Am 30. Mai ist der Weltuntergang

„Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang
wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang.“

… sang schon das Golgowksy-Quartett 1954.
(Den vollständigen Text findest du hier: http://ingeb.org/Lieder/am30maii.html)

Laut Sascha Lobo munkelt man in hochrangigen Polizeikreisen, ein Viertel der sächsischen Polizisten seien Nazis. „Immerhin wären drei Viertel keine Nazis, ein Teilerfolg. Haha“, fügt er sarkastisch hinzu. Schlimmer sei aber vor allem, dass man in diesen hochrangigen und noch höherrangigen Kreisen da stumm zuguckt. Wo er recht hat. Was ist da los? Ist das schweigende Zustimmung oder Resignation?

Resignation ist überhaupt ein Stichwort.

Wenn man morgens die Nachrichten liest, drängt sich der Gedanke auf, der Weltuntergang ist beschlossene Sache. Rechte Gewalt gehört weltweit zum täglich Brot, „Gutmensch“ ist das neue „asozial“, die EU bricht auseinander, der Neue Kalte Krieg geht allmählich in einen heißen über, „Die Forschung spricht schon von einer Spät- oder Untergangsphase der Demokratie“ (Zitat FOCUS, der die „Mitteldeutsche Zeitung“ zitiert , die einen „Professor für Bildungsmanagement“ wie oben zitiert.)

Den französischen Ökonom Jacques Attali zitiert der FOCUS gleich noch mit, also eigentlich zitiert er wiederum ein Zitat aus einem Interview des Fernsehsenders BFMTV: „Ich bin überzeugt: Wenn wir weitermachen wie jetzt, wird es vor Ende des Jahrhunderts einen neuen französisch-deutschen Krieg geben“.

Ja hurra, da haben wir sie doch, die Lösung: Wir machen einfach nicht so weiter wie bisher!

Apropos Bildungsmanagement. Wie ein guter Freund zu sagen pflegt:

„Demokratie kostet enorm viel Geld – und jeder Cent davon müsste ins Bildungssystem fließen.“

Witzig, wenn man bedenkt, dass seit Jahren in Deutschland genau das Gegenteil geschieht. Eigentlich nicht witzig. 10% der Weltbevölkerung besitzen 90% des Weltvermögens. Und machen damit was? Noch mehr Vermögen anhäufen. Solidargemeinschaft? Nie gehört. Sterben müssen sie trotzdem irgendwann. Nur nebenbei.

Auf das Geld, das da wäre, aber fest gebunden und mit Klauen verteidigt, können wir also nicht zählen. Also was dann – stolpern wir weiter sehenden Auges in den Untergang? Lehnen wir uns zurück und warten, bis wir dran sind?

Da halte ich es lieber mit Eigeninitiative. Lesen bildet bekanntlich und erweitert den Horizont. Geht auch mit Vorlesen. In unserem finanziell und personell prekären Schulsystem ist jede Unterstützung hilfreich. Zum Beispiel in der Nachhilfe, der Hausaufgabenbetreuung, Lesegruppen. Eltern können und sollten darauf bestehen, dass Schulen Fördermittel für solche Gruppen beantragen. In einer Demokratie — und noch leben wir in einer — haben es die Wähler in der Hand, Stadräte, Landtage, den Bundestag unter Druck zu setzen. Um mehr Mittel in die Bildung fließen zu lassen, antidemokratische Bestrebungen zu unterbinden, Solidarität zu fördern.

Transparentere Demokratie ist möglich, das zeigt der Beschluss des Bundestags zur Vergabe von Hausausweisen für Lobbyisten. Künftig können Fraktionen solche Ausweise nicht mehr selbst und geheim vergeben, noch dazu mit unbegrenzter Gültigkeit. Zwar musste die Offenlegung solcher Mauscheleien erst vor Gericht erstritten werden — aber es hat funktioniert. Weil manche sich nicht einfach in die lange Schlange der Lemminge einreihen wollen, um nachzurücken bis sie dran sind mit In-den-Abgrund-springen.

Was kann aber jeder einzelne von uns tun?

Man kann sich zusammensetzen und Gedanken austauschen, gemeinsam essen, Solidarität leben. (Da ist es wieder dieses Wort!) Das geht sogar mit Menschen, die man vorher noch gar nicht kannte, die bisher so ganz anders lebten als wir, zum Beispiel mit Flüchtlingen. Auch in Sachsen.

Man kann Nachrichten, Meldungen, Meinungen hinterfragen. Sogar die eigene. Besonders die eigene! Immer wieder prüfen, ob das noch förderlich ist für unser Zusammenleben oder nur noch ängstlich, zerstörerisch, fatal. Angst und Hass wirken virulent und epidemisch, aber jede Krise mobilisiert immer auch heilende Kräfte, eigene und solidarische.

Wir werden alle sterben, das ist gewiss, aber wir müssen nicht alle gleichzeitig durch kollektives Nichtstun elendig krepieren. Du wartest auf einen Ritter in strahlender Rüstung? Wach auf, Dornröschen — du selbst bist es. Die Dinge werden besser, wenn du auf andere zugehst. Das weißt du doch auch.

Sweet Solitude

„Doch keiner weiß, in welchem Jahr
und das ist wunderbar.
Wir sind vielleicht noch lange hier
und darauf trinken wir.“

 

2 Comments

  1. Nat

    Ja so ist das mit den „Nachrichten“ und „News“. Irgendwer zitiert irgendwen, der jemand anders zitiert hat. Daraus wird eine „Nachricht“ generiert, möglichst mit angstmachender Schlagzeile.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang eigentlich nur, das ich mittlerweile irgendwas, das der Halbruder meiner verschollenen Großtante jüngst zum Schwager seines Friseurs gesagt hat, twittern könnte und mit etwas Glück, das dann unter Berufung auf „Laut Medienberichten“ in irgend einem Newsdingen als „Nachricht“ verkauft wird.
    Nachrichten passieren ja nicht, die werden gemacht. Und wo etwas gemacht, also erzeugt, bzw. hergestellt, wird, steht auch immer ein Interesse dahinter.

    „…einen neuen französisch-deutschen Krieg“ vor Ende des Jahrhunderts. Ja nu, immer her damit, wenn es doch nur nicht so schwammig wäre. Vor Ende des Jahrhunderts, kann vieles bedeuten. Nächste Woche oder auch erst 2099. Also in jedwedem Zusamenhang völlig irrelevant.

    Das ist das Eine. Das andere und vielleicht auch viel Wichtigere ist, das ich mir, sorry für die Wortwahl, regelrecht verarscht vorkomme. Nicht von dir, Sabine:)

    Sondern von all diesen „Medien“, diesen „Politikern“, egal welcher Couleur, die gerade so tun als ob rechte Gewalt, Fremdenfeindlichkeit….Huch, wo kommt das denn her?
    Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Hoyerswerda… alles schon wieder vergessen?
    Seit der „Herstellung der Einheit Deutschlands“ hat sich da mal so gar nichts geändert.

    lg
    Nat

    1. Ja, ja und ja. Wegsehen einerseits und Nachplappern andererseits bilden eine ganz unheilige Allianz. Mir fiel die Tage auf, wie immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird: „Alles hat sich verändert und niemand will das!!!!!einseinsölf!!“

      Dabei bin ich gar nicht sicher, dass das so stimmt. Natürlich hat sich was verändert: Wir haben es plötzlich mit vielen Menschen zu tun, die unsere Hilfe dringend brauchen. Alles andere ist aber doch nicht neu: die Kriege, die Nazis, der Neid, der Hass. Nur mussten wir das in unserem Wolkenkuckucksheim bisher nicht zu Kenntnis nehmen.

      Auffällig ist dagegen, dass die Geflüchteten selbst gar nicht so viele Veränderungen mit sich bringen. Hier im Ort – gar nicht weit von mir – gibt es auch so eine provisorische Erstunterkunft. Die Menschen gehen zu Fuß hier vorbei zum Einkaufen. Man begegnet ihnen an der Kasse. Das ist alles.

      Laut und unsozial sind nach meiner Wahrnehmung nur die, die sich gegen eine vermeintliche Änderung wehren. Ja, welche denn? Hab ich immer noch nicht raus. Also abgesehen von all den Fakes und Verleumdungen.

      Was wäre, wenn wir einmal alle kurz überlegten und feststellten, dass sich in Wahrheit kaum etwas verändert hat?

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