curdt, Liebe und andere Projekte

»Keine Frage, irgendwann wird Illy groß rauskommen. Auch wenn die bisherige Bilanz ihrer schrägen Ideen eher ernüchternd ausfällt. Mit ihrem Horror-Kasperltheater ist sie ebenso baden gegangen wie mit ihrer »Ugly Escort«-Partybegleitagentur oder ihrem Alibi-Service.
Aber jetzt hat Illy eine todsichere Erfolgsidee: Mold, ein Computerspiel um einen größenwahnsinnigen Schimmelpilz, der nach der Weltherrschaft strebt. Mit dem verkappten Künstlergenie Neo und dem nerdigen Informatikstudenten Geier an ihrer Seite glaubt Illy, für alle Schwierigkeiten gewappnet zu sein. Aber dann passiert die Sache mit dem Schokopudding, und plötzlich fahren ihre Gefühle Achterbahn …«

Anfang 2014 bei Ueberreuter erschienen (die mir diese »teilweise Wiedergabe« des Buches hoffentlich verzeihen), stand der witzige Studentenroman von Henrike Curdt schon eine Weile ganz oben auf meiner »zu Rezensieren«-Liste. Meinem SzRB, sozusagen. Ich schweife gerade in Gedanken ab, aber mich befällt der Verdacht, das könnte Illy auch passieren. Andererseits ist Illy, unsere Heldin, durchaus zielstrebig, sobald sie sich etwas einmal in den Kopf gesetzt hat. Wie zum Beispiel ihre Idee mit dem Computerspiel.

Um ein solches zu entwickeln, lässt sie sich auch nicht von Nebensächlichkeiten wie einem untreuen Freund ablenken. Neo hat sie sowieso nicht verdient und der Verlust ist bei näherem Hingucken leicht zu verschmerzen. Seltsamerweise sehen alle in Illys Umgebung das vollkommen anders. Sogar ihre unerträgliche große Schwester Kat und auch Neos Mitbewohner mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen Geier, die unbeirrbar gutmütigen Zwillinge Olli und Sven und natürlich all die hübschen Mädchen, die Neo für die vielen Bedürfnisse des Alltags ausnutzt.

Da bin ich also auch schon mittendrin: Der Roman lebt von den in all ihrer Absurdität absolut realistischen Szenen und von Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und bis auf die letzte Nebenfigur dennoch wie aus dem Leben gegriffen. Ich könnte schwören, Henrike Curdt hat in meiner Vergangenheit geschnüffelt und einige meiner alten Bekannten interviewt. Ansonsten ist nicht zu erklären, woher sie Neo und sogar Geier kennt. Ich wünschte, ich hätte »meinen« Neo seinerzeit ebenso elegant ausmanövriert, wie Illy das gelingt, die den Spieß einfach umdreht und Neo für ihre Pläne einspannt. Eine gewisse angenehm kitzelnde Schadenfreude will ich nicht verhehlen 😉

Überhaupt zeichnet eines Illy vor allen anderen Charakterzügen aus: ihre Findigkeit. Als Tochter aus »gutem«, wenn auch zerrüttetem Haus ist sie gewohnt, auf sich selbst aufzupassen und nicht lange zu fragen, wenn sie etwas Neues plant. Das würde sowieso nur zu Widerstand führen und den umgeht Illy mit allen Mitteln. Und eigentlich – die Betonung liegt auf eigentlich – fährt sie damit wunderbar. Denn allen ihrer ausgefallenen Geschäftsideen ist eines gemeinsam: Sie kommen bei den Kunden prima an. Dummerweise gibt es immer irgendeine »Autorität«, der irgendetwas daran nicht passt, und die Illys Arbeit zunichtemacht.

Um ihre neue Idee nicht zu gefährden, hüllt sie sich folglich ihrer Schwester und dem in China weilenden Vater gegenüber in Schweigen und nimmt in Kauf, finanziell absolut auf sich selbst gestellt zu sein. Was im Klartext heißt: Sie ist pleite. Das ist Neo auch, und den in jeder Hinsicht überaus korrekten Ordnungsfanatiker Geier um Geld anzupumpen, kommt nicht in Frage. Also muss ein Job her. Wie sich das anlässt, warum Geier dann doch noch eine Hilfe ist und sogar all die Marshmallow-Blondinen an Neos Fersen, liest sich auf 288 Taschenbuchseiten überaus spaßig und flüssig.

Liebe und andere Projekte ist Henrike Curdts zweiter Roman, aber nicht ihre erste Veröffentlichung. Zahlreiche Kurzgeschichten von ihr sind in Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen. Ihr mitreißender Schreibstil, ihr scharfer Blick für Details und die schlafwandlerische Sicherheit im Umgang mit der Sprache machen jede ihrer Geschichten zum Lesegenuss. Absolute Empfehlung!

So, und jetzt muss ich meinen Kühlschrank auf zweifelhafte Lebensmittel untersuchen und nochmal gründlich putzen. Man weiß ja nie …!

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