Autoren, die auf Zahlen starren

Deutlicher formuliert: Autoren, die auf ihren Verkaufsrang starren und versuchen, mit bloßer Willenskraft den Sprung in die TOP 1000, die TOP 100, die TOP 10 zu bewirken.

Das wollte ich nicht sein. Ich bin Romanautorin, ich habe Wichtigeres zu tun, zum Beispiel den Jugendroman lektoratsreif zu schleifen, die beiden Agenten-Thriller zu feilen und den SF-Roman zu Ende zu schreiben. Stattdessen drücke ich wieder und wieder auf F5.

Warum nur? Worum geht es bei der ganzen Veröffentlichungssache eigentlich? Geld? Ruhm? Die Weltherrschaft?
Nachdem ich mir diese Frage ernsthaft gestellt habe – und nicht nur einmal –, komme ich zu dem kaum überraschenden Ergebnis: Es ist nichts von alldem. Es geht mir um die Poesie der reinen Worte, um das Herauskristallisieren des klaren Gedankens …

Alles Quatsch.

Es geht, wie so oft, um Anerkennung. Schreiben ist der Teil von mir, der mich definiert. Wer es jemals selbst versucht hat, kann sich vorstellen, was das bedeutet in einer Umwelt, die der Meinung ist: Wer soll denn ausgerechnet dein Zeug lesen wollen? Du bist doch nur du.

An die Skepsis der Mitbürger gewöhnt man sich schnell, ich kenne wenig Autoren, die gerne in ihrem privaten Umfeld zugeben, dass sie schreiben. Die erste Frage lautet meist: Hast du schon was veröffentlicht? Und dann kommt das peinliche Schweigen, vielleicht ein mitfühlendes Lächeln, wenn man antwortet, nein, das kann Jahre dauern, bis es so weit ist.

Also behält man es für sich, fühlt sich einsam und durstet nach jedem möglichen Austausch mit Gleichgesinnten. Die Jahre vergehen, aus Anfängern werden Fortgeschrittene, man hat die eine oder andere Kurzgeschichte veröffentlicht, man tauscht sich im Internet aus, knüpft Kontakte zu schon erfolgreichen Kollegen. Man hat Zehntausende, Hunderttausende, Millionen von Wörtern geschrieben, überarbeitet, verworfen, neu geschrieben. Man kennt sich mit Theorie und Praxis schon ganz gut aus. Schreibratgeber erzählen einem wenig Neues. Man ist bereit!

Und irgendwann kommt der Tag, da ist der erste eigene Roman lieferbar. Und dann beginnt das Warten. Das Hoffen, Bangen, Verzagen. Und der Gedanke, der sich nicht vertreiben lässt: Warum sollte irgendwer ausgerechnet dein Zeug lesen wollen? Du bist doch nur du.

Wenn es dann geschieht, wenn jemand deinen Roman kauft, und noch jemand, und noch jemand, dann spielt der Kreislauf verrückt. Darf ich mich freuen? Ist das der Anfang vom Erfolg? Oder nur ein Versehen? Werden sie es lesen? Wird es ihnen gefallen? Was, wenn nicht?

In diesen Momenten hilft nur das überzeugte Wissen, dass man es gut gemacht hat. Dass man eine spannende Geschichte geschrieben hat, mit all dem handwerklichen Können, das man besitzt. Wenn sie den Lesern nicht gefällt, dann ist das nicht zu ändern. Die Geschmäcker sind verschieden.

So beruhigt man sich also und hofft, die Geschmäcker mögen gar nicht so verschieden sein und der Roman weiterempfohlen werden. Denn dann darf man sagen: Was die da lesen, das ist von mir. Das bin ich. Und warum? Weil man sich sehnlich wünscht, von den Kollegen wahrgenommen zu werden – dass man nun dazugehört.

5 Comments

  1. Du triffst mit deinem Blogeintrag einen Nerv bei mir. Auch ich habe die letzten Tage viel über diese Anerkennung nachgedacht, nach der wir uns wohl alle sehnen.
    Wichtig ist, dass wir uns auf dieser Suche weder verwirren noch verrennen. Diese Suche nach Anerkennung kann nämlich kippen und zu einem Vergleichen werden. Warum hat der andere Autor mehr Rezis / mehr Follower / mehr FB-Freunde / mehr Medienpräsenz / mehr Verkaufszahlen? Oder man erreicht sein Ziel (Verkaufszahlen / Rezis / ect.) und es reicht nicht, weil man mehr möchte, weil das Erreichte normal wird, die Messlatte höher gelegt werden kann. Die gefühlte Skala ist nach oben offen.
    Es gibt einen Film über Falco, den Sänger aus Österreich. In einer Szene sitzt er in einer Bar und erfährt, dass er soeben die Nummer 1 in den USA geworden ist. Statt sich zu freuen wie blöd, fällt er in ein Loch. Denn: Höher geht nicht mehr. Was jetzt?
    Ich denke, es geht allen gleich mit dieser Suche nach Anerkennung. Aber sie darf uns nicht vereinnahmen und wir sollten uns immer bewusst sein, dass Anerkennung nicht von Zahlen abhängt, egal welcher Art.

    1. Darüber muss ich noch ein paar Mal nachdenken, liebe Alice. Deine Antwort trifft offenbar ihrerseits einen Nerv bei mir, denn genau dieses Vergleichen will ich nicht. Nicht mit erfolgreichen Kollegen, nicht mit denen, die noch in den Startlöchern stehen. Zuoberst und zuallererst soll beim Schreiben immer die Freude am Erzählen stehen, und wie leicht die verloren gehen kann, wenn man nur die Verkaufszahlen im Blick hat, liegt auf der Hand.
      Danke für die Warnung 🙂

  2. Liebe Sabine,

    vielleicht wirst du dich wundern, aber dieses Suchen nach Anerkennung hört auch dann nicht auf, wenn man bereits sieben Romane veröffentlicht hat. Wird es irgendwann genug sein? Ich glaube nicht. Aber vielleicht hat as auch sein Gutes-denn es ist wie ein Motor, der dich antreibt, immer mehr, immer Besseres zu schreiben! Und ich gebe Alice recht: Die Zahlen sind es am wenigsten, die uns wirklich zufrieden machen. Das Beste am Schreiben ist der Prozess des Schreibens selbst-jede Anerkennung, so wichtig sie auch ist, kann mehr oder weniger nur Zugabe sein.

    Alles Gute
    Christa

  3. „Schreiben ist der Teil von mir, der mich definiert.“
    „Du bist doch nur du.“

    Was fuer ein brillant auf den Punkt gebrachter Artikel.
    Ich bin fast fuenfzig.
    Ich schreib‘ seit fast vierzig Jahren.
    Seit ich Deinen Text gelesen habe, hab ich das Gefuehl, ich hab endlich mal den Spiegel abgewischt, um das schreibende Ich anzuschauen.

    Ich glaub, ich muss mal ein Buch von Dir lesen, weil Du doch nur Du bist.

    Alles Gute.
    Charlie

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