gelesen: Helmut Pöll – Die Elefanten meines Bruders

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(c) Helmut Pöll

Helmut Pöll kenne ich seit rund einem Jahr, als ich auf das von ihm gegründete (und aufs Vorbildlichste gepflegte) Leser-Portal watchaReadin aufmerksam wurde. Von Anfang an hat mich der Titel seines ersten Romans, Die Elefanten meines Bruders, fasziniert, und die Leseprobe fing mich sofort ein. Während meiner Athen-Reise vor zwei Wochen fand ich endlich Gelegenheit, den Roman ganz zu lesen. Nun ist so eine Städtereise naturgemäß vollgepackt mit Unternehmungen, ich kann aber an dieser Stelle verraten, dass ich jede Gelegenheit nutzte, ein paar Seiten weiterzulesen. Die Elefanten meines Bruders ist nun kein spannungsgeladener Thriller, dennoch entfaltet die Geschichte vom ersten Moment an einen Sog, dem ich mich gar nicht entziehen wollte.

Protagonist ist der fast zwölfjährige Billy Hoffmann. Mit sechs Jahren erlebte er mit, wie sein damals großer Bruder, der heute sein kleiner wäre, auf dem Weg zum gemeinsamen Zirkusbesuch von einem Autobus überfahren wurde. Als Leserin erfahre ich nicht, ob dies der alleinige Auslöser für Billys … Schwierigkeiten … war, aber das Erlebnis prägt ihn tief und beschäftigt ihn in Gedanken pausenlos auch Jahre später. Nun könnte man fürchten, ein Roman über ein Kind mit ausgeprägtem ADHS, stark neurotischen Zügen und gravierendem psychischem Trauma wäre schwere, kaum verdauliche Kost. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich habe selten so viel bei einem Roman gelacht. Billy, der seinen Namen hasst und  seinen Eltern dafür vermutlich nur vergibt, weil sie im Grunde ganz in Ordnung sind, ist ein quirliger, in seinem Ideenreichtum und Unternehmungsgeist kaum zu bremsender Sonnenschein. Nehmen Anspannung und Überforderung überhand — was häufig vorkommt — dann löst er das auf unnachahmliche Weise, die ich hier nicht vorwegnehmen will 😉

Für seine Umgebung ist das nicht eben stressfrei, außer für Mona, Billys beste Freundin, der Billys Gedankenwelt jederzeit einleuchtet. Vor denjenigen Erwachsenen, die mit bewundernswertem Engagement und Fantasie auf Billys mittlere und größere Turbulenzen eingehen, ziehe ich meinen Hut. Der Roman ist durchgehend aus Billys Perspektive geschrieben. Von Anfang an werde ich als Leserin mit all seinem Adrenalin, seinen wilden Assoziationen und Schlussfolgerungen überschüttet, mitgerissen und aufgeputscht, bis ich wie er das dringende Bedürfnis nach einem Ventil habe. Billy macht das dann auf seine Weise, ich lasse eben mal das Buch sinken, denke mir: das gibts doch wohl alles gar nicht, und muss dann aber doch weiterlesen. denn genau wie Billy MUSS ich einfach wissen, was es mit allem auf sich hat. Ich MUSS.

Bei aller lockeren, bisweilen im besten Sinne komödiantischen Unterhaltung schwingt aber doch in jedem Abschnitt immer wieder das Trauma des Unfalls mit. Das ist es, was Billy nicht loslässt, worum seine Gedanken kreisen, wofür er einfach keine Lösung findet. Und bei aller Trauerarbeit, die ein ADHS-Kind so leisten kann, muss diese tiefe Verletzung sich irgendwann doch Bahn brechen. Es kommt wie es kommen muss, Billy erlebt seine Krise. Als erwachsene Leserin mit Beschützerinstinkt ist das für mich dann nur schwer erträglich. Andererseits enthält jede Krise die Chance auf Heilung und so besteht vielleicht auch für Billy Hoffnung …

Ich möchte diese Buch jedem ans Herz legen, der Kinder hat, mit Kindern arbeitet oder an seine eigene Kindheit noch lebhafte Erinnerungen hat. Und auch allen, die sich kaum erinnern können, denn vielleicht haben sie es am dringendsten nötig, sich auf das Innenleben eines in all seiner Besonderheit liebenswerten Jungen einzulassen. ‚Normal‘ sein heißt, durchschnittlich zu sein. Aber Durchschnitt schafft keine neuen Entdeckungen, stellt keine Herausforderungen, die es zu überwinden gilt und an denen wir alle wachsen.

Kinder mit ADHS sind anstrengend — nach dieser Lektüre kann ich erst erfassen, wie anstrengend. Mit ihnen zu leben, stellt höchste Anforderungen an die verantwortlichen Erwachsenen. Die sie alleine nicht bewältigen können. Deshalb ist es wichtig, ihr Engagement anzuerkennen und Hilfe zu leisten, wo nötig. Aber bei all dem darf man nie vergessen, dass diese Kinder keine Last sind, sondern eine Bereicherung. Eine, für die wir lethargischen Erwachsenen uns rüsten müssen und können, wenn wir nur wollen.

Absolute Leseempfehlung!

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