Hase und Igel

Wer kennt nicht das volkstümliche Märchen vom Hasen und vom Igel, die sich zu einem Wettrennen treffen – und der Igel „gewinnt“.

Wie kann das sein, fragt sich der Hase und versteht die Welt nicht mehr.

Damit steht er nicht allein, auch anderen fällt es bisweilen schwer, den Überblick zu behalten. Da hätten wir die griechische Finanzkrise zum Beispiel. Für meinen Fantasy-Roman Himmelsmacht, dessen Rohfassung ich im Dezember 2007 abschloss, wählte ich unter anderem Griechenland als Hintergrund. Der Romantik wegen, und weil ich die Griechen, die Sprache, das Land mag. Seither habe ich meine Geschichte zweimal auf die fortschreitenden wirtschaftspolitischen Gegebenheiten anpassen müssen. Schon 2009 war der G8-Gipfel in Heiligendamm kalter Kaffee, meine romantische Ägäis-Kulisse hatte plötzlich eine dramatische Bedeutung angenommen.

In den letzten Wochen unterziehe ich das Projekt erneut einer gründlichen Überarbeitung – und werde wieder von den Ereignissen überholt. Nun ist also das Krisenpaket geschnürt und die Bundeskanzlerin überzeugt, dass Europa stärker aus der Krise hervorgeht, als es hineingegangen ist – was das für die Griechen heißt, bleibt dahingestellt.

Und wie soll ich als Autorin mit all dem umgehen? Soll ich mir eine neue Kulisse suchen? Eine, die nicht bis zum Erscheinen eines fertigen Buches noch dreimal angepasst werden muss? Soll ich politisches Tagesgeschehen außen vor lassen und meine Geschichte vollends in einer Fantasie-Welt spielen lassen? Wäre das aber Sinn der Sache?

Meiner Ansicht nach ist die Fantastik hervorragend geeignet, reale Gegebenheiten und Konflikte in einer Weise aufzuarbeiten, die es AutorIn und LeserIn ermöglicht „so zu tun als ob“. Szenarien durchspielen. Denkmodelle bauen. Gucken, was passiert, wenn A auf B trifft – losgelöst von allem, was wir zu wissen glauben. Lösungsansätze suchen, die sich im Charakter der Figuren begründen, statt in den Verflechtungen realer Gesellschaften. Der Mikrokosmos einer fiktiven Welt ermöglicht Gedankenexperimente, die an der Unüberschaubarkeit realer kosmopolitischer Strukturen scheitern müssten.

Die Kunst steckt dann allerdings darin, die Modelle zurückzuführen auf das nachfühlbare Erleben der Romanfiguren. Protagonisten und Antagonisten sind dann nicht mehr abstrakte psychosoziale, wirtschaftliche oder politische Interessen, sondern Charaktere mit all ihren Bedürfnissen, Leidenschaften und Fehlern.
Hase und Igel eben.

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