Die Arroganz der alten Männer

Oder: Früher war alles besser

Da, jetzt ist es schon wieder passiert. Ich habe mich mit einer Autorität angelegt, obwohl ich es hätte besser wissen müssen.  Noch dazu einer literarischen Autorität. Noch dazu einem Verleger. Au, verdammt.

Worum geht’s? Um Literatur. Um klassische Literatur. Und ums Schreiben lernen. Ums Kurzgeschichten-schreiben lernen, insbesondere SF-Kurzgeschichten.

Angefangen hat das Gespräch ganz harmlos, dann kam mir folgender Satz entgegen:

„Im übrigen finde ich auch, daß Leute, die es in vier Wochen nicht fertig bringen, einige Klassiker im Gesamtumfang von vielleicht 60 Seiten mit
Gewinn zu lesen, einfach nicht das Zeug zum Autor haben.“

Wer jetzt gerade wie ich ein Déjà-vu hat: Stimmt, der amerikanische SF-Autor Chuck Wendig hat jüngst zum Thema „ernsthafte Autoren müssen ernsthafte Literatur lesen“ einen unnachahmlichen Rant abgeliefert.

Nun muss ich mich aber noch mehr auf Glatteis begeben. Denn einerseits stammt das Zitat, sowie einige folgende aus einem privaten Mail-Wechsel. Man könnte daher sagen, es ist nicht die feine englische Art, darüber zu bloggen. Andererseits geht diese Angelegenheit an die Substanz meines Selbstverständnisses als Autorin. Dazu gehört einmal, mir überhaupt eine eigene Meinung zu bilden, zum zweiten, diese Meinung schriftlich und für die Öffentlichkeit auszudrücken. Möglich ist das aber nur, wenn ich nicht um den heißen Brei rede, sondern Argumente und Gegenargumente offenlege. Ich gehe daher das Risiko ein, mich erst so richtig unbeliebt zu machen. Wie heißt es so schön? Ich kann nicht anders. Ich verkneife mir allerdings, hier öffentlich Namen zu nennen. Das erschiene mir unfein, und würde nichts an der grundlegenden Problematik ändern.

Setzen wir uns also mit obiger Aussage auseinander. Da findet ein Seminar statt, bei dem die Teilnehmer etwas zur Kunst des Schreibens von SF-Kurzgeschichten lernen sollen. Schön, da meldet autorin sich doch gerne an, schließlich lernt mensch nie aus. Wie das bei Seminaren so ist, gibt es auch Hausaufgaben. In diesem Falle sollen fünf ausgewählte Kurzgeschichten gelesen werden, ihres Zeichens Klassiker der Literaturgeschichte:

Edgar Allen Poe „The Man of the Crowd“ (1840, „Der Massenmensch“)
http://classiclit.about.com/library/bl-etexts/eapoe/bl-eapoe-man.htm

Herman Melville „Bartleby, the Scrivener“ (1853, „Bartleby, der Schreiber“)
http://www.bartleby.com/129/

Guy de Maupassant „The Necklace“ (1884, „Das Halsband“)
http://www.eastoftheweb.com/short-stories/UBooks/Neck.shtml

Ambrose Bierce „An Occurence at Old Creek Bridge“ (1891, „Die Brücke über den Eulenfluß“)
http://www.gutenberg.org/files/375/375-h/375-h.htm

Anton Cechov „The Man In a Case“ (1896, „Der Mensch im Futteral“)
http://www.online-literature.com/anton_chekhov/1289/

Unbestritten, als Kurs-Teilnehmer sollte man sich mit den Hausaufgaben befassen. Als Autor sollte man in der Lage sein, eine Leseaufgabe zu bewältigen. Aber muss man aus den zugewiesenen Texten auch notwendigerweise „Gewinn ziehen“?

Definieren wir, „Gewinn ziehen“: Für mich hört sich die Forderung an, als hätte nur der das Zeug zum Autor, der diese Klassiker zum Vergnügen liest. Ist das wirklich so gemeint?

„[..] wem selbst das Beste aus der Weltliteratur nicht gut genug ist, der macht sich offenbar überhaupt nichts aus Literatur und sollte sich mit etwas anderem beschäftigen. Alle fünf Autoren, die ich ausgewählt habe, gehören zu den anerkannt größten Kurzgeschichtenautoren der Weltliteratur. Wenn [sic] sich mit solchen Meistern nicht beschäftigen will, ist in der Literatur einfach fehl am Platze.“

Definieren wir „Literatur“: Ist nur das Literatur, was „der Weltliteratur“ folgt? Klingt nach E-Literatur vs. U-Literatur. Puh. Und ich dachte, von dieser Stigmatisierung bliebe ich wenigstens unter Genre-Autoren verschont. Pustekuchen.

Den fünf Geschichten ist eine weitschweifige Erzählweise und zum Teil auf geradezu barocke Weise üppige Sprache gemein. Muss man das mögen? Beides stellt geradezu das Gegenteil zu heutigen Lesevorlieben dar — UND zur modernen Schreib-Lehre: Fasse dich kurz, vermeide blumige Adjektive und so fort.

War früher also alles besser, schreiben wir heute nur noch Mist?

Ausgerechnet in der SF — der Speculative Fiction — hätte ich mir eine andere Sicht erhofft. Warnt nicht schon Hari Seldon — pardon, Isaac Asimov — vor den Folgen allzu rückwärtsgewandter Lehre?

„Es kursiert offenbar immer noch die Vorstellung, man könne SF schreiben, indem man nur SF liest und sich nur mit SF beschäftigt. Das wäre aber nur literarische Inzucht und hat mit richtigem Schreiben nichts zu tun. Jeder einigermaßen ernsthafte Autor braucht einen breiten Hintergrund an Anregungen und Kenntnissen, aus denen er schöpfen kann. Ich habe den Kurs ausdrücklich für Leute angeboten, die an das Schreiben von SF-Stories auf professionellem Niveau für Magazine und Anthologien herangeführt werden wollen. Das erfordert Einsatz und ist eben nichts für Weicheier und Faulenzer.

Ich kann mir die Sache eigentlich nur damit erklären, daß die Köpfe heutzutage von der Lektüre mieser amerikanischer Bestseller oder schauderhafter Blockbuster-Filme derart verkleistert sind, daß gar keine Ruhe und Aufmerksamkeit mehr für richtige Literatur vorhanden ist.“

Abgesehen von dieser engmaschigen Auslegung von „richtiger Literatur“ ärgere ich mich — ja, ich gebe es zu, ICH ÄRGERE MICH! — über die Forderung, man müsse die Klassiker aufmerksam studiert haben, um aus deren Anregungen und Kenntnissen zu schöpfen. Schön, man muss nicht jedes Mal das Rad neu erfinden.  Aber ich lasse mich doch nicht freiwillig auf das Fortführen von Althergebrachtem reduzieren! Ausgerechnet die SF lebt von Erfindungen und Entdeckungen, die heute noch nicht einmal Wirklichkeit sind, wie könnte da ein Altherrenclub, und seien es so furiose Autoren wie Poe oder distinguierte wie Maupassant, allgemeingültiger Maßstab sein?

Und reden wir nicht nur von Sprache, was ist mit Inhalten? Muss ich heute noch Spaß haben an Gedanken, an Erkenntnissen, die vor Generationen neu und revolutionär waren?

Ich halte auch wenig von dem Argument, man müsse die klassischen Geschichten genau kennen, um Wiederholungen zu vermeiden. Das hieße doch nichts anderes, als keine Dämonen-Geschichten mehr schreiben zu dürfen, denn da hat Dante schon sein Siegel drauf. Keine tragischen Liebesgeschichten mehr, weil Shakespeare dazu schon alles Relevante verfasst hat. Romane über Kinderbanden sind tabu, denn — seien wir ehrlich, — Dickens hat das Gebiet schon abgedeckt. Keine Roadmovies mehr, Mark Twain war vor uns da. Überhaupt: Nie wieder Familientragödien, steht alles schon in der Bibel!

Dieses Argument ist kompletter Quatsch. So, jetzt hab ich es gesagt.

Meiner Ansicht nach kann man sehr wohl originell und originär schreiben, ohne Goethe oder Schiller studiert zu haben. Man kann sogar gute SF schreiben, wenn man nichts anderes lesen mag. Denn, wer definiert denn „gut“? Niemand. Es liegt im Empfinden des Autors, der Leser und der Kritiker. Alle haben recht und alle liegen falsch, weil die Geschmäcker unterschiedlich sind. Die Lese- oder Schreibvorlieben eines anderen herabzusetzen heißt, den eigenen Geschmack darüber zu erheben. Und das ist die Definition von arrogant.

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