Bring mich zur Weißglut!

„Wenn ich eins nicht leiden kann, dann sind das undurchdachte, runtergestrickte, falsch aufgezogene Stories! Rawrrrr! Da kann ich so richtig fuchsig werden! Da hab ich schon keine Lust mehr weiterzulesen! Da möcht ich am liebsten das Buch in die Ecke schmeißen! Da will ich dem Autor so richtig die Meinung geigen!“

Durchaus nachvollziehbar, diese Reaktion. Aber vielleicht verkehrt.

Vielleicht, sage ich, denn das hängt natürlich davon ab, ob diese Story tatsächlich undurchdacht, runtergestrickt und falsch aufgezogen ist. Vielleicht ist sie aber auch im Gegenteil wirklich clever gemacht, und ich stecke als Leserin/Zuschauerin deshalb genau so tief mitten in der Handlung wie die Figuren selbst. Ich leide genauso wie die Figuren. Ich bin genau so verzweifelt und am Ende meines Lateins wie sie. Die Lage ist für mich hoffnungslos, es gibt kein Entrinnen, auf mich wartet nur der literarische Tod — ganz wie sich die Hauptfigur fühlt.

Nur, ist das dann nicht ein Zeichen dafür, dass die Geschichte funktioniert? Dass sie wirklich clever geschrieben ist? Dass ich also getrost weiterlesen/weiterzuschauen kann, ja muss!, um zu sehen, wie sich die Helden aus dieser Falle doch noch retten? Oder falls sie’s nicht schaffen, das wäre ja auch legitim — dass ich mit dem Ausgang dennoch hochzufrieden sein kann?

Wie komme ich drauf? Ganz einfach. Ich hatte gestern ein so großes Aha-Erlebnis, dass ich das getrost in die Kategorie ‚Meilensteine in Sabines Erkenntnissen zum Universum‘ einordnen möchte. Oder so.

Was war? Ich habe ein koreanisches Seriendrama zu Ende geguckt. Falls du das noch nicht kennst: Diese Dramen sind in sich abgeschlossene Serien mit 20, 40 oder auch mal 50 Episoden. Dieses Format ist typisch für asiatische Serien. Auf Einzelheiten und Eigentümlichkeiten will ich an dieser Stelle nicht eingehen, das würde zu weit führen. Eines aber kann ich feststellen: Nicht nur als AutorIn solltest du dir das wirklich mal zu Gemüte führen. Hier kannst du noch einiges lernen über Dramaturgie, Handlungsaufbau und Spannungsbögen. (Und so leid mir das jetzt für die Kollegen in Hollywood oder gar hier in D tut: Da solltet ihr euch ruhig ein paar Scheibchen abschneiden. In dieser Hinsicht sind wir Entwicklungsland, echt mal. Vor allem Plot fällt hierzulande allmählich hinter Spezial-Effekten weit, weit zurück. Und das nicht nur im Film.)

Zurück zu meinem Drama. Die Handlung braucht uns im Detail hier gar nicht zu interessieren, der Teufel steckte hier ausnahmsweise im Gerüst: der Figurführung! Bekanntlich hat ein Drama mindestens eine Hauptfigur und mindestens einen Gegenspieler. Gleiches kann man unverändert auf den Roman übertragen. Mit schöner Regelmäßigkeit hat unsere Hauptfigur außerdem einen sogenannten Love-Interest, also eine andere Figur, in die sich die Hauptfigur verliebt, was regelmäßig einen zweiten Handlungsstrang eröffnet. Je nach Genre ist das der eigentliche Hauptstrang, ein wichtiger Nebenhandlungsstrang oder halt eben nur einer, der so nebenbei mitläuft. Einige Dramen/Romane kommen auch ganz ohne aus. Wenn aber ein solcher Love-Interest in die Handlung einbezogen ist, dann ist eine ungeschriebene Regel die, dass die Hauptfigur mit dem Love-Interest zusammenkommt (oder eben nicht, je nach Prämisse) und der Gegenspieler am Ende besiegt wird (oder eben nicht). Was gar nicht geht, ist, dass der Gegenspieler mit Leichtigkeit den Love-Interest abkriegt und die Hauptfigur problemlos schlägt und diese Hauptfigur am Ende alles verliert, ohne je eine Chance auf den Sieg gehabt zu haben. Das geht noch nicht einmal in einer waschechten Tragödie. Denn das wäre wirklich, wirklich verdammt ärgerlich und die vielen Stunden vor dem Bildschirm vertane Lebenszeit!

Mit meiner Wut mitten drin in der Handlung

An diesem Punkt war ich bei „meinem“ Drama bei den letzten paar Episoden. Ich gestehe, ich begann, erst die Autoren, dann den Gegenspieler zu hassen für das, was sie der Hauptfigur antaten. Die von Anfang sich selbst überlassen war und am Ende von allen verlassen worden war, sogar denen, die diese Figur erst vorangetrieben hatten! Unfairer geht’s wohl nicht, eine echte Sauerei von diesen Autoren! Hatten die denn wirklich ihre Hausaufgaben nicht gemacht? Wenn eine von zwei Figuren den Love-Interest abkriegt, ist sie die Hauptfigur, dann ist sie es aber auch, die bis zum Ende zittern muss! Dann kann sie nicht die Funktion des übermächtigen Gegenspielers haben, der die andere Figur mit Leichtigkeit in Grund und Boden stampft. So läuft das einfach nicht!

Zum Glück wollte ich wirklich, wirklich wissen, was aus der armen Figur wurde und so hab ich bis zum bitteren Ende ausgeharrt. Welches dann nicht nur gar nicht bitter war, sondern so richtig klasse. Selten hat mich eine Lösung so sehr befriedigt, selten war ich mit einem Ausgang so glücklich wie da. Warum? Weil ich (mit-)gelitten habe — und wie! Weil ich bis zum Schluss gehadert und gewütet habe und mich vom letzten Plot-Twist so befreit und erleichtert gefühlt habe, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Und das hätte ich verpasst, wenn ich zu früh aufgegeben hätte.

Mit reichlicher Verspätung verstehe ich endlich auch die wirklich erboste Lesermeinung, die ich mir zu meinem Südfrankreich-Thriller Trau mir nicht! eingefangen habe:

Es ist ein großes Durcheinander. Plötzlich verschwindet Isabels Großmutter Elionor, sie wurde entführt. Warum und wozu weiß nur der liebe Gott. Die Autorin will das Geheimnis wohl für sich behalten.
Es taucht ein Mann mit Namen Luc auf der aber eigentlich André heißt, mit Isabel befreundet war und dann plötzlich verschwand. Näheres erfährt man darüber nicht. Plötzlich verschwindet er wieder, wird gefangen gehalten, warum ist wieder ein Geheimnis. Jetzt sind eine ganze Menge Personen im Spiel, aber man ist immer noch ratlos, was passiert hier eigentlich.
Nach 60% habe ich aufgehört zu lesen, weil es mich jetzt überhaupt nicht mehr interessiert. Ich kann diesen Roman wirklich nicht weiter empfehlen, außer sie wollen sich über ein Buch so richtig ärgern. Ich habe es getan!!

— Kundenrezension, nachzulesen hier

Als Autorin sagt mir das zweierlei: Erstens, es ist gut und richtig, die Leser wütend zu machen. Dann habe ich sie wirklich erreicht. Zweitens, es ist verdammt gefährlich, die Leser wütend zu machen. Denn falls sie mich zu sehr hassen, habe ich sie wahrscheinlich für immer verloren.

Alles steht und fällt mit dem Vertrauen der Leser in meine Fähigkeiten, meinen Sachverstand als Autorin.

Meine oberste Pflicht als Autorin ist es also, schon auf  den ersten Seiten klarzumachen:

  • Ich, Autorin, weiß, was ich hier mache. Ich kenne mein Handwerk, ich kenne mein Genre, ich weiß, was du, LeserIn, erwartest,
  • und: Ich werde dich nicht enttäuschen!

Natürlich erwarten Leser zu recht vor allem, dass die Handlung unerwartete Wendungen bietet. Trotz und gerade wenn sie schon viele, viele Handlungsverläufe kennen und vorhersagen können. Das macht die Sache für mich als Autorin nicht gerade einfacher, aber wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder. Also ist es mein Job, dich trotzdem immer wieder zu überraschen. Dazu muss ich Wagnisse eingehen. Und manchmal geht das schief, eben wenn es dir an Vertrauen mangelt. Dann hat es zwischen uns nicht geklappt, und das tut mir leid. Ich verspreche jedoch, dass ich mein Bestes geben werde, mir diesen Vertrauensvorschuss zu erarbeiten, damit du mir in Zukunft bereitwillig bis zur befriedigenden Auflösung folgst.


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Merkwürdige Vorfälle überschatten Isabels Ferien auf dem Familiensitz in Südfrankreich. Aggressive neue Nachbarn beunruhigen sie, nur knapp entgeht Isabel einigen seltsamen Unfällen. Und sie spürt, dass Luc, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hat, etwas vor ihr verbirgt. Was weiß er über die Vorgänge im Ort?

Die Wahrheit übersteigt ihre schlimmsten Befürchtungen. Isabel gerät in die internen Machtkämpfe einer internationalen Bande, und plötzlich ist nicht nur ihr Leben in Gefahr, sondern auch das ihrer Familie. Als die Ereignisse sich überschlagen, geht Isabel ein riskantes Bündnis ein. Um ihre Familie zu retten, bleibt ihr keine andere Wahl als der Gegenangriff – selbst, wenn sie gegen den Mann antreten muss, den sie liebt.

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