Himmelsmacht-Outtakes: Hiakona

Old motion picture film reel with film strip. Vintage backgroundOuttakes sind Film-Szenen, die zwar gedreht, später jedoch aus dem Film herausgeschnitten wurden. Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Sehr beliebt sind zum Beispiel lustige Patzer und Missgeschicke beim Dreh. Manchmal sind solche Szenen aber auch eigentlich gut gelungen, stören aber den dramaturgischen Ablauf der Handlung. Sei es, weil sie die Haupthandlung zu sehr aufblähen oder weil sie vom roten Faden abweichen.

Auch beim Überarbeiten eines Roman-Manuskripts fallen mitunter solchen Szenen an, von denen sich der Autor nur schwer trennen kann, ohne die der Roman aber insgesamt besser ist. Beim Überarbeiten von Himmelsmacht habe ich während der vergangenen sechs Jahre viel verändert. Die größte Änderung war sicherlich, die ursprüngliche Paranormal-Fantasy in einen Mystery-Thriller mit weit mehr Realitätsbezug umzuschreiben.

Im Lauf der Zeit habe ich ganze Szenen und sogar einige Kapitel herausgestrichen. Sie sind im Roman nicht enthalten, und für die Leser ist das, als seien sie nie geschrieben worden.

Es sei denn … ich stelle sie als Bonusmaterial hier auf meinem Blog zur Verfügung 😀

Beginnen will ich mit der Vorgeschichte einer Figur, die für die Handlung unabdingbar ist, die aber in der Endfassung dennoch weniger Entfaltungsraum erhalten hat, als er das selbst sicherlich für angemessen erachtet hätte: der Antagonist, Hiakona von Skotína.

Here goes!


1 – Schüler und Meister: Vom Wissen

 

Castello, Venedig, 1516 n.Chr.

 

In dieser Nacht würde selbst der Nebel brennen. Klamm und eisig, gleich einem Totenhemd, bedeckte er die Lagune, verwehrte den Blick auf leblose Kanäle und Palazzi und bleichte den Himmel. Heilig war nichts an diesem Weiß.
Im Schatten eines Torbogens verborgen, verharrte Hiakona regungslos neben Meister Jharob und verfolgte stumm das Spektakel, das sich kaum hundert Schritte vor ihnen abspielte.
Auf dem großen Platz, vor dem Palast des Patriarchen, wurde der Scheiterhaufen entzündet. Dort sollte sie also wirklich brennen, Meister Pietro Pomponazzis ›Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele‹. Pomponazzi hatte Verstand und Kalkül gegen Dogma gesetzt und verloren. Seine Lehre von der doppelten Wahrheit war an dieser Wahrheit gescheitert. Hiakona presste die Lippen aufeinander.
Meister Jharob seufzte.
Vor ihren Augen wurde die Schrift ins Feuer gestoßen. Flammen loderten auf, fraßen sich in die kostbaren Manuskripte, leckten nach dem Himmel. Undurchdringlicher Qualm und Aschefetzen stiegen auf. Menschen drängten sich darum, aufgeregt, kopflos, blökend und bellend.
An seinem Platz zu bleiben, kostete Hiakona mehr Selbstbeherrschung, als er zu besitzen geglaubt hätte. Lange schauten er und Meister Jharob zu, wie das Feuer die Papier gewordenen Gedanken aufzehrte. Als es zu Ende war, und nur noch die Glut blieb, wandten sie sich, noch immer schweigend, ab.

Der Tunnel zwischen den Welten war lang und verstärkte die Atemgeräusche. Mühsam unterdrückte Hiakona den Drang, Meister Jharob hier und jetzt zur Rede zu stellen. Kaum in dessen Arbeitszimmer angekommen, hielt er nicht mehr an sich.
»Warum habt Ihr das zugelassen, Meister? Wir hätten etwas tun müssen.«
Mit quälend langsamen Bewegungen schloss Meister Jharob hinter ihm die Tür. »Wie sagt Pomponazzi: ›Tu dir und deinem Nächsten Gutes, dem Lasterhaften wird das Laster selbst zur Plage.‹«
»Und deshalb dürfen die Lasterhaften tun, was sie wollen? Ich habe sie nicht leiden sehen.«
Meister Jharob rieb seine Augen. Er wirkte alt. »Du weißt, wir dürfen nicht offen eingreifen. Das Gleichgewicht würde gestört. Wir sind nur Beobachter.«
Hiakona hätte am liebsten etwas geschüttelt. »Was nutzt uns denn die Energetik, wenn wir sie nicht einsetzen dürfen, um zu helfen?«
Meister Jharob wiegte den grauen Kopf. »Auf der Erde? Nicht viel.«
»Aber wozu waren wir dann überhaupt dort?«
»Um zu beobachten, berichten und archivieren. Zum Nutzen unserer Kultur.« Mit der Hand beschrieb er einen Kreis, der ganz Iskios einzubeziehen schien.
»Aber was gibt es denn jetzt noch zu berichten?« Wütend wies Hiakona in Richtung des Fensters, hinaus auf das Gelände der Akademie, wo der Weg hinter einer Pforte zum Weltentunnel führte. »Nachdem all dieses Wissen mit der Schrift verbrannt ist?«
»Welcher Schrift?«
Hiakona stutzte. »Na – die Abhandlung. Über die Unsterblichkeit der Seele. Meister Pomponazzis Traktat.«
Mit einem winzigen Lächeln zwinkerte ihm sein Lehrer zu. »Bist du sicher, dass es verbrannt ist?«
»Was?«
Meister Jharob umrundete den wuchtigen Schreibtisch und ließ sich mit wohligem Seufzen auf seinen Armstuhl nieder. Er wirkte wie einer, dem ein Meisterstück gelungen war.
Dann verließ das Lächeln sein Gesicht, und er beugte sich vor. »Aber angenommen, es wäre so.«
»Wäre es nicht eine Schande um all das verlorene Wissen? Ist es nicht eine Untat, ein solches Werk zu zerstören?«
»Du hast Recht, es ist ein Frevel.« Meister Jharobs Blick wanderte zu dem Regal, indem sich neben vielen anderen Werken der Physio-Energetik auch die Erstausgaben seiner eigenen Abhandlungen fanden. Sorgfältig in Leinen gebunden, nach Themen sortiert und regelmäßig von Staub befreit. »Doch Pomponazzis Wissen lebt in ihm und in den Menschen, die seine Schrift gelesen haben.«
»Dank der Kunst des Buchdrucks. Aber denkt nur an all die Handschriften, die zerstört wurden und nie weitergereicht werden konnten.«
»Wirkliches Wissen geht nicht verloren. Es schläft, bis es wiederentdeckt wird. Immer, wenn wir glauben, ein Ziel sei verwehrt, waren wir zu sehr auf einen einzigen Weg dorthin konzentriert. Die Situation zwingt uns, einen anderen Weg zu suchen. Und er wird gefunden, das liegt in seiner Natur.«
Hiakona schob eine lästige Strähne hinters Ohr. »Aber wenn wir wieder von Neuem beginnen müssen, wiederholen wir nicht auch unsere Fehler?«
»Nicht, wenn wir beständig Wissen weitergeben an unsere Schüler. Vielleicht erweisen sich die alten Wege sogar als falsch. Selbst Gutes kann sich zum Bösen wandeln, wenn wir uns neuen Gedanken versperren. Dagegen kann uns, bei genügend Mut, selbst eine Katastrophe dem Ziel näher bringen.«
Hiakona wollte die Nase rümpfen, stattdessen rührte sich der Anflug eines Gedanken. Als er danach greifen wollte, verschwand er.
Meister Jharob lächelte, nahm eine Feder und begann zu schreiben.
Aber Hiakona war noch nicht fertig. »Erblickt nicht Pomponazzi das Wesen des Menschen in seiner Fähigkeit, über die Natur hinauszugehen und eine moralische Ordnung im Diesseits aufzubauen? Statt tatenlos auf das Jenseits zu warten? Als Energetiker sind wir doch genau dazu in der Lage.«
Meister Jharob sah nicht von seiner Arbeit auf. »In Gedanken, mein junger Freund. In Gedanken über die Natur hinauszugehen. Und er sagt auch: Der Lohn des tugendhaften Handelns ist die Tugend selbst, indem sie den Menschen glückselig macht.«
»Glückselig?« Hiakona wartete, erhielt jedoch keine Antwort außer dem Kratzen der Feder auf Papier. Mit gerunzelter Stirn ging er zur Tür und verließ ohne Gruß das Zimmer.


Zu dem italienischen Philosophen Pietro Pomponazzi (* 16. September 1462 in Mantua;
† 18. Mai 1525 in Bologna) gibt es hier einen Eintrag bei Wikipedia.


2. Auflage, April 2015
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