Eine Frage der Perspektive

Seit vier Tagen, fast fünf, laufe ich herum in einer Welt aus Watte und Grauschlieren. Ein bisschen betäubt, ein bisschen gelähmt, ein bisschen sprachlos. Aber das lässt nach.

Der Anschlag auf Charlie Hebdo, die Geiselnahme in einem Pariser Supermarkt, jetzt der Brandsatz bei der Morgenpost in Hamburg. Ob letzterer „dazugehört“, sei noch nicht geklärt, so liest man. Wenigstens wurden in Hamburg keine Menschen verletzt.

Die Toten in Paris liegen mir auf der Seele. Wie schon all die vielen Menschen vorher, überall auf der Welt, die Opfer wurden einer fanatischen Raserei, die ich nicht verstehe. Woher kommt dieser Hass auf alles, das anders ist?

Es ist eine Frage der Empathie. Empathie ist im besten Falle Mitgefühl, wenigstens jedoch die Fähigkeit, zu ahnen, wie jemand empfindet. Ist es möglich, dass diese Fähigkeit in all diesen Attentätern so vollkommen fehlt? Sind sie also wahrhaftig unempfänglich für Appelle an Vernunft, Mitgefühl, Menschlichkeit? Heißt das, es wird immer so weitergehen?

Die letzten Tage haben auch viele spontanen Solidaritätsbekundungen hervorgerufen. #JeSuisCharlie, #JeSuisFlic, #JeSuisAhmed. Das IST Empathie, wortwörtlich. Das tut gut. Aber dann wird das auch schon wieder debattiert. ‚Nein, mit denen darf man sich doch nicht solidarisieren, weil, weil …‘

Ja, warum denn eigentlich?

Ich bin der Meinung, dass jeder mit seiner Überzeugung von keinem Gott, einem Gott, zwei Göttern oder vielen Göttern oder mit seinen Zweifeln daran glücklich sein soll. Das einzige, wogegen ich etwas habe, sind engstirnige, eindimensionale, unterdrückerische Machoismen – übrigens auch von Frauen und von Gender-Unentschiedenen. Mir aber mein Mitgefühl ausreden zu wollen, erscheint mir als der Gipfel der Engstirnigkeit.

Bei #JeSuisJuif hört für viele der Spaß auf, das weiß ich. Bei mir fängt er da erst an.

#JeSuisCharlie, #JeSuisFlic, #JeSuisAhmed, #JeSuisJuif.

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